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Gräfelfing:Weiße Flecken auf der Landkarte

In den Gräfelfinger Rathäusern unternehmen Künstlerinnen der Vereinigung Gedok spannende Expeditionsversuche

Eine Expedition, um eine noch unerschlossene Region zu erforschen, ist ein Reisemodell vergangener Zeiten. Wer sich heute in die Ferne aufmacht, hat oft schon vorher alles per Internet klargemacht, um vor Ort bloß nicht überrascht zu werden. Alles soll möglichst vorhersehbar sein. Ganz anders verhält es sich mit den künstlerischen Entdeckungsreisen, die über 30 Künstlerinnen für die große Jahresausstellung 2019 der Münchner Künstlerinnenorganisation Gedok unternommen haben. Sie haben in ihren Expeditionen dem Ungewissen, der Vergangenheit, der verlorenen Zeit, der Heimat oder dem künstlerischen Schaffen selbst nachgespürt. Entstanden ist so eine vielseitige Schau, in der jedes Werk eine Geschichte erzählt.

Die Gedok München e. V. gibt es seit über 90 Jahren, sie ist das älteste und europaweit größte Netzwerk für Künstlerinnen verschiedener Sparten. Jedes Jahr gastiert die Gedok an einem anderen Ort in Bayern, 2019 also in Gräfelfing. "Expedition - Der Versuch an einer Expedition teilzunehmen und nicht abzubrechen" heißt der Titel der Ausstellung, die bis 21. Juli im Neuen Rathaus und im Rathaus zu sehen ist. Das Thema hat die Gedok vorgegeben, Künstlerinnen, die Mitglied bei der Vereinigung sind, konnten sich mit Arbeiten bewerben. Eine Jury, in der auch Expertinnen des Gräfelfinger Kunstkreises vertreten waren, hat die Werke ausgewählt.

"Sie haben das Thema voll ausgeschöpft", zieht Katja Rid, Kuratorin der Ausstellung, Bilanz. Die ganze Bandbreite einer künstlerischen Interpretation zu einem Thema aufzuzeigen, ist eine der Stärken der Ausstellung. Manche Künstlerinnen sind nah drangeblieben am Wortsinn "Expedition". So Marlies Poss, die gleich am Eingang des Alten Rathauses an der Bahnhofstraße 6 zierliche, archaische Pappmachéfiguren auf einem schmalen Boot kreiert hat. Sie erinnern unweigerlich an die vielen Flüchtlinge, die versuchen, über das Meer nach Europa zu gelangen und eine reale Expedition mit ungewissem Ausgang unternehmen.

Die Einmachgläser in Gräfelfing warten darauf, mit Geschichten (Steinen) gefüllt zu werden. "Inside out" nennt Anna Pfanzelt ihre Kopfskulpturen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ganz anders interpretiert Susanne Thiemann das Thema. Für sie ist die Herstellung jedes ihrer Kunstwerke eine Expedition. Aus dünnen, farbigen Plastikschläuchen flicht sie amorphe Figuren. Mal enger, mal weiter ist das Geflecht, nimmt eine Biegung und eine Drehung - am Anfang ist unklar, wo die Flechtreise endet. Schließlich ist auch die Malerei selbst immer wieder ein Versuchsvorhaben. Cigdem Aky erforscht, wie sich Farbtöne verändern, wenn sie mit anderen Farben kombiniert oder übermalt werden. Ein starkes Gemälde zeigt das Ergebnis dieser Farb-Forschungsreise im Erdgeschoss des Rathauses an der Ruffiniallee 2.

Es gibt auch Expeditionen in die Ferne: Einige Künstlerinnen haben sich aufgemacht, nach Fukushima, Lappland, Irland, Armenien, an Euphrat und Tigris. Sie haben Landkarten und Collagen gestaltet, Dokumentationen oder gleich ein Möbel-Ensemble kreiert wie die Gräfelfingerin Rose Stach, die ihre Reise nach Armenien dokumentiert. Auf die Sesselpolster hat sie original aus Armenien stammende Stoffe appliziert und Zeichnungen hinzugefügt, die wie ein Tagebuch ihre Erlebnisse und auch die Geschichte des Landes erzählen.

Und es gibt Expeditionen nach innen, in Gefühlswelten: Katja Fischer forscht den Klängen und der Macht der Musik nach. In zwei ziegelsteingroßen Gemälden hat sie den Klang der Töne c`` und a` visualisiert. In einem wandfüllenden, aus einzelnen Tafeln zusammengesetzten weiteren Gemälde hat sie den Traum des Musikers verbildlicht: im Orchestergraben vor großem Publikum zu spielen. Und dann sind da auch leise Arbeiten mit starker Wirkung: Dorothea Dudek etwa, die Menschen von hinten gemalt hat, in flüchtiger Gestik, und dabei dem Gefühl nachforscht, wie man sich wohl in einer Menge fühlt, ohne Beziehung zu den Menschen, die einen umgeben.

In einer kleinen Post an der Nordwestküste Irlands hatte Anja Uhlig ihre "Seedbank of Love & Stories" als Austauschort für Geschichten eingerichtet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Ausstellung ist selbst eine Expedition - die Arbeiten laden den Besucher ein, sich einzulassen auf das Unbekannte und dabei Neues zu entdecken. Jeder kann da seine eigene Geschichte einbringen. Anja Uhlig hat 144 Einmachgläser aufgestellt, in denen jeweils ein Stein liegt, dem ein Mensch seine Geschichte anvertraut hat. "Seedbank of Love & Stories" nennt sie ihre Arbeit. Jeder Besucher ist aufgefordert, selbst einen Stein mitzubringen, dem er seine Geschichte anvertraut hat und den er gegen einen Stein in einem der Einmachgläser austauscht. Was dabei herauskommt, ist völlig ungewiss - eine Expedition eben.

Die Ausstellung ist bis 21. Juli im Alten Rathaus (Bahnhofstraße 6) und im Rathaus (Ruffiniallee 2) zu sehen, donnerstags von 17 bis 20 Uhr, freitags, samstags und sonntags von 15.30 bis 18.30 Uhr. Führungen finden am Samstag, 29. Juni, um 16 Uhr statt (nur Altes Rathaus), am Donnerstag, 4. Juli, Sonntag, 14. Juli, und Donnerstag, 18. Juli, um jeweils 18 Uhr in beiden Rathäusern, Start ist im Alten Rathaus. Weitere Infos und Termine unter: www.kunstkreis-graefelfing.de.

© SZ vom 29.06.2019
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