Gratulationen "Glückwünsch zum Jubliäum aus vollem Herzen"

Sechs Münchner Beobachter, Künstler und Wegbegleiter formulieren ihre Wünschen zum 150. Geburtstag der SPD

Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing

(Foto: Robert Haas)

Auch wenn die Bayern-SPD den gegenteiligen Eindruck erweckt: Gerade in München, wo viele Menschen den Eindruck haben, die Leidtragenden eines Booms zu sein, von dem nur andere profitieren, erscheint die SPD unverzichtbar. Es braucht eine SPD, die die Interessen der Arbeitnehmerschaft vertritt, wenn Alteingesessene sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können oder wenn Pendler Fahrverbote aus Mangel an Alternativen fürchten müssen.

Die Münchner SPD verdankt es auch dem Pragmatismus ihres Oberbürgermeisters, dass sie glaubhaft für sich in Anspruch nehmen kann, die Rahmenbedingungen des Erfolgs der Stadt sozial verträglich zu gestalten.

Aber die Wahlergebnisse zeigen auch: Die Bürgernähe von Dieter Reiter und dessen umsichtige Hartnäckigkeit, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Interessenlagen etwa mit Blick auf Ausweisung neuer Baugebiete in einen Ausgleich zu bringen, reichen allein nicht aus. Die SPD muss auf allen politischen Ebenen glaubhaft machen, dass sie die Lebenswelt der Arbeitnehmer kennt und auch deren Sprache spricht.

Luise Kinseher, Kabarettistin

(Foto: Robert Haas)

Während am 1. März 1869 Münchner Arbeiter einen Verein gründeten, der später die Münchner SPD formierte, schwelgte ihr bayerischer König Ludwig II. in weit höheren Sphären und plante die Grundsteinlegung für Schloss Neuschwanstein nur ein halbes Jahr später am 5. September.

Es wäre vermessen zu glauben, die ersten Münchner SPDler hätten etwas mit der Weltflucht des Königs zu tun, hätten ihn gar vertrieben, nein, er war eh ein München-Verächter, aber es ist anzunehmen, dass Arbeiter und König dieselben Motive hatten: die gesellschaftlichen Umbrüche, ideologischen Widersprüche und Gegensätze ihrer Zeit. Freilich waren die ersten Münchner Genossen zunächst nur ein illegaler Haufen von Menschen mit neuen revolutionären Ideen, aber solche hatte König Ludwig II. schließlich auch!

Herausgekommen ist einerseits eine Partei, die die Gestalt Münchens maßgeblich mitgeprägt hat. Und andererseits ein weltberühmtes Schloss, das die Münchner gerne mal vor lauter Überschwang mit in ihre Silhouette malen. Freilich sind beide nach so vielen Jahren renovierungsbedürftig geworden, aber Schloss und SPD stehen noch und haben mehr gemeinsam, als man denkt! Und da darf man schon gratulieren und in Demut den Hut ziehen, in Anbetracht dessen, was da vor 150 Jahren so alles seinen Anfang nahm!

Siegfried Benker, Geschäftsführer Münchenstift, ehemaliger Rathaus-Fraktionschef der Grünen

(Foto: Robert Haas)

Als die SPD gut 120 Jahre alt war (und die Grünen gerade zehnten Geburtstag hatten), 1990, haben SPD und Grüne (bald mit der Rosa Liste) eines der stabilsten rot-grünen Bündnisse auf kommunaler Ebene geschmiedet. Zusammen konnten wir den Muff eines Erich Kiesl aus der Stadt genauso vertreiben wie den rigiden Ordnungswahn der Achtzigerjahre. Gemeinsam konnten wir diese Stadt tatsächlich liberal und weltoffen gestalten. Gemeinsam konnte gezeigt werden, dass die Zukunft dieser Großstadt im Zusammendenken von sozialen und ökologischen Fragen besteht. Und dass Münchens Zukunft im Zusammenspiel von Urbanität und Ökologie entsteht. Liebe SPD, ich gratuliere zu 150 Jahren immer wieder großer Geschichte - aber zum Geburtstag wünschen würde ich mir, dass München wieder ein spannendes sozial-ökologisches Projekt wird.

Heinrich Birner, Geschäftsführer Verdi München

(Foto: Sachelle Babbar/imago)

Ich gratuliere meiner Münchner SPD von ganzem Herzen zum 150. Geburtstag und wünsche ihr auch für die nächsten 150 Jahre viele und großartige Erfolge. Mein Weg in diese Partei war ein holpriger. Seit der Jahrtausendwende hatte ich immer wieder mal im Kopf, in die Münchner SPD einzutreten. Anlass war die konsequente Haltung der Münchner Sozialdemokraten, wenn es um die kommunale Daseinsvorsorge ging. Entgegen allen neoliberalen Trends wurden die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung, die Müllabfuhr oder die Kliniken nicht an private Investoren verhökert, sondern in kommunaler Eigentümerschaft gehalten. Dann kam am 14. März 2003 die unsägliche Agenda-Rede von Gerhard Schröder. Damit war es erst mal aus. Am Tag nach Schröders Abwahl bin ich dann endlich SPD-Mitglied geworden.

Die SPD war immer erfolgreich, wenn sie für eine bessere und gerechtere Gesellschaft eingetreten ist und dafür Zukunftsvisionen entwickelt hat. Und darauf darf die Partei an ihrem runden Geburtstag auch stolz zurückblicken.

Wenn ich meiner Partei etwas mit auf den Weg geben darf, dann ist es dies: Auch heute, im Jahr 2019, kommt es darauf an, ein Bild zu entwickeln, wohin die Stadtgesellschaft in den nächsten zehn Jahren entwickelt werden soll. Wie soll 2030 in München das gesellschaftliche Zusammenleben aussehen? Und vor allem, wie schaffen wir es, die digitale Gesellschaft zum Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger zu gestalten? Spannende Fragen, auf die die Sozialdemokratie Antworten entwickeln kann, vielleicht sogar entwickeln muss.

Daniel Hahn, Kulturunternehmer

(Foto: Stephan Rumpf)

Insbesondere der Kunst- und Kulturbereich hat immer wieder mit der Stadtpolitik zu tun und benötigt manchmal Hilfe und ein offenes Ohr für Bedürfnisse, Ideen oder Sorgen. Beim Wannda e.V., dem Bahnwärter Thiel, der Alten Utting oder der Minna Thiel scheinen die Voraussetzungen - in einer so rasch wachsenden Stadt wie München - nicht immer optimal zu sein.

Umso wichtiger ist das Gefühl, gewollt zu sein und bei Bedarf unterstützt zu werden. Mal geht es um etwas Ungewöhnliches, wie ein altes Schiff zu bespielen, dann wieder um einfache und alltägliche Dinge, die aber dadurch nicht weniger wichtig sind und für die wir tatkräftige Unterstützung erhalten.

Auch wenn die Ansichten über Stadtleben natürlich nicht immer einheitlich sein können, so ist der offene Austausch ein guter Grundstein für eine vielfältige und lebendige Stadt. Es ist schön zu sehen, wie die SPD mit ihrem ganzheitlichen Blick auf die Stadt und ihre Bürger für neue Ideen, Ansätze und Projekte offen ist. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund beachtlich, dass die SPD schon so lange in München regiert. Ich danke den Mitgliedern der SPD für ihr Engagement und wünsche ihnen, auch in Zukunft für Neues offen zu sein und darüber hinaus alles Gute.

Walter Zöller, CSU-Stadtrat seit 1972

(Foto: Stephan Rumpf)

Feiern in unsicheren Zeiten - da tut es gut, sich an schöne Jahre zu erinnern. Und die gab es auch für die SPD in den Jahrzehnten, die ich im Stadtrat miterleben durfte. Mit größtem Stolz wird natürlich darauf hingewiesen, dass man die meiste Zeit den Oberbürgermeister stellte. Schon eine Leistung bei so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Georg Kronawitter, Christian Ude und Dieter Reiter. Da war bei den SPD Stadtratsmitgliedern viel Flexibilität nötig, etwa vom "Baurechtsstopbeschluss" Ende der Siebzigerjahre und der Kampagne gegen das "Zubetonieren der Stadt" bis zum heutigen Bekenntnis zum forcierten Wohnungsbau.

Persönlich konnte meine Beziehung zur SPD im Stadtrat nicht unterschiedlicher sein: Als ich mit der Gestaltungsmehrheit von 1987 bis 1990 (teilweise sensationell mit den Grünen) gegen die Roten regierte, war ich die Ausgeburt des Bösen. Heute verbinden mich viele persönliche Freundschaften mit Kolleginnen und Kollegen der SPD. Und so kommt jetzt mein Glückwunsch zum Jubiläum aus vollem Herzen.