Sie scheinen vieles ziemlich richtig zu machen: Bereits den 60000. Besucher konnte das Gop Varieté-Theater zum Ende des ersten Halbjahres im Haus an der Maximilianstraße zählen, sagt Direktor Oliver Fisch bei der Medienpremiere der neuen Show „D.I.S.C.O“. Die dürfte noch den ein oder anderen Sommer-Touristen zum Stammpublikum dazugewinnen.
Die noch auf einem Konzept des vor eineinhalb Jahren verstorbenen visionären Varieté-Regisseurs Knut Gminder basierende Show entführt mit einer Melange aus live gesungenen Hits der Disco-Ära und höchst beeindruckender Artistik zurück in die Siebzigerjahre. Silbern glitzert die von der Decke baumelnde Discokugel, knallbunt ist das Interieur, das mit orangefarbenen Sesseln und knautschigen Sitzsäcken als Bühnenhintergrund projiziert wird.
Aufschlussreich und vergnüglich sind auch die historischen Werbefilmimpressionen und Fernseh-Interviews: Tatsächlich waren die Regler am DJ-Mischpult, mit denen die Übergänge der Musik von den Schallplatten gesteuert werden, seinerzeit als Neuigkeit sehr erklärungsbedürftig. Schön auch die Stimmen junger Menschen, die erzählen, dass die Wahl der richtigen Disco am Wochenende für sie die große Frage ist. Schließlich gelte es dem stressigen Alltag der öden Arbeitswoche zu entfliehen. John Travolta aus dem Kultfilm Saturday Night Fever lässt grüßen, der unter der Woche als Verkäufer Tony in einem kleinen Farbengeschäft arbeitet, dieser Tristesse aber am Wochenende entkommt, indem er in der Disco zum König der Tanzfläche mutiert. Selbstverständlich lassen die energiegeladenen Tanzchoreografien von Viktoriia Fedak und Volodymyr Koval auch ihn wiederauferstehen.

So wird die Bühne zum vibrierenden Nachtclub, in dem mit Schlaghosen, Groove, Frisur und Fashion in Neonfarben das Lebensgefühl der 70er heraufbeschwört wird. In dem internationalen Ensemble kommen lediglich die Sängerin Maja Matic und der Multiinstrumentalist Benni Kran aus Deutschland, sie führen als Duo „As Manko“ mit starker Stimme und musikalischer Vielseitigkeit durch den Abend.
Doch das Ganze ist mehr als eine nostalgische Hommage an eine vergangene Ära, gelingt der Show doch der Spagat zwischen Disco-Drive und zeitgenössischer Artistik. Die ist rockig-rasant wie bei der Brasilianerin Jessica Savalla mit ihrer Keulenjonglage, aber auch mal poetisch-meditativ wie bei dem preisgekrönten japanischen Diabolo-Virtuosen Hiromiki Torii (der übrigens als Einziger komplett unglamourös in schlichtem Schwarz performt). Großartig ist der Comedy-Akrobat Jon Young aus Birmingham, der seine exzellenten Fähigkeiten am chinesischen Mast als charmant-klamaukige Kunstfigur präsentiert. Anfangs stolpert er eher schüchtern mit rothaariger Wuschelkopf-Perücke über die Bühne, später bezirzt er im schwarz-silbern glitzernden Catsuit.

Auf dem BMX-Rad setzt Iñigo Arroyo mit präzisen Tricks die Schwerkraft scheinbar mühelos außer Kraft, später überzeugt der Spanier mit einer dynamischen Performance im Cyr Wheel. Letztere absolviert er in einer goldglitzernden Boxershorts, wie sie einst auch Freddy Mercury gerne trug. Spektakulär und temporeich ist die Rollschuhakrobatik von Claudia Costa Leitao und Vinicius Belli aus Italien, die im weiteren Verlauf auch eine kraftvoll-elegante Duo-Strapaten-Nummer zeigen.
Hervorzuheben als emotionaler Höhepunkt sind Nallely Vargas Lima und Emiliano Gallardo Núñez aus Mexiko als „Duo Oscilante“: In ihrer Hand-auf-Hand-Partnerakrobatik verschmelzen Kraft, Eleganz und Tanzbewegungen zu einem anmutigen und intensiven Gesamtkunstwerk. Mitfiebern und mitwippen können hier bei Hits von Queen wie „Somebody to Love“, von Whitney Houston oder „Hot Stuff“ von Donna Summer nicht nur diejenigen, die vor fünf Jahrzehnten selbst mittanzten. Sondern auch jene, die diese Zeit nur aus Erzählungen kennen.
D.I.S.C.O., bis 4. Oktober, Gop Varieté, München, Maximilianstraße 47, www.variete.de

