Süddeutsche Zeitung

Gräfelfing:Langsam geht der Vorhang auf

Wegen der niedrigen Inzidenzwerte sind Kino, Theater und Konzerte wieder möglich. Die Planung braucht aber Vorlauf

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Die Zahl 50 hat sich als die magische Zahl im Kulturbetrieb etabliert: Seit vergangenen Donnerstag liegt der Inzidenzwert im Landkreis München stabil unter 50, und das heißt: Kultur darf wieder stattfinden. "Ich freue mich natürlich sehr", sagt Werner Scholz, Betreiber des Kinos Filmeck im Gräfelfinger Bürgerhaus. Seit sieben Monaten hatte er die Türen seines Kinos nur zum Lüften öffnen dürfen. Und auch jetzt muss sich das Publikum noch ein wenig gedulden. Die Kulturinitiatoren müssen erst wieder ein Programm auf die Beine stellen, das zeigt ein exemplarischer Blick auf das Gräfelfinger Bürgerhaus.

Kino, Theater, Konzerte - all das ist wieder möglich, ohne Test. So ist aktuell die Lage im Landkreis München. Für die Kulturbetreiber zählt dabei nur eines: Wie viele Zuschauer sind erlaubt? Denn Kultur lohnt sich nur, wenn auch genügend Publikum gestattet ist. Paul Möckel, der regelmäßig das Programm für den Musikförderverein Gräfelfing gestaltet und gemeinsam mit seiner Frau Bianca Bodalia-Möckel hochkarätige Jungmusiker auf die Bühne holt, war gleich am Montag im Bürgerhaus, um die Lage zu sondieren. Rund 80 Besucher dürfen in den großen Saal, hat er mit Jan Konarski, der die Veranstaltungen im Bürgerhaus organisiert und abwickelt, gezählt. "Zur Klassikkonzertreihe kommen immer zwischen 70 und 100 Besucher", sagt Möckel, mit 80 ist er also zufrieden.

An Künstlern mangelt es nicht, "die stehen alle Schlange", sagt Bianca Bodalia-Möckel. "Alle dürsten nach Musik und einem gemeinsamen Erlebnis." Selbst beim Einkaufen in Gräfelfing werde sie angesprochen, wann die Konzerte wieder stattfinden. Derzeit muss sie aber noch vertrösten: Erst im September beginnt die neue Konzertreihe. Seit April ist der Musikförderverein in der Sommerpause, daran hat auch Corona nichts geändert. Einen kleinen Trost gibt es für ganz Kulturdurstige schon vorher: Am Freitag, 11. Juni, tritt das Klavier-Duo Ani & Nia Sulkhanishvili auf, ein "Zwischenkonzert", nennt Paul Möckel das. Wegen der Schließung hatte es auf Juni verschoben werden müssen.

Die Literarische Gesellschaft, die in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum feiert, wird auch erst im Herbst wieder auf der Bühne des Bürgerhauses präsent sein. "Ich merke, dass ich mich ermuntern muss, wieder voll einzusteigen", sagt Klaus Stadler, Vorsitzender der Gesellschaft. Man werde "ein bisschen träge", gesteht er. Aber vier Kulturtermine hat er schon mal reserviert im Herbst. "Die Planung braucht ein wenig Vorlauf." Die Jubiläumsfeier ist vorerst auf das Frühjahr verschoben, "in der Hoffnung auf eine unbeschränkte Besucherzahl", sagt Stadler. Denn zum 100. wollen sich die Literarischen schon ein großes Publikum gönnen und einen Prominenten wie den Philosophen Julian Nida-Rümelin, der für das Jubiläumsprogramm eingeplant ist, nicht nur im kleinen Kreise präsentieren.

Demnächst kann Werner Scholz den Eintrag "Liebe Kinofreunde, leider bleibt - Virus bedingt - unser Vorhang weiterhin geschlossen" von der Kino-Homepage löschen. Von Freitag, 2. Juli, an soll es wieder Kino im Bürgerhaus geben, so wie bei den Münchner Kinos geht der Vorhang auf. Aktuell im Juni gebe es noch keine neuen Filme, die er zeigen könnte, "liegt ja alles in der Kühltruhe", sagt Scholz. Kein Kaltstart also. Neue Filme müssten auch erst einmal beworben werden, damit das Publikum darauf aufmerksam wird.

Und dann muss Werner Scholz seine Helfer kontaktieren. Seinen Filmvorführern und Kartenverkäufern - "die meisten sind Schüler" - hat er in den vergangenen sieben Monaten einen Teil ihres Honorars gezahlt, in der Hoffnung, dass sie bei der Stange bleiben. So sehr er sich freut, dass es bald wieder "Film ab" heißt, so verspricht er sich doch nicht den großen Besucheransturm: "Im Juli und August gehen die Leute erst mal in den Biergarten und zum Baden."

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SZ vom 02.06.2021
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