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Gräfelfing:Das Wesen der Teilchen

Rupprecht Geiger zauberte mit leuchtenden Rotpigmenten, Ekkeland Götze arbeitet mit Erdpartikeln, die er überall auf der Welt findet. Eine Ausstellung in Gräfelfing bringt jetzt die Arbeiten der beiden Künstler in einen spannenden Dialog

"Maka Wakan" ist Sioux-Sprache und heißt - sehr frei übersetzt - "wunderbare Erde". Es ist der Titel eines Bildes von Ekkeland Götze in der Herbstausstellung, die derzeit im Alten Rathaus in Gräfelfing zu sehen ist. Es zeigt Erde, pure Erde, deren Körnung und Struktur Götze durch ein spezielles Druckverfahren auf Leinwand sichtbar gemacht hat. Es ist besondere Erde: Götze hat sie 2015 bei einem seiner vielen Terragrafie-Projekte an einem Ort entnommen, der für das Schicksal der Sioux von zentraler Bedeutung war. Ein Medizinmann aus einem Reservat in North Dakota hat Götze bei der Erdensuche den Weg gewiesen. Die Erde hat Götze nach München in sein Atelier in Sendling gebracht, präpariert und auf Leinwand verewigt.

An der gegenüberliegenden Wand im Flur im Alten Rathaus hängen zwei Drucke des 2009 verstorbenen Münchner Künstlers Rupprecht Geiger: geometrische Formen - Kreis und Viereck - auf Weiß, klare, scharfe Linien, und die für ihn so typischen intensiv leuchtenden Farben, Gelb und Rot. "Münchner Rot I 2005" und "Münchner Rot II 2005" steht unter den Werken. Was haben sich das rotbraune Erdbild und die leuchtende Farbe zu sagen? Wie finden diese beiden scheinbaren Gegensätze zusammen, und wie treten sie in einen Dialog? Es ist die Geschichte, die hinter den Bildern liegt, die Antworten gibt und die offenbart, welche ziemlich geniale Idee es war, die Werke dieser beiden Künstler zusammen zu bringen.

Künstler Ekkeland Götze.

(Foto: Catherina Hess)

Die Arbeiten Rupprecht Geigers sind an sich kaum für eine Ausstellung zu gewinnen. Das Archiv Geiger in Solln verwaltet den künstlerischen Nachlass, der dichte Ausstellungskanon lässt kaum eine Lücke für eine kleine Schau wie die in Gräfelfing.

Doch in diesem Jahr wäre Geiger 110 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass war nichts Besonderes geplant seitens des Archivs. Katherina Andrelang, Kunsthistorikern und Mitglied im Kunstkreis Gräfelfing, hatte die Idee, das Datum zu nutzen, erstmals Werke von Geiger und Götze gemeinsam auszustellen. Beide verband über zwanzig Jahre eine enge Zusammenarbeit und Künstlerfreundschaft. Götze, der neben seiner Tätigkeit als Künstler auch gefragter Spezialist des Siebdruckverfahrens ist, setzte zahlreiche Entwürfe Geigers um. Die Arbeiten, die in Gräfelfing hängen, hat Götze alle gedruckt. "Ja, mit dem Geiger kam ich gut zurecht", erzählt er, während er noch am Tag der Vernissage das letzte Bild, "Maka Wakan", im Rathaus aufgehängt. In der Welt der Pigmente, der Leuchtkraft von Farben, hätten sie dieselbe Sprache gesprochen. Nun hängen ihre Werke nebeneinander.

"Es sind zwei Welten", sagt Ekkeland Götze. Die Werke gingen keine Symbiose ein, sie stünden nebeneinander, und aus ihrer Gegensätzlichkeit entstehe die Spannung. Götze arbeitet mit der Natur und schaut, was auf der Leinwand damit passiert. Für ihn hat die Erde keine Farbe, sie ist pur, er bringt sie auf Leinwand nur in Form und zeigt ihr Innerstes. Über Millionen von Jahren haben sich Erdschichten über Erdschichten gelegt, alle Information ist darin gespeichert.

Terragrafie nennt der Künstler Ekkeland Götze das von ihm entwickelte standardisierte Verfahren, mit dem er versucht, ein Bild von der Erde durch ihre Partikel zu kreieren.

(Foto: Catherina Hess)

Götze entnimmt die Erde, zeigt sie auf seinen Bildern und offenbart damit die Seele eines Ortes. Für seine Terragrafien ist er durch die ganze Welt gereist, nach Tibet, nach Australien, nach Madagaskar, Sumatra und Japan. Oft bewegt er sich auf den Pfaden der Urvölker. 936 Fundstellen hat er auf Leinwand gebannt, faszinierend zu sehen ist dabei, wie einzigartig jede Erde ist - mal grau, mal beige, mal schwarz. Mal muten die Erdstrukturen wie Elefantenhaut oder Baumrinde an, mal sind baumartige Verästelungen zu sehen oder feine Sprudelbläschen wie unter Wasser.

Im Kontrast dazu steht die intensive Farbigkeit in Geigers Werk. Sein Motiv ist die Farbe, vor allem Rot in allen Schattierungen, bis hin zu leuchtendem Pink. Rot steht für ihn für Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme und Kraft. Er lässt die Farbe in geometrischen Formen, vor allem Kreise und Rechtecke, strahlen und wirken. Seine Bilder entfalten in ihrer Klarheit und Reduktion eine besondere Tiefe. In der Zusammenarbeit mit Götze gelang es, mit dem Siebdruckverfahren diffizile Farbverläufe auszuarbeiten. Götze brachte es zudem fertig, aus den Pigmenten eine Siebdruckfarbe herzustellen, die den Bildern eine besondere Leuchtkraft verleiht. Ab Mitte der 1960er Jahre arbeitete Geiger mit Fluoreszenzfarben, inspiriert von den Lichtern, die auf den Flughafenlandebahnen den Flugzeugen den Weg zeigten. Durch die extreme Leuchtkraft lösen sich die scharfen Konturen der Flächen auf und es bleibt die Farbe als einzige Form. Auch in Gräfelfing sind Beispiele dieser Arbeiten zu sehen.

Gegensätzlicher kann man kaum arbeiten: Farbe und Nichtfarbe, Geigers Bilder werden durch Licht erst lebendig, Götzes Erden absorbieren alles Licht. Der eine schöpft aus der Natur, der andere schafft künstliche Eindrücke. Und doch ist da eine Gemeinsamkeit: Die Werke beider Künstler zeigen Seele, die Seele der Farbe und die Seele der Erde.

Die Ausstellung "Porträt der Farbe - Porträt der Erde" im Alten Rathaus, Bahnhofstraße 6, ist bis 25. November geöffnet, jeweils donnerstags von 17 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 15.30 bis 18.30 Uhr. Führungen, Gespräche und Workshops bilden das Rahmenprogramm, siehe www.kunstkreis-graefelfing.de