Süddeutsche Zeitung

Gräfelfing:Ausschwärmen zu den Bienen

Der Imkerverein gibt Lochhamer Grundschülern Anschauungsunterricht am Lehrstand. Wegen des kalten und nassen Frühjahrs gibt es nur halb so viel Honig wie sonst

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Einmal den sommerlichen Kreislauf der Honigproduktion kennenlernen. Das ist die Idee hinter der Kooperation des Imkervereins Gräfelfing und der ersten Jahrgangsstufe der Ganztagsklasse der Lochhamer Grundschule. Im April, Mai und Juni sollten die Schüler bei Besuchen am Lehrbienenstand des Vereins beobachten, mit was die Bienen im Frühjahr beschäftigt sind. Doch Corona hat Klassenausflüge unmöglich gemacht und damit das Bienenprojekt auf einen Anschauungsbesuch im Juni schrumpfen lassen. Jetzt konnten die Schüler endlich in ihre eigens angeschafften Imkeranzüge schlüpfen und erfahren, in welcher Krise die Bienen in diesem Frühjahr stecken.

Kindergartengruppen und Schulklassen kommen öfter zum Imkerverein, der einen idyllischen Lehrbienenstand auf einem Wiesenstück auf der Autobahnbrücke in der Rudolfstraße im Gräfelfinger Ortsteil Lochham betreibt. Doch es ist das erste Mal, dass der Imkerverein und eine Schulklasse für ein langfristiges Projekt kooperieren. Michaela Cosfeld, sozialpädagogische Fachkraft der Ganztagsklasse, betreut das Projekt. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätten die Kinder bei ihrem Besuch am ersten Frühjahrshonig naschen können, der an der Bienenwabe klebt. Doch zu Corona kam in diesem Jahr auch noch ein für die Bienen viel zu kaltes und zu nasses Frühjahr. "Es ist fast kein Honig reingekommen", sagt Annette Rosellen, Vorsitzendes des Imkervereins. Die Bienen konnten nicht genug ausfliegen, um Pollen und Nektar zu sammeln. Manche Imker im Verein sagen, es war das schlechteste Frühjahr, das sie je erlebt haben, sagt Rosellen. Die Imker mussten die Bienen zum Teil notfüttern. Mit der ersten und gleichzeitig einzigen Honigernte in diesem Jahr rechnet sie erst Mitte Juli. "Wir gehen von 50 Prozent Ertragseinbußen aus." Die Imkerin setzt auf die Rubinen und Linden, die jetzt blühen. Bei den Honigbienen sind nämlich - anders als bei Wildbienen - die Bäume mit ihrer üppigen Blütenpracht ein wichtiger Nektarlieferant. In zwei Schulstunden haben die Schüler nun bei ihrer Erkundung im Eildurchmarsch die Honigproduktion kennengelernt. Die Hälfte der Klasse war schon eine Woche zuvor zu Besuch.

Der Imkerverein hat eine sogenannte "Schaubeute" mit Glasfenster. Die Kinder staunen dann regelmäßig über die Größe eines Bienenstocks. "Da passt Gräfelfing in Relation gesehen ein paar Mal rein", sagt Rosellen. Rund 50 000 Bienen bevölkern einen Stock, Gräfelfing hat dagegen nur rund 14 000 Einwohner. Mit großer Vorfreude schlüpfen die Kinder in ihre Imkeranzüge, um dann festzustellen, dass es bei den sommerlichen Temperaturen ganz schön warm wird darin. "Sie sind begeistert und erleben gleichzeitig die Anstrengung", sagt Rosellen: Honig machen ist Arbeit. Weil es allzu schade wäre, das Bienenprojekt nur auf Schmalspur durchzuführen, wird es nächstes Jahr wiederholt, sagt Rosellen. Dann ist hoffentlich die Pandemie bewältigt und ein sonnig-warmes Frühjahr lädt die Bienen zum Ausschwärmen ein.

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Quelle:
SZ vom 22.06.2021
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