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Gräfelfing:"Letztlich ist unsere ganze Arbeit auf den Kopf gestellt worden"

Doris Schneider

Doris Schneider glaubt, dass das Besuchsverbot zu spät und dann zu plötzlich gelockert wurde.

(Foto: Caritas)

Doris Schneider, Geschäftsführerin der Caritas-Altenheime in München und Oberbayern, sieht viele Corona-Auflagen kritisch

Interview von Claudia Wessel, Gräfelfing

Doris Schneider ist die Geschäftsführerin Altenheime der Caritas München und Oberbayern, die 26 Einrichtungen betreibt. Die Coronakrise stellt sie und die Belegschaften ebenso wie die Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörige vor besondere Herausforderungen. Die SZ sprach mit ihr.

SZ: Was ist das Schlimmste, das Ihre Mitarbeiter seit dem Beginn des Besuchsverbots am 13. März erlebt haben?

Doris Schneider: Die Vorgaben, um Besuchsverbote und Isolationsmaßnahmen von Bewohnern in ihren Zimmern umzusetzen, insbesondere bei Menschen mit demenzieller Erkrankung, die die Situation kognitiv nicht mehr begreifen können. Wir legen großen Wert auf eine christliche Hospiz- und Palliativkultur und in manchen Situationen, insbesondere bei akutem Ausbruchgeschehen, konnten wir dies nicht mehr vollumfänglich umsetzen.

Die Angehörigen durften nicht zu Sterbenden kommen, um Abschied zu nehmen?

Zu den Sterbenden durften sie auch in der strengen Phase des absoluten Besuchsverbots kommen. Allerdings mussten sie sich komplett in Schutzkleidung und Maske hüllen. Höchstens an der Stimme waren sie noch zu erkennen.

Ist die Maske für die Bewohner ein Problem?

Die Bewohner in unseren Heimen müssen in der Regel keine Maske tragen. Aber es ist für sie auch schlimm, nur Menschen mit Masken zu sehen, etwa unsere Mitarbeiterinnen und die Besucher, die ja jetzt wiederkommen dürfen. Denn viele sind schwerhörig und lesen viel von den Lippen ab. Durch die Maske ist man ja auch viel schwerer zu verstehen. Und das Lächeln fehlt.

War das strenge Besuchsverbot Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

Anfangs sicher, aber es dauerte zu lange und wurde dann wiederum zu plötzlich und schnell gelockert, nur weil der Muttertag vor der Tür stand. Insgesamt wurde das Besuchsverbot meiner Meinung nach zu hoch gehängt. Denn auch die Mitarbeiter sind ja ein Risiko, die Lieferanten, die Handwerker. Bei einer möglichen zweiten Welle wäre ich gegen ein erneutes so striktes Besuchsverbot, denn die Besuche sind sehr wichtig für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn die Besucher eine Maske tragen, ist das Infektionsrisiko sehr minimiert.

Ihre Mitarbeiter müssen seit Corona ganz anders arbeiten.

Letztlich ist unsere ganze Arbeit auf den Kopf gestellt worden. Wir wurden zurückgeworfen in die Situation von Altenheimen von vor 20 Jahren. Wir haben ja inzwischen viel freizügigere Konzepte. Die Menschen sollen bei uns ganz normal leben, wie zu Hause auch. Wir hatten nie Besuchszeiten, die Angehörigen konnten kommen und gehen. Jetzt müssen wir Zeiten einhalten und es muss immer jemand am Eingang sitzen und alles kontrollieren. Das verändert die Atmosphäre erheblich, und es entstehen auch zusätzliche enorme Personalkosten, für die es noch keine Kostenzusagen gibt.

In den Heimen gelten immer noch strengere Regeln als draußen.

Ja, das ist die totale Widersprüchlichkeit. Draußen tobt das Leben und wir dürfen nicht einmal die Angehörigen in die Heimcafés lassen. In Gräfelfing haben wir es nun wieder geöffnet, aber dort dürfen wir nur die Bewohnerinnen und Bewohner bewirten. Die Angehörigen dürfen nichts essen, sie müssen auch die Masken aufbehalten, nicht wie in der Gastronomie draußen.

Was hoffen Sie für die Zukunft?

Es bleibt eine Gratwanderung. Den Sommer werden wir sicher überstehen, aber wenn erst der Winter und die Grippewelle kommt, wird es schwierig. Im Moment müssen wir ja jeden mit Symptomen isolieren. Wir können jetzt noch viele Veranstaltungen draußen machen, das geht natürlich im Winter nicht, das wird eine lange, schwierige Zeit.

© SZ vom 31.07.2020

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