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Google Street View:Heute ist immer gestern

Vorfreude auf die Wiesn, das ganze Jahr über - dank Google Street View.

(Foto: Screenshot Google)

Die Schwabinger 7 steht noch, der Arnulfpark wächst erst heran und das Oktoberfest hört niemals auf: Bei Google Street View wird ein Bild von München konserviert, das fünf Jahre alt ist - und so manch eine Überraschung birgt.

Von Thierry Backes

Es ist schon irgendwie absurd: Der größte Internetkonzern der Welt arbeitet mit veralteten Daten. Die Bilder, die Google seinerzeit unter großem Bohei in München für seinen Kartendienst Street View gemacht hat, sind nun ziemlich genau fünf Jahre alt. Zu erkennen ist das etwa an den Plakaten zur Landtagswahl 2008, die entlang der Straßen hängen. Oder an der Baustelle an der Münchner Freiheit, wo gerade der futuristische Bahnhof für die neue Trambahnlinie 23 entsteht. Wer heute in der Welt von Street View spazieren geht, der kann studieren, wie schnell sich die Stadt mitunter wandelt. Das Unternehmen hat die Bilder seither nie aktualisiert und will das nach eigenem Bekunden auf absehbare Zeit auch nicht tun. Da stellt sich die Frage: Was ist das für ein Bild von München, das der Kartograf Google für alle Welt konserviert?

Die ewige Wiesn

"Ah, Oktoberfest!" - Das ist in etwa das, was einer zu hören bekommt, der im Ausland erzählt, wo er herkommt. Die Wiesn dauert zwar nur zweieinhalb Wochen, aber sie ist das Aushängeschild der Stadt. Auch bei den Leuten von Google: Ob gewollt oder nicht, die Kamerafahrzeuge des Konzerns haben die ewige Wiesn festgehalten. Wobei, halt: Es ist nicht viel vom Oktoberfest zu sehen, die Baumkronen entlang des Bavariarings versperren einem die freie Sicht auf die Theresienwiese, die ganzen Zelte und Fahrgeschäfte dahinter lassen sich nur erahnen. Und warum pilgert eigentlich niemand zum größten Volksfest der Welt? Warum sieht man keine Bierleichen, keine Rikschafahrer? Ganz einfach: Weil die Zelte erst aufgebaut werden. Google hat nicht die ewige Wiesn dokumentiert, sondern den ewigen Wiesnaufbau. Übrigens auch auf den Satellitenfotos, die man bei Google Maps findet. Vorfreude ist, wie wir alle wissen, die schönste Freude. Das ganze Jahr über - dank Street View.

Hund sans scho

Sie rollten tagelang scheinbar ziellos durch die Städte und fielen mit den teleskopartigen Kisten auf dem Dach natürlich auf. Als Google der Öffentlichkeit erklären musste, was es mit seinen merkwürdigen Fahrzeugen vorhabe, rangen Datenschützer dem Unternehmen das Versprechen ab, Gesichter in der Internetanwendung unkenntlich zu machen und Nummernschilder zu verpixeln. Dies sollte eine automatisierte Software erledigen, doch die hat nicht in jedem Fall alles richtig gemacht. In München zum Beispiel sind Politiker wie Isabell Zacharias (SPD) oder Ludwig Spaenle (CSU) auf ihren eigenen Wahlplakaten nicht mehr zu erkennen, gerade die also, die unbedingt erkannt werden wollen. Interessant wird das mit den Wahlplakaten vor allem dann, wenn man dieselbe Straßenecke von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet - denn schon lächeln einen die beiden wieder an. Dies hat die Software offenbar nicht entdeckt. Besonders schön aber ist der braune Dackel, der herrenlos auf dem Viktualienmarkt Gassi geht - und dessen Schnauze Google ebenfalls unkenntlich gemacht hat. Der Konzern kennt sich mit der Münchner Seele aus: Hier ist der Dackel auch ein Mensch.

Herrenloser Dackel, verpixelt, aufgenommen am Viktualienmarkt.

(Foto: Screenshot Google)

Schwabing vor der Bombe

Die Feilitzschstraße war lange Zeit so etwas wie die Gute-Nacht-Kantine Schwabings. Zwischen Dönerbuden, die sich mit Kampfpreisen von 2,50 oder 2,60 Euro die Kunden wegzuschnappen versuchten, waren hier auch das Monopol-Kino und eine Kneipeninstitution namens Schwabinger 7 zu Hause. Wer sich gerne daran erinnert, wie Gerd "Manila" Waldhauser einem um 4.30 Uhr noch ein Bier zapft, der kann sich im Internet zumindest den Nachkriegsbehelfsbau anschauen, in dem die "Schwasi" untergebracht war. Dessen Abriss, die Bombensprengung vom vergangenen Jahr? Auf Google Street View nicht mal ansatzweise ein Thema. Früher war eben doch alles besser.

Abgerissen: der Nachkriegsbehelfsbau, in dem die alte Schwabinger 7 untergebracht war (Mitte). Links daneben: "Mama's Kebap Haus".

(Foto: Screenshot Google)

Das sehen vielleicht auch die Wirte des ehemaligen japanisch-chinesischen Restaurants Shinjuku an der Ligsalzstraße 38 so oder die Macher des Partyservice L'Ocean an der Rablstraße 37. Zwei Beispiele von vielen Münchner Lokalen, die längst nur noch virtuell existieren. Heute findet man an den jeweiligen Adressen spannendere Restaurants: das La Kaz im Westend und das Burger House in Haidhausen.

Bäumchen wechsel dich

Bäumchen, Gras und ein Blitzer: der Luise-Kiesselbach-Platz bei Street View.

(Foto: Screenshot Google)

Keine Frage: Der Luise-Kiesselbach-Platz in Sendling war auch schon vor fünf Jahren ein Verkehrsknotenpunkt, an dem sich die Autos Tag für Tag stauten, er war nur um einiges schöner als heute. Wer sich bei Street View umschaut, sieht vor allem Natur: Hecken, Bäumchen, Gras - und einen Blitzer. Fast nichts ist im Internet zu sehen von der großen Tunnel-Baustelle, die den Verkehr schon seit Jahren um immer neue Ecken führt, um die Garmischer irgendwie mit der Heckenstallerstraße zu verbinden.

Was war, was ist, was wird

Vermisst eigentlich jemand die 60 Schlecker-Filialen? Man erinnert sich jedenfalls bald an sie, wenn man ziellos durch Münchens Straßen surft: Der weiße Schriftzug auf blauem Hintergrund ist oft und deutlich zu erkennen. Wer an der Hackerbrücke vorbeikommt, sieht, wie der Arnulfpark entsteht. Das NS-Dokuzentrum kann er nicht entdecken, auch nicht die Hofstatt. Sucht man das ehemalige Agfa-Hochhaus in Giesing, hat man Pech: Es wurde im Februar 2008 gesprengt, wenige Monate bevor die Google-Autos anrollten. Das Rodenstock-Gelände in der Isarvorstadt ist dafür noch unberührt von den Abrissbirnen, der Marienhof noch nicht umgegraben und die Sendlinger Straße noch keine Fußgängerzone. Googles Street-View-Dienst ist eben im Wortsinn konservativ.

2008 noch längst keine Fußgängerzone: die Sendlinger Straße, vom Färbergraben aus fotografiert.

(Foto: Screenshot Google)

Noch nicht zu sehen: das NS-Dokuzentrum, das aktuell rechts hinter den Bäumen entsteht.

(Foto: Screenshot Google)
© SZ vom 11.09.2013/tba
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