Glaube Der Pfarrer, der die Kirche retten will

Rainer Maria Schießler segnet am Ende des Gottesdientes vor seiner Kirche die Fahrzeuge der Anwesenden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Rainer Maria Schießler ist der präsenteste Pfarrer Münchens. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das ein Weckruf sein soll.

Von Jakob Wetzel

An Rainer Maria Schießler kleben viele Etiketten. Eigentlich ist er einfach Pfarrer zweier katholischer Münchner Gemeinden: in Sankt Maximilian in der Isarvorstadt und in Heilig Geist am Viktualienmarkt. Als "Münchner Kirchenstar" feiern ihn diejenigen, die es gut mit ihm meinen. Katholiken, die sich an ihrer Kirche reiben, schätzen ihn als "Rebellen vom Glockenbach".

Aufsehen erregt hat er als "Wiesn-Pfarrer" und "Bedienung des Herrn", weil er im Urlaub auf dem Oktoberfest kellnert. Er sei "bekannt für seine flotten Gottessprüche", schrieb einmal der Boulevard über ihn, das war nett gemeint. "Ja, mei", sagt Schießler. "Auf jeden Fall ist so die Kirche wieder Thema."

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Schießler ist wahrscheinlich der bekannteste, sicher aber der präsenteste Pfarrer Münchens. Jahrelang hat er für die Abendzeitung Kolumnen geschrieben, er ist in TV-Serien und Spielfilmen aufgetreten und durch Talkshows getingelt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderiert er seine eigene Sendung. Jetzt hat er auch noch ein Buch verfasst, es heißt "Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten" (erschienen im Kösel-Verlag, 256 Seiten).

Den Titel wolle er nicht als Fluch verstanden wissen, sondern als Kern dessen, was ihm Kirche bedeutet, sagt er. Es ist ein programmatisches Buch, es soll ein Weckruf sein, um die Kirche neu zu beleben, zu retten, was zu retten ist. Die Einnahmen fließen in die Flüchtlingshilfe.

Natürlich wolle er Aufmerksamkeit, sagt der 55-Jährige

Es ist ein Donnerstagmorgen. "Ja, kommen's halt vorbei", hat Schießler am Telefon gesagt, er stehe früh auf und sei dann eh da. Der Weg zu ihm führt ins Pfarrheim von "Sankt Max", wie er sagt, und dort vorbei an einer Galerie von Zeitungsartikeln über ihn, es sind mehr als hundert, sie sind gerahmt. Natürlich wolle er Aufmerksamkeit, sagt der 55-Jährige, aber doch nicht für sich, sondern für seine Kirche. Im Buch freilich geht es erst einmal um ihn.

Warum? "Wir wollten zeigen, dass ich kein Siebengescheiter bin, sondern einer, der aus der Keimzelle der Kirche kommt", sagt der Pfarrer. Und so schildert er seine Lebensgeschichte, seine Jugend, seine Träume oder auch seine Gefühle beim Tod der Eltern. Seine Botschaft verpackt er in die Vita.

Schießler ist ein Münchner Kindl, geboren im Oktober 1960 in Laim. Schon als Jugendlicher will er Priester werden, nicht zuletzt, weil er von seinem Pfarrer Elmar Gruber so beeindruckt ist. Mit zehn Jahren sollte der kleine Rainer zum ersten Mal ministrieren, da habe er sich vor Aufregung vor den Altar übergeben, schreibt er.

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Später habe dann der Pfarrer angerufen, aber nicht geschimpft, sondern ihn getröstet und gelobt: Er habe als einziger "wirklich alles gegeben". Die Episode bezeichnet Schießler als "das prägendste Erlebnis meines Lebens". Nie wieder habe er so intensiv erfahren, was Nächstenliebe bedeutet.

Später, nach einem Intermezzo als Novize im Kapuzinerorden und als Taxifahrer, trifft Schießler wieder einen Pfarrer, der ihn inspiriert, diesmal Axel Meulemann in Bad Kohlgrub bei Murnau. Bei ihm war er im Pastoraljahr, einer Art Praktikum, und von ihm habe er sich die leutselige Art und drei Leitsätze abgeschaut: "Du musst die Leute mögen", "Liturgie darf nicht wehtun" und "Sakramente musst du spüren". Dort, in Bad Kohlgrub, kam es auch zum ersten Streit zwischen Schießler und der Amtskirche: Nach der Priesterweihe sei er ohne Rücksprache nach Rosenheim versetzt worden, schreibt er; er fühlte sich "umgestellt wie ein Möbelstück". An diesem Stil reibe er sich bis heute.