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Gräfelfing:Zwiespältiges Zeugnis

Eine Studie gibt der Verkehrssituation in Gräfelfing die Note drei, doch es gibt auch mangelhafte Aspekte

Alle stöhnen über viel Verkehr, doch so schlimm ist es dann offenbar doch nicht: Rund 900 Bürger geben der Verkehrssituation in Gräfelfing die Durchschnittsnote 3,2. "Das ist eine grundsätzlich positive Beurteilung der Gesamtverkehrssituation", sagte Hellmuth Ammerl vom Ingenieurbüro Obermeyer, das eine Befragung zur Verkehrssituation durchgeführt hat. Dennoch gibt es Handlungsbedarf, denn Gräfelfinger Unternehmen fördern eher den Autoverkehr als das Radfahren; zudem erhält die Verkehrssituation in der Bahnhofstraße im Durchschnitt nur die Note vier, ausreichend also - mit Tendenz zu mangelhaft.

Das sind zwei Kernergebnisse der Befragung, die im Ausschuss des Gemeinderats für Umwelt, Energie und Mobilität vorgestellt wurden. Sie ist Bestandteil des Gesamtverkehrskonzepts, das die Gemeinde gerade durch das Büro Obermeyer und die Experten von Team Red erstellen lässt. Im Mai wurden Unternehmen, ihre Mitarbeiter und zufällig ausgewählte Bürger zur Verkehrssituation befragt, sie konnten auch Verbesserungsvorschläge einreichen. Von 380 kontaktieren Unternehmen beteiligten sich 31, auch 532 Mitarbeiter füllten einen Fragebogen aus. Von 3000 zufällig ausgewählten Bürgern beteiligten sich rund 900.

Die Auswertung zeigt, dass in den Firmen durchaus Potenzial schlummert, zur Entlastung beizutragen. Denn bislang wird indirekt eher das Autofahren gefördert. So kommen auf 100 Mitarbeiter 25 Dienstwagen, das Parken auf Firmengeländen ist kostenlos, Jobtickets werden nur vereinzelt angeboten, die Anschaffung von Fahrrädern wird kaum gefördert. So ist wenig verwunderlich, dass über 50 Prozent der befragten Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit fahren. Immerhin kommen auch 24 Prozent im Sommer mit dem Fahrrad. "Ein guter Wert", sagte Tobias Kipp von Team Red.

Für das Auto spricht in Augen der Befragten vor allem die kürzere Fahrdauer, mehr Flexibilität und die Wetterunabhängigkeit. Nicht zuletzt können drei Viertel der Autofahrer bequem auf dem Firmengelände parken. Unternehmen wie Mitarbeiter haben auch Verbesserungsvorschläge geäußert: eine bessere Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, einen dichteren Takt, eine kürzere Fahrdauer, höhere Zuverlässigkeit bei Bus und Bahn sowie mehr Radwege und Radparkplätze.

Dass Gräfelfing eine Autofahrer-Kommune ist, überrascht wenig. Die Befragung der Bürger hat ergeben, dass 90 Prozent derjenigen, die einen Führerschein besitzen, jederzeit ein Auto zur Verfügung haben. "Das ist ein hoher Wert", so Kipp. Auf einen Haushalt kommen 1,8 Autos. Knapp über 70 Prozent der Befragten haben keine Wochen- oder Monatskarten für den öffentlichen Nahverkehr. Eher überraschend ist, dass 63 Prozent der Befragten die geplante kommunale Entlastungsstraße gut finden und mit dem möglichen Bau gar nicht so hadern wie es die Gemeinderäte tun. Deutlich wurde auch, dass der Verkehr auf der Bahnhofstraße sehr konträr bewertet wird: Während rund die Hälfte der Befragten dafür plädiert, aus der Einkaufsstraße eine verkehrsberuhigte Zone oder eine Fußgängerzone zu machen, findet die andere Hälfte, dass alles unverändert bleiben soll. "Das wird eine echte Aufgabe", sagte Ammerl. Noch eine Erkenntnis ist neu: Es gibt viele Dauerparker in der Bahnhofstraße und den umliegenden Anwohnerstraßen.

Aus der Befragung lassen sich schon erste Maßnahmen ableiten, um den Verkehrsdruck zu mildern: Die Kommunen sollten das Parken im Zentrum nicht fördern, so Ammerl. Sie könnten zudem Radwege und die Entlastungsstraße bauen sowie auf Tangentialverbindungen für Bus und Bahn setzen. Auch Unternehmen können ihren Teil beitragen, indem sie das Arbeiten im Home-Office fördern, Jobtickets für Bus und Bahn vergeben, das Radfahren fördern und Arbeitszeiten so anpassen, dass sich der Verkehr entzerrt.

© SZ vom 20.06.2020

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