Pop-Kollektiv aus München:Unternehmen Zukunft

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Retro in die Zukunft? Auf dem neuen Album "Calling Out" präsentieren sich Cosby im Look der Achtziger. (Foto: Jessica Romero Walter)

ESC-Teilnehmer Malik Harris freut sich auf seinen nächsten Coup. Seine Entdecker von der Band "Cosby" geben unterdessen ihrer eigenen Karriere Schub. Und vielleicht bauen sie ja schon die nächste Grand-Prix-Kandidatin auf.

Von Michael Zirnstein

Wer Cosby zum ersten Mal in ihrem Studio-Komplex besucht, würde sich derzeit vielleicht wundern: Warum ist da mitten im Aufenthaltsraum, in dem sich die Band jeden Tag zum veganen Brunch versammelt, ein halbes Schlafzimmer aufgebaut, mit bezogenem Queensize-Bett, Nachttischen, Spiegel und so weiter? Wird jetzt hier auf Airbnb vermietet, um die Band-Kasse zu füllen? Wer die Gastgeber besser kennt, denkt sich eher, sie wollten es sich und ihren Gästen wohl einfach bequemer machen, man weiß, wie viele Nächte die Musiker hier übernachtet haben.

So auch ihr Schützling Malik Harris, inzwischen berühmter als Cosby selbst. Er pennte, nachdem Sängerin Marie Kobylka ihn in einer Bar hatte singen hören und man ihn eingeladen hatte, im Studio monatelang auf der Couch. Es hat ihm nicht geschadet, schon gar nicht die Arbeit mit seinem Manager Robin Karow, Songwriter von Cosby. Zusammen haben sie den Eurovision Song Contest 2022 in Turin erobert, nun ja, Harris landete am Ende auf dem letzten Platz, aber er hat die nationale Niederlage immer glaubhaft als persönlichen Triumph vermarktet.

Wie es ihm nun ein dreiviertel Jahr später damit geht, darüber hätte man gerne mit ihm im Unterföhringer Studio geredet. Aber Harris muss sich wegen einer Erkältung entschuldigen. So schlimm hat es ihn erwischt, dass er kurz zuvor fast den letzten Auftritt des Jahres zu Hause in Landsberg abgesagt hätte. Aber er zog es durch, und als die Stimme brach, übernahmen die Fans den Gesangspart. Jetzt endlich liegt er im Bett, im eigenen daheim, und am Telefon erzählt er: "Das Flachliegen kommt zum richtigen Zeitpunkt." Mal ein paar Tage nichts machen dürfen, das gab es ja in dem ganzen Jahr nicht, da war immer Action.

Eintauchen in eine glamouröse Welt: Durch die Teilnahme am Eurovision Song Contest eröffneten sich Malik Harris (hier beim deutschen Vorentscheid in Berlin) viele Möglichkeiten. (Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Jetzt hat er die Ruhe, alles Revue passieren zu lassen, geht durch die Bilder und Videos der vergangenen Monate. Die ESC-Eröffnungsparty im Schloss in Turin, umgeben von Künstlern aus aller Welt, "abgefahren", davon werde er seinen Enkeln mal erzählen; den Auftritt samt Ukraine-Friedensbotschaft im Grand-Prix-Finale, bei dem ihm auffällt, dass er trotz des ernsten Songs "Rockstars" ständig grinsen musste, weil ihm die Botschaft seines Beitrags - "Sei im Hier und Jetzt" - die ganze Zeit bewusst war: "Wie geil ist das denn, du darfst vor 100 Millionen Menschen singen!" Dass er Letzter wurde, sei zwar "immer noch ein Rätsel", habe sich am Ende aber "als Segen" herausgestellt. "Der Verlierer bekommt noch mal viel Trubel."

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Man kann aber auch sagen: Ein starker Song bekam so die Aufmerksamkeit, die er verdiente, und ein super-charmanter Singer-Songwriter nutzte die Plattform. Harris ging danach mit Amy McDonald auf Tour, spielte Festivals und Solo-Shows vor Tausenden Menschen. Tatsächlich wurde "Rockstars" an Streams gemessen (2,5 Millionen auf Youtube) einer der erfolgreichsten Songs des ESC 2022, so sehr, dass Harris noch einmal sein 2021er-Album "Anonymous Colonist" als "Rockstar Edition" wiederveröffentlichen konnte. So sehr allerdings auch, dass die Folge-Single "You and I" darunter unterging. Umso mehr setzt er nun auf sein nächstes Ding im Januar.

Und mit der Single "Dreames" sind wir zurück im Unterföhringer Studio-Schlafzimmer, denn dieses wurde eigens für das Video dazu geschaffen. Die Profi-Filmer Karow und Kobylka, die es gedreht haben, führen es ziemlich stolz auf einem Laptop vor. Es geht um Feminismus, Empowerment. Zu Maliks drängendem Gesang und ausgefuchsten Rap-Parts sieht man junge Frauen gesellschaftliche, familiäre Widerstände durchbrechen; dann stoppt die Musik und man sieht ein knutschendes Teenager-Paar in einem Ami-Schlitten, sieht wie die Hand des Kerls tiefer rutscht, hört sie "no!" sagen, sieht ihn weitermachen - bis sie ihn überraschender Weise kalt stellt; am Ende laufen Hunderte befreite Frauen über ein weites Feld. Dass es das Murnauer Moos ist, merkt man nicht, denkt eher an Amerikas Weiten, so wie alles internationales Format hat. "Wir geben uns Mühe", sagt Kobylka, "das passt besser zu einem englischsprachigen Künstler".

Cosby wollen sich mit Erinnerungen an die Eighties in die Zukunft katapultieren

Das passt aber auch besser zu Cosby. Wie keine andere Band aus München, aus Bayern, strahlen sie mit Look und Sound internationale Sexyness aus. Das South By South West Festival (SXSW) in Austin, Texas, das wichtigste Showcase-Festival der Welt, kündigte sie bei ihren drei Auftritten dort in diesem Jahr als eine der vielversprechendsten Indie-Bands aus Deutschland an, die auch nach zehn Millionen Streams auf Spotify "immer noch an eine bessere Welt glaubt, an ein besseres Morgen, an bessere Pop-Songs". Im Video zum Titelstück des neuen Albums "Calling Out" posieren sie vor und in einem Delorean, dem Zeitmaschine-Boliden aus dem Teenie-Film "Zurück in die Zukunft", und mit dieser Vergangenheit, den Eighties, wollten sie sich in die Zukunft katapultieren.

Der Synthie-Pop in "Spaceship", "Nightfall" oder "Saviour" klingt wie ihr eigener Soundtrack zur Retro-Mysterie-Netflix-Serie "Stranger Things", völlig up-to-date aus einem Fundus legendärer Klangschätze von "Major Tom" bis "Thriller" zusammengekniffelt. Dave Bücherl, ihr alter Freund und neuer Schlagzeuger, bringt ein Set aus der Pionier-Zeit der Elektro-Drums zum Pluckern; Kilian Reischl durfte Magnum-Schnauzer tragen und sich in "Maniac"-artigen E-Gitarren-Soli austoben; und Marie Kobylka taucht sogar prickelnd Whitney Houstons "I Wanna Dance With Somebody" herauf. Sehr sexy, spaßig, effektiv, angesagt - aber für die Bands selbst längst abgehakt.

"Das alte Album, also das aktuelle, ist zerstreut", urteilt Marie Kobylka; als "abgeschlossenes Kapitel" bezeichnet es Robin Karow, "gedanklich sind wir schon ganz woanders". Welche Band würde so über ihr jüngstes Werk sprechen? Eine, die nach vorne drängt, die täglich zusammensitzt, redet, sich hinterfragt. "Voller Fragezeichen" seien sie gewesen, als das Album entstand, in den zwei Jahren der Pandemie. Beim Reisen und Spielen hätten sie sich und ihr Ziel wieder gefunden: In Schweden, auf Island, in den Musikkneipen von New Orleans, und besonders beim SXSW-Festival.

Sie stecken schon mitten im nächsten Album

Im Club Ether's Follies traten sie nach der kanadischen Band Ellevator auf. Cosby spielten "wie ein Hochleistungs-Tesla", und die anderen wie das genaue Gegenteil, wie eine Band eben, die mit dem letzten Tropfen Benzin im Tank noch den nächsten Auftritt in der anderen Stadt erreicht, dann aber umso enthemmter loslegt. "Wir sind denen wie Fans nachgereist von Club zu Club. Die haben uns an uns früher erinnert, durch sie haben wir die Liebe zur Musik wieder entdeckt", sagt Karow.

Sie stecken schon mitten im nächsten Album, das nicht nach Tracks klingen soll, sondern nach Songs, nicht nach Plug-ins, sondern nach eingesteckten Instrumenten. Sie spielen "Here I Am" an, für Kobylka "der Song, der alles ändern wird", und man fühlt mehr, als man versteht, was sie meinen. Beim Video mit viel Tüll und Tränen denkt man an Billy Eilish, Lana Del Rey und Weihnachten, vor allem aber hört man wieder mehr echtes Herz. Das soll in allen Songs der neuen Platte schlagen, die voll entschleunigt als Organismus im ganzen entstehen soll. Nicht als einzelne Sound-Häppchen oder Pop-Parolen, mit denen man auf hysterischen Media-Plattformen wie Tiktok oder Spotify eben Hype erzeugt muss.

Neben den vier Musikern sitzt Melli Alder auf der Couch und hört genau zu. Sie ist nach einem Tipp die Neue, die Junge in dem Künstlerkollektiv. Wie einst Marie Kobylka oder Malik Harris hat auch sie hier im Studio vorgesungen. Ihr Stimme habe gezittert, sagt die 18-Jährige, also ganz anders als dieses geheimnisvolle, überwältigende Organ in ihren Hunderten Home-Video-Cover-Versionen auf Tiktok, die ihre 21 000 Follower mit "Krass!", "Gänsehaut" oder "Hast Du einen Vertrag?" kommentieren.

Manche davon singt sie inzwischen vor der Kulisse des Studio-Schafzimmers (sie hat die Wände gestrichen). Von hier aus soll es nun weiter gehen. Mit Kobylka wie einer älteren Schwester schreibt sie Songs, Karow baut am Karriereplan: Erst mal mit Cosby auf Tour, sagt er. Und dann zum ESC? "Mal schauen. Eine Möglichkeit von Tausenden", findet Karow. Malik Harris stimmt ihm bei, und falls er einen Tipp hat, dann den: "Du musst mit einem Song antreten, hinter dem du zu 100 Prozent stehst, dann kann dir das Ergebnis egal sein."

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Cosby, Do., 23. Feb., 20 Uhr, München, Muffatwerk, Ampere

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