Arena in Fröttmaning:Was die Polizei über die Greenpeace-Aktion weiß

Am Tag nach der Bruchlandung des Umweltaktivisten im Münchner Fußballstadion steht fest: Die Besucher hatten Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Und der Pilot ist wohl an einer Begegnung mit Scharfschützen vorbeigeschrammt. Ihm droht eine Haftstrafe.

Von Martin Bernstein

Der Gleitschirmflieger, der nach einer missglückten Greenpeace-Aktion am Dienstagabend unmittelbar vor dem Anstoß des EM-Vorrundenspiels auf dem Rasen der Münchner Fußball-Arena notlanden musste, muss möglicherweise mit einer Haftstrafe rechnen. Bei dem zeitweise kaum noch kontrollierten Flugmanöver direkt über den Zuschauerrängen des mit 14 500 Menschen besetzten Stadions verletzte der Pilot zwei Männer am Kopf.

Videos von Augenzeugen zeigen, wie dicht über die Fans der Mann bei seinem taumelnden Flug hinwegschrammte - so niedrig, dass viele Zuschauer die Köpfe einzogen. Die Verletzten, ein 42 Jahre alter ukrainischer Staatsbürger, der für die Veranstalter tätig ist, und ein 36 Jahre alter Mann aus Frankreich, möglicherweise Mitarbeiter eines Medienunternehmens, wurden durch den Rettungsdienst medizinisch versorgt und zur weiteren Abklärung in Krankenhäuser gebracht. Der 42-Jährige war auch am Mittwochmittag noch in der Klinik.

Die Münchner Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, das Strafgesetzbuch sieht dafür jeweils eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren vor. Ob die Ermittlungen auch auf Verantwortliche bei Greenpeace Deutschland ausgedehnt werden, war am Mittwochmittag noch offen.

Der 38 Jahre alte Mann aus Pforzheim in Baden-Württemberg hat darüber hinaus aber auch gegen die vom Bundesverkehrsministerium erlassene Flugbeschränkung verstoßen. Auch das könnte für ihn teuer werden oder ihn sogar ins Gefängnis bringen. Während der vier in München geplanten EM-Spiele - die weiteren finden am 19. und 23. Juni sowie am 2. Juli statt - dürfen über und rund um die Münchner Arena keinerlei Flüge stattfinden, auch nicht mit Flugmodellen oder unbemannten Geräten, sogenannten Drohnen.

Die Sperrzone hat einen Radius von drei nautischen Meilen (knapp 5,5 Kilometer) um das Stadion und umfasst den gesamten Münchner Nordosten sowie die außerhalb der Stadt liegenden Kommunen Garching, Oberschleißheim, Ismaning und Unterföhring. Das "Flugbeschränkungsgebiet Fröttmaning" reicht nach Angaben der Deutschen Flugsicherung (DFS) vom Boden bis in eine Höhe von gut 3000 Metern. Die Beschränkungen treten jeweils sechs Stunden vor Spielbeginn in Kraft und enden etwa eine Stunde nach Abpfiff.

Einen 48 Jahre alten Mann aus Nürnberg, der am Dienstagabend eine Drohne im Flugbeschränkungsgebiet um die Fußball-Arena München gesteuert hatte, nahm die Polizei ebenfalls fest. Ein Zusammenhang mit dem Gleitschirmflug habe nach derzeitigem Kenntnisstand aber nicht bestanden, hieß es aus dem Präsidium.

Wo der Pilot mit seinem motorgetriebenen Gleitschirm, der offiziell als Ultraleichtflugzeug eingestuft wird, gestartet ist, hat die Münchner Polizei noch nicht mitgeteilt. Der Flieger habe sich, so Polizeisprecher Andreas Franken, dem Stadion von Norden her genähert. Greenpeace zufolge flog der Pilot mit einem Elektromotor, der mit einem Lithium-Ionen-Akku betrieben wird. Der Motor war in technisch einwandfreiem Zustand, neu und geprüft. Aus noch nicht geklärten Gründen fiel die manuelle Gassteuerung zeitweise aus, der Pilot verlor an Höhe und touchierte dabei ein Stahlseil. Er musste eine Notlandung im Stadion durchführen. Unklar ist, von wo genau er gestartet ist.

Der einzig erhöhte Punkt in der Nachbarschaft der Arena ist der 75 Meter höher gelegene Fröttmaninger Berg, eine renaturierte Müllkippe. Weil der Berg aber aufgrund seiner Nähe zum Stadion - nur die Autobahn trennt die beiden Landmarken - und seiner Höhe ein neuralgischer Punkt im Sicherheitskonzept der Polizei ist, waren dort Beamte stationiert. Als Startpunkt für den Piloten scheidet er daher aus.

Möglicherweise hatte der Umweltaktivist beim Start Helfer. Denn der ursprüngliche Plan war es nach Darstellung von Greenpeace, dass der Gleitschirmflieger über dem Stadion kreisen und von dort einen gelben Latex-Ball mit der Aufschrift "Kick out oil!" abwerfen sollte.

Das ging gründlich schief. Beim Anflug übers Stadiondach kam der Mann mit seinem Fluggerät einem der zwei über die Öffnung gespannten Blitzableiter zu nahe, das zumindest berichten Mitarbeiter der Firma, die die "Spidercam" genannte "Fliegende Kamera" betreibt. Videos zeigen, wie der Pilot den Ball verliert, ins Trudeln kommt und seinen Gleitschirm erst knapp oberhalb der Tribünen wieder abfangen kann. Nach der Notlandung auf dem Rasen mitten in der deutschen Abwehrreihe eilen die beiden Spieler Antonio Rüdiger und Mats Hummels auf den Mann zu. Sicherheitskräfte führen den Bruchpiloten ab, Polizisten nehmen ihn fest. Er sei nicht verletzt, soll der Flieger den Beamten gesagt haben. Am Mittwoch war der 38-Jährige nach Polizeiangaben schon wieder auf freiem Fuß, weil keine Haftgründe gegen ihn vorlagen.

Erfahrene Gleitschirmflieger bestätigen, welches Glück der Mann hatte - und wohl auch die Zuschauer im Stadion. Von einer "unverantwortlichen Aktion", bei der eine erhebliche Gefährdung von Menschenleben in Kauf genommen worden sei, sprach die Polizei. Auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) fehlt jedes Verständnis "für derartige Aktionen, insbesondere wenn dadurch andere Menschen gefährdet werden". Den Verletzten wünschte er gute Besserung.

In Bedrohungsfällen werden auch Scharfschützen eingeschaltet

Dass die missglückte Greenpeace-Aktion trotz allem noch glimpflich ausgegangen ist, wurde bei einer Presserunde der Münchner Polizei deutlich. Der Anflug des Ultraleichtflugzeugs war nämlich von Polizisten bemerkt worden und die Beamten mussten in kürzester Zeit entscheiden, wie zu reagieren sei. Es gebe natürlich "Konzepte für derartige Maßnahmen", bestätigte Polizeisprecher Franken - und auch, dass "taktische Maßnahmen vorbereitet" wurden.

Noch deutlicher wurde Frankens oberster Dienstherr, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), in einem Bild-Video: Den Piloten habe möglicherweise nur der "Greenpeace"-Schriftzug auf dem Gleitschirm vor einem Abschuss durch Scharfschützen bewahrt. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang, dass Hubschrauber für derartige Fälle am Stadion in Bereitschaft stehen.

Bei den kommenden Spielen wird einer davon wohl permanent um die Arena kreisen. Denn der Greenpeace-Aktivist hat jetzt vorgemacht, wie man in den vermeintlichen Hochsicherheitsbereich eines Stadions hineinkommen kann. Ein großes Problem für Polizei und Bundeswehr, die den Luftraum überwachen. "Die Reaktionszeit ist kurz", sagt Andreas Franken.

© SZ.de/infu, van
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