Der Rettungsring hängt bereit. Doch als probates Mittel gegen den Untergang taugt er nicht. Im Gegenteil. Der Reif aus Nato-Stacheldraht wirkt lebensbedrohend statt lebensrettend, symbolisiert Zurückweisung statt Willkommenskultur. Bilder von überfüllten Booten auf dem Mittelmeer, von ertrunkenen Flüchtlingen an den Stränden drängen sich auf beim Anblick dieses Rings, den Torsten Mühlbach als künstlerische Mahnung geschaffen hat. Der Ring, der jeden in die Tiefe ziehen würde, der sich ihm zur Rettung anvertraute, muss also an der Wand hängen bleiben.
Auch als Hilfe für eine queere Community, die von gewaltbereiten und immer krasser auftretenden Andersdenkenden bedroht wird, taugt er nicht. Diese Community ist tief in einem Münchner Stadtviertel verankert, das für seine „Diversity“ seit je her bekannt ist: das Glockenbachviertel.
Hier existierten einst kleine Handwerksbetriebe neben jüdischen Unternehmerfamilien, Kunstateliers fanden ihren Platz neben Rotlicht-Etablissements, eine lebendige queere Community mit Safe Spaces trifft hier ebenso auf Akzeptanz wie migrantische Mitbürger, die sich ihren Lebensmittelpunkt aufgebaut haben. Sie alle prägen das soziale und kulturelle Gefüge dieses besonderen Stadtraums.
Doch auch hier ist längst nicht mehr alles eitel Sonnenschein. Die Gentrifizierungswelle hat das einstige Rotlichtviertel längst überrollt, Latte-macchiato- und Instagram-Eltern prägen das Straßenbild an den meisten Tagen im Jahr mehr als die LGBTQ+-Szene. Dennoch gilt im Glockenbach noch immer die Devise „leben und leben lassen“.
Für den Künstler und Kurator Miro Craemer ist das Glockenbachviertel ein „Role Model für lebendige Urbanität, Dialog und Respekt“. Auch deshalb haben er und Tanja Hirschfeld mit der Glockenbach Biennale in München ein Kunstfestival „für ein gutes Miteinander“ auf die Beine gestellt. Dieser Tage findet es zum zweiten Mal statt. Die zentrale Ausstellung dazu ist im Blumenbunker nahe dem Viktualienmarkt zu sehen. Über das ganze Glockenbachviertel verteilt gibt es sogenannte Satelliten.
Vieles, was nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher, wurde und wird hier in Gesprächsformaten thematisiert. Dass etliche Bars und Kneipen im Laufe der Zeit geschlossen wurden, wo sich die Community zu Hause und sicher fühlen konnte, kam zur Sprache. Man diskutiert im schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum Sub oder in der Beratungsstelle für „Mädchen* und junge Frauen*“ IMMA. Kenner des Viertels bieten Führungen an, um auch die Vielfalt deutlich zu machen.
Denn in diesem Viertel gibt es auch eine sehr lebendige Kunst- und Kulturszene: neben kleinen Galerien und privaten Ateliers auch das städtische Atelierhaus in der Baumstraße, kleine Off-Spaces, das Arena Programmkino, das Wohn- und Kulturzentrum Bellevue di Monaco oder der kleine Kunstraum Mim, den Craemer zusammen mit seinem Mann, dem Kurator Bernhart Schwenk, als nicht kommerziellen Raum betreibt.
Das Team um Craemer hat mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die im Blumenbunker ausstellen. Und auch hier gilt das Miteinander. Denn in diesem einstigen Schutzbunker im Herzen der Stadt hat die Architekturgalerie vor einigen Jahren ihren neuen Standort gefunden. Und Leiterin Nicola Borgmann – die nebenbei in diesem Jahr eine der Kuratorinnen des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig ist – hat nicht nur der Glockenbach Biennale eine Heimstatt gegeben. Sie hat auch parallel eine sehr sehenswerte eigene Ausstellung zur Geschichte der C&A-Kaufhäuser, ihrer Architektur und ihrer Architekten anhand von Modellen und Fotografien auf die Beine gestellt.
Die Hauptausstellung ist aber die der diesjährigen, zweiten Glockenbach Biennale. Und hier breitet sich die Kunst über zwei Stockwerke aus. Es gibt klassische Malerei und Skulptur, aber der Schwerpunkt liegt auf Installation und Materialarbeiten, was zurzeit ohnehin hochaktuell ist. Das hat vergangenes Wochenende auch das Münchner Open Art Gallery Weekend gezeigt.

Eindrücklich dreht sich Hira Kahns luftig-transparente Skulptur „Fight or Flight I“ in der Zugluft. Was auf den ersten Blick wie ein Verweis auf christliche und muslimische Traditionen wirkt, befasst sich tatsächlich mit der „Riot Gear“, also jener speziellen Schutzkleidung, die Polizei und Sicherheitskräfte bei Einsätzen vorwiegend auf der Straße vor Gewalt schützen soll. Kahn versteht ihre Arbeit als Reaktion auf eine zunehmend globale gesellschaftliche Aggression. Um unheimliche Träume und verdrängte Ängste kreisen die seltsamen Mensch-Tier-Mischwesen von Ronit Baranga, die auf den ersten Blick eigentlich recht putzig wirken. Doch das Grauen lauert wie immer tiefgründiger.
Als einen Verweis auf die Geschichte des Rotlichtmilieus des Glockenbachviertels kann man Gabi Blums Videoinstallation „Ich wär dann so weit (Lonesome Showgirl)“ lesen. Eingeklemmt in eine weiße Holzkiste, versucht die Künstlerin in roten High Heels vergeblich, sich frei zu bewegen und sich zu präsentieren. Wenn man so will, eine Spielart der Koberfenster von Bordellen, bei der der Betrachter zum Voyeur wird. Die Arbeit ist zwar schon etwas älter, aber immer noch sehr zeitgemäß, wie Miro Craemer findet.

Eine andere Spielart wählt Susanne Wagner: „The Sadness of Marilyn“ heißt ihr Video. Der Film ist inspiriert von dem bekannten Foto, auf dem Marilyn Monroe mit nach oben wirbelndem Rock über einem U-Bahn-Schacht steht. Super sexistisch die Szene. Erst viel später wurde bekannt, wie sehr sie der Schauspielerin zu schaffen gemacht hatte. Denn erst nach ihrem Tod erfuhr man von ihrer ganzen Unsicherheit und ihrer Zerbrechlichkeit. Wagner greift all dies auf, um die Ikone als Sinnbild für die Fragilität weiblicher Utopien zu interpretieren.
Ob das wohl auch für Barbie gilt? Liza Mercedes fragt sich jedenfalls: Warum hat es im Barbie-Universum nie eine Barbie-Madonna gegeben? Eine, die in ihrer Plastikglätte zugleich verletzlich und widersprüchlich ist, die die Ideale von Perfektion und Erfolg sprengt und zeigt, dass Weiblichkeit mehr ist als Status, Schönheit und Rollenklischee?
Dass es beim Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Zuschreibung und individueller Körpergeschichte nicht nur um Frauen geht, sondern dass sich alle Geschlechter in diesem Spannungsfeld befinden, zeigt das Videoprojekt „Bella Figura“. Susanne Graue, als Autorin auch bekannt als „Stadtlocke“ („Von Höschen und Hoffnung“), hat es am Eröffnungsabend begonnen. Wer wollte, konnte sich den Fragen und der Kamera von Graue und Wolf Heider-Sawall stellen, um Fragen nach Körperbewusstsein, -identität und -liebe zu beantworten. Was man nach den ersten Interviews sagen kann: Kaum einer hält sich selbst für perfekt, alle ringen mit sich, ihren Sehnsüchten und ihren Zweifeln.

Eine Bella Figura machten übrigens die drei Dragqueens Pinay Colada, Magda Von Pfeffer und Miss Lulu V bei ihrem Auftritt auf dem lila (!) Teppich der Glockenbach Biennale vor dem Blumenbunker. Auch wenn Jay Miniano alias Pinay Colada beim Singen und Tanzen in High Heels auf den Treppen etwas außer Puste geriet.
Glockenbach Biennale 2025: Sorry Bella, Architekturgalerie München im Bunker Blumenstraße 22 sowie 20 weitere Satelliten, bis 13. Juli, Infos unter www.glockenbachbiennale.com

