Kolumne "Das ist schön":Gut gegen Selbstzweifel

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Daniel Glattauer fing mit einem E-Mail-Roman an und schreibt jetzt seit Jahren erfolgreich Komödien. Muss das wirklich sein?

Von Karl Forster

Es muss ein gelungener Abend sein in der Komödie im Bayerischen Hof. Man gibt dort, dem Ort entsprechend, die Komödie "Die Liebe Geld", was zu dem Trugschluss führen könnte, der Autor derselben habe bezüglich der deutschen Grammatik noch Nachholbedarf. Das ist natürlich Blödsinn, auch wenn der Dichter dieses Werks, in dem ein Geldautomat die ihm zugedachte Rolle des Geldgebers verweigert, aus Österreich kommt. Er heißt Daniel Glattauer, wird im Mai 62 Jahre alt, und hat vor 15 Jahren mit seinem E-Mail-Nichtganzliebesroman "Gut gegen Nordwind" den internationalen Durchbruch als Schriftsteller geschafft. Und hat damit den einen oder die andere aus der Profession der Journalisterei in tiefe Selbstzweifel, ja nachgerade in eine berufstypische Form der Depression gestürzt. Der Grund ist einfach: Glattauer war einst einer von ihnen. Und jetzt ist er Schriftsteller. Einer, der schreiben darf, was und wie er will.

Natürlich gibt es da eine ganze Menge berühmter Autoren, denen ein ähnlicher Aufstieg gelungen ist. Die Reihe beginnt nicht erst mit Theodor Fontane, geht über Mark Twain, Gabriel Garcia Marquez und Ernest Hemingway zu Norman Mailer und endet nicht bei Christian Kracht. Aber die sind irgendwie weit weg. Daniel Glattauer aber wird gerade im Bayerischen Hof zu München beklatscht. Ja, das hätte man auch gern.

Man muss sich das nur vorstellen: Da sitzt der junge Glattauer, studierter Pädagoge und Kunsthistoriker, in den Achtzigerjahren während des Sonntagsdienstes bei der Wiener Presse und quält sich durch den Polizeibericht über einen Mord in Grinzing ("und dafür soll ich studiert haben, na servus!"). Ein paar Jahre später beim Standard streitet er sich mit dem Feuilletonredakteur über den richtigen Konjunktiv in seiner Rezension und gibt sich deswegen in seinem Innersten den Befehl: Leben Sie Gedankenfreiheit, Glattauer! Von nun an schreibt er für sich und aus sich selbst heraus.

Er hat, wie man so sagt, also die Kurve gekriegt. Fährt auf Lesereisen durch ganz Europa, umsorgt von treuen Verlagsvasallinnen, wird verfilmt, verfernseht und verehrt von Leserinnen, die ihm den Schluss von "Gut gegen Nordwind" trotz allem verziehen haben. Sogar das Wohlwollen der Feuilletonisten lässt sich kaum mehr bremsen, obwohl die doch am strengsten sind mit ehemaligen Kollegen. Ja ja, ein Glattauer müsste man sein.

Wirklich? Denn dann geht's los. Hier eine Pressekonferenz, dort eine Signierstunde. "ttt" will ein Profil drehen, Hirschhausen ruft an wg. Quiz, der PEN warnt, man dürfe keinen russischen Wodka mehr trinken. Und dann will auch noch Egbert Tholl ein Interview. O Gott!

Nein, das ist nicht schön. Aber eine Kolumne schreiben über Daniel Glattauer, der man nicht werden will, das ist schön.

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