Münchner Momente:Von Pferdehirnen bis zu Quantencomputern

Übergabe des Google-Quantenprozessors

Der Quantenprozessor wurde dem Deutschen Museum "als erstem Museum der Erde" vermacht.

(Foto: dpa)

Selber rechnen ist ganz schön altmodisch. Google hat mit dem Quantenprozessor deshalb Technik-Geschichte geschrieben und auch dem Deutschen Museum könnte er von Nutzen sein.

Glosse von Stefan Simon

Im Leben muss man bekanntlich mit allem rechnen, manchmal sogar mit Zahlen. Leider geht das nicht immer gut. Was war das für eine Aufregung an den Schulen und Home-Schoolen, weil das Mathe-Abi heuer so viel schwerer, so viel gemeiner gewesen sei als sonst. Wo war denn da die Corona ausgleichende Gerechtigkeit für die geschundenen Schülerseelen?

Tausende Protest-Unterschriften wurden gesammelt. Nur stellte sich hinterher heraus, dass der Notenschnitt wie immer war. In einfache Algebra übersetzt: Stress > nötig. Doch das interessierte da kaum noch jemanden.

Andererseits, wozu Mathe-Abi, wozu selber rechnen? Ganz schön altmodisch. Schon die legendäre Ida Schumacher sagte in ihrer Rolle als Münchner "Trambahnritzenreinigungsdame" zu einem Schaffner, der sie vom Gleis scheuchen wollte: "Du moanst vielleicht, weilst jetzt du bei der Pferdebahn ogfangt hast, jetzt kanntst d' Ross für di denka lassn, weil's größere Köpf ham."

Was im vorigen Jahrhundert dem "damischen Rollwagerladmiral" die Pferde, das sind heute jedermann die Computer. Schneller rechnen als der Mensch kann auch der langsamste.

Doch ein besonders rasantes Exemplar befindet sich seit diesem Dienstag in München. "Sycamore" ist nicht irgendein Computer, er ist ein Quantenprozessor, mit dem Google Technik-Geschichte geschrieben hat. Dass er nun dem Deutschen Museum vermacht wurde, "als erstem Museum der Erde", wie es heißt, bewegt die Verantwortlichen sichtlich.

Verständlich. "Sycamore" rechnet um einiges schneller, als das bisher möglich war. Er löst binnen dreieinhalb Minuten eine Aufgabe, für die ein Supercomputercluster mit einer Million herkömmlicher Prozessoren 10 000 Jahre brauchen würde. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Es geht dabei um Zufallszahlen, und wer wollte bestreiten, dass das dem Deutschen Museum von großem Nutzen sein könnte? Man denke an den Streit um die Sanierung der Museumsinsel. Immer wieder wurden die Kosten falsch kalkuliert, immer wieder gab es deshalb Ärger.

Doch was, wenn selbst "Sycamore" scheitert? Dann könnte es sich als Glücksfall erweisen, dass das Museum eine Zweigstelle in Oberschleißheim hat. Dort nebenan wird bald eine neue Klinik fertiggestellt. Sie gehört zur Tiermedizin der Uni München und ist spezialisiert: auf diese Tiere mit den größeren Köpfen.

© SZ vom 29.07.2021/syn, van
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