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Grafikdesign:Wer lesen will, kann fühlen

Christine Moosmann, Chefredakteurin

Christine Moosmann studierte zunächst Ethnologie und fand dann großes Interesse an Grafikdesign.

(Foto: Robert Haas)

1924 erschien die "Novum" zum ersten Mal. Sie ist das älteste deutsche Design-Magazin. Nun beschloss der Verlag, es einzustellen. Für Chefredakteurin Christine Moosmann und ihr Team kein Grund zum Aufgeben. Sie haben den Mut zum Neubeginn - auf besonderem Papier

Von Jürgen Moises

Der Abschied füllt sechs Seiten. "Die Welt des Graphic Designs hat eine ihrer zentralen Säulen verloren, eine Quelle der Information und Inspiration." So formuliert es Peter Gyllan, Novum -Korrespondent aus Dänemark. Die Argentinien-Korrespondentin Marta Almeida verabschiedet Novum als "globales Magazin", als eine "Quelle an Ideen, Designers und Trends", die ganze Generationen von argentinischen Designern begleitet hat. Und der Korrektor Markus Zehentbauer schreibt: "Wenn man sie in die Hand nahm, ging es als erstes um Sehen und Fühlen - wie fühlt sich das Papier an, wie das Blättern, welche Flächen sind veredelt? - noch bevor man überhaupt eine bestimmte Seite aufschlug." Nachlesen kann man diese und weitere Nachrufe, weiß auf schwarz gedruckt, in der aktuellen und letzten Ausgabe der traditionsreichen Münchner und mit 96 Jahren ältesten deutschen Design-Zeitschrift. Überschrieben sind diese Abschiedssätze mit dem Titel "Letzte Worte".

Abschied und Anfang. Trennung und Herausforderung. Denn nur weil der Verlag beschlossen hat, das Magazin einzustellen, heißt das nicht automatisch, dass jetzt Schluss ist. Chefredakteurin Christine Moosmann und ihr Team haben deshalb auch beschlossen, weiterzumachen und ein eigenes Grafik-Magazin auf den Markt zu bringen.

Die Leser werden sich vermutlich freuen. Denn ähnlich "leidenschaftlich" wie der Abschied der Redaktion waren laut Christine Moosmann auch die Reaktionen vieler Leser.

Moosmann sieht in dem Ganzen auch publizistisch eine "traurige Geschichte". Gab es doch im Bereich der Design-Fachmagazine "nichts anderes, was so alt ist und so lange Bestand hatte", erzählt die 51-Jährige merklich enttäuscht am Telefon. "Das ist natürlich ein ganz schöner Verlust."

Moosmann spricht das gesamte Interview sehr reflektiert, nimmt sich Zeit für die Antworten. Wenn es aber um die neuen Themen geht, um die neuen Pläne, da merkt man, dass die "Liebe und Leidenschaft", mit der sie und ihre Kollegen Novum viele Jahre lang gemacht haben, keineswegs erloschen sind. Da spürt man sofort die Freude an der Arbeit und dass sie sich trotz des unglücklichen Endes der Novum auch nichts anderes beruflich vorstellen kann. "Wir haben den Verlag, die Zeitschrift gegründet, weil das einfach das ist, was wir gut können."

Und weil das ursprüngliche Magazin viele Jahrzehnte gut funktioniert hatte. 1924 wurde die Novum als erstes zweisprachiges Magazin für Grafikdesign (deutsch/englisch) vom Berliner Verlag "Phönix Druck" unter dem Namen "Gebrauchsgraphik" gegründet. Nach einer im Jahr 1944 erzwungenen Pause wurde sie von 1950 an im Münchner Bruckmann Verlag geführt. Seit Anfang 2000 erschien sie im Münchner Stiebner Verlag, unter der Leitung von Bettina Schulz, deren Rolle Christine Moosmann erst 2019 übernahm.

Moosmann war 20 Jahre lang bei der Zeitschrift, zuerst als Volontärin, dann im Anzeigenverkauf und bald darauf als Redakteurin und stellvertretende Chefredakteurin. Gelandet ist sie dort über eine kleine Stellenanzeige, die sie nach ihrem Studium der Ethnologie in Mainz und London in der Süddeutschen Zeitung las. Von der Ethnologie zum Design-Journalismus? Nun, die ethnologische Grundhaltung, "neugierig zu sein, und Sachen, die man nicht kennt, ein Stück weit erforschen und ergründen zu wollen", das sei etwas, "was mit dem Beruf des Journalisten ziemlich gut zusammengeht", sagt sie. Tatsächlich habe sie auch während ihres Studiums "schon immer journalistisch gearbeitet", was ihr bei der Bewerbung für das Volontariat sicher zu Hilfe kam. Eine "Affinität zur Gestaltung", die hatte sie ebenfalls schon vorher, sie war von den Covern der Novum immer sehr beeindruckt. Auch wenn sie "jetzt keine regelmäßige Leserin war".

Das Volontariat war dann der Beginn, wie es Moosmann nennt, einer langen "Liebesgeschichte". Einer Geschichte, die der Stiebner Verlag nun wegen der Jahr zu Jahr sinkenden Auflage beendet hat. So lautet zumindest die offizielle Begründung. Tatsächlich ist die Zahl der verkauften Exemplare zwischen dem 1. Quartal 2009 und dem 1. Quartal 2019 von 9219 auf 5928 geschrumpft. "Wir hatten aber meines Wissens weiterhin stabile Abonnentenzahlen", erzählt Moosmann, "und die Zeitschrift hat nach wie vor schwarze Zahlen geschrieben." Mossmann versteht deshalb die Entscheidung eher so, dass der Verlag aus dem allgemein wenig lukrativen Zeitschriftengeschäft aussteigen wolle, um sich fortan auf seinen Schwerpunkt Bücher zu konzentrieren.

"Wir hätten die 100 Jahre Novum auf jeden Fall noch geschafft. Und ich muss gestehen: Wir sind auch davon ausgegangen." Stattdessen nun das Ende - und doch auch wieder nicht. Denn zum einen ist der Stiebner Verlag eine Vertriebskooperation mit der Page eingegangen, einem weiteren wichtigen deutschen Grafikmagazin, das die bisherigen Novum-Abonnenten nun alternativ auf Wunsch beziehen können. Außerdem heißt es, dass sich "das eine oder andere Element, das Novum ausgemacht hat, zukünftig in der Page finden" soll. Wie das genau aussieht, da hält sich der Verlag noch bedeckt.

Auch Christine Moosmann kann dazu nichts Genaueres sagen. Sie weiß nur, dass die Page, die als Design-Zeitschrift eigentlich "ganz andere Bereiche" abdeckt, in Zukunft ebenfalls zweisprachig erscheinen soll. Und dass sie keinen ihrer Mitarbeiter übernimmt. Aber da ist auch noch etwas anderes, und zwar: das Grafikmagazin . So lautet der sehr einfach zu merkende Name der neuen Design-Zeitschrift, die Christine Moosmann zusammen mit der Journalistin Sonja Pham, dem Art-Director Tobias Holzmann und dem Marketingspezialisten Christian Meier gegründet hat. Moosmann, Pham, Holzmann und Meier, das war das letztjährige Kernteam der Novum, das mit dem Grafikmagazin nun seinen eigenen Weg geht.

Sie haben dafür den Phoenix Verlag für Grafikdesign gegründet, in Anlehnung an die Berliner "Phönix Druck", der ersten Heimat der Novum beziehungsweise Gebrauchsgraphik. Auch formal und inhaltlich wollen sie vieles ähnlich machen. Dazu gehört, dass sie genauso wie die vergangenen Jahre bei der Novum auf das Thema Haptik setzen und für jede Ausgabe ihres Magazins ein anderes, besonderes Papier, eine andere Drucktechnik und ein anderes Veredelungsverfahren verwenden wollen. "Ich glaube, das ist das, was die Novum stark gemacht hat", verrät Moosmann.

Ein paar Dinge wollen sie aber auch neu machen. So wird es etwa mit "Design & Research" einen neuen Themenblock geben, in dem es verstärkt um Designtheorie und "wissenschaftliche Sachen" gehen soll. Zudem sollen der Design-Nachwuchs und die Fotografie eine größere Rolle spielen. Außerdem wollen sie Veranstaltungen und Workshops machen. Hinzu kommt, dass das Grafikmagazin statt monatlich nur alle zwei Monate erscheint und es etwas teurer sein wird als die Novum, aber dafür "vom Umfang etwas größer". Das Büro hat sich ebenfalls verlagert, von der Schwabinger Dietlindenstraße ins Ruffinihaus am Rindermarkt. Dort sind sie nun für zwei Jahre Teil des von der Stadt verwalteten "Creative Hubs", zusammen mit weiteren ausgewählten Start-ups.

Wobei Christine Moosmann im Moment meist nur alleine in dem Zweiraumbüro sitzt, zwischen Papierstapeln und noch nicht ausgepackten Kartons, während ihre Kollegen wegen Corona im Home-Office sind. Ansonsten finde sie es dort aber "wunderbar", wegen der zentralen Lage und des Umfelds, wie sie sich überhaupt sehr optimistisch zeigt ob des erzwungenen Neuanfangs.

Aber ist es nicht gewagt, sofort wieder ein Magazin zu gründen, in einer Zeit, in der es die Printbranche allgemein doch eher schwer hat. Und dann auch noch während Corona? "Das ist schon so, dass wir da im Moment so ein bisschen gegen den Strom schwimmen", gibt Christine Moosmann zu. "Was uns bewogen hat, es trotzdem zu machen, ist einfach, dass wir sehr viele treue Leser hatten. Und da hoffen wir natürlich, dass wir die für die neue Zeitschrift gewinnen können."

Das Interesse sei bisher auf jeden Fall erfreulich groß. "Und das gibt uns einfach den Mut, das anzupacken." Auch die für den Neuanfang initiierte Startnext-Kampagne sei sehr gut gelaufen. "Wir sind jetzt in der Zwischenzeit bei mehr als 22 000 Euro. Das heißt, wir haben jetzt schon fast die ersten drei Ausgaben finanziert", sagt Moosmann. Und dann? Wollen sie "das nächste schöne Heft machen. Und dann das nächste. Und das machen wir dann hoffentlich auch 96 Jahre lang."

© SZ vom 13.01.2021
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