Ein Strich pro Tag: Wie viele Menschen haben diese Markierung in früheren Zeiten wohl schon in Wände gekratzt? Um ihr Zeitgefühl nicht zu verlieren? Um nicht wahnsinnig zu werden? Gefangene in Kerkern, Schiffbrüchige, Insassen von Nervenheilanstalten. Mit jedem Strich vergewisserte sich der Mensch, dass die Zeit nicht stillsteht, dass es irgendwie weitergeht, dass es Hoffnung gibt auf ein Morgen. Ein Morgen, das vielleicht besser wird. Weil das Heute so furchtbar ist. Zugegeben: eine sehr archaische Methode der Zeitmessung. Wer würde sie heute noch verwenden? Wenn es ihn nicht gerade wie Robinson Crusoe auf eine einsame Insel verschlagen hätte?
Und was hat diese archaische Zeitmessung auf einem Kunstwerk verloren? Noch dazu auf einem aus Glas und in Pink? Einer Farbe, die vermutlich mit dem größtmöglichen Gegensatz zu der inhaltlichen Härte und Tristesse des Strich-Vorgangs konnotiert ist?
Der amerikanische Künstler Mark Bradford hat es getan. Der 63-Jährige thematisiert oft gesellschaftspolitische Fragen. Sein künstlerisches Werk reicht von Malerei über Collage und Installation bis zu Video. Für Glaskunst jedoch ist Bradford nicht gerade bekannt. Und doch hat er ein Glasobjekt geschaffen, das eine pinkfarbene Einkaufstasche, einen klassischen Shopper darstellt.
Auf den ersten Blick ein banales Objekt, das man einem Künstler wie ihm kaum zuschreiben würde. Bis man der Striche darauf gewahr wird. Typische Fünfer-Bündel mit vier Senkrechten, die von einem diagonalen Strich durchkreuzt und zusammengehalten werden. Je drei pro Reihe, sieben Reihen.
Bradford, der in seiner Jugend viele Sommer durch Europa gereist ist und so die europäischen Kunsttraditionen kennengelernt hat, verneigt sich mit dem Objekt vor der venezianischen Glaskunst. Zugleich bricht er den schönen Schein, dem diese Kunst verhaftet ist, indem er die Form eines Shoppers wählt, wie er in der JVA Venedig von Gefangenen aus PVC gefertigt wird. Und rückt sein Objekt noch stärker in den gesellschaftskritischen Kontext, indem er die Tagesstriche daraufsetzt. Ein Strich pro Tag. 105 Tage Haft.

Bradfords Objekt ist nur eines von sehr vielen, die mehr sind als klassische Glasobjekte und die in der Jubiläumsausstellung zu 25 Jahre Alexander Tutsek Stiftung gezeigt werden. „Future Horizons“, so ihr Titel, will einen Blick in die Zukunft werfen. Der Horizont, eine Linie, wo Himmel und Erde sich begegnen und der man sich nähern kann, die man aber niemals erreicht. Oder um es mit dem Philosophen Hans-Georg Gadamer zu sagen, der von den Kuratorinnen Petra Giloy-Hirtz und Eva-Maria Fahrner-Tutsek zitiert wird: „Dem Beweglichen verschieben sich die Horizonte.“ Weil der Horizont etwas ist, „in das wir hineinwandern und das mit uns mitwandert“.
Auch deshalb ist es spannend, diese Glasobjekte genau anzusehen und über den eigenen Horizont hinaus zu denken. Ist „In my Hand“ von Monica Bonvicini eine reine Gewaltinterpretation, eine Reminiszenz an Bondage, die mit Begehren und Unterwerfung, Lust und Gewalt spielt, oder ist es doch Ausdruck weiblicher Selbstermächtigung? Nehmen die roten Sterne von Kiki Smith Bezug zum Universum oder stellen sie grausame Todesmaschinen dar, wie ihr Titel „Mine“ impliziert? Kritisiert die Arbeit „Regime“ von Guan Donghai nur traditionelle oder auch aktuelle Machtstrukturen? Und wie viel Doppeldeutigkeit lässt sich aus dem wie ein verschnürtes Geschenkpaket anmutenden Glaswürfel von Janusz Walentynowicz ablesen, wenn man nicht seinen Titel „Hazardous Goods“ kennt?

Die Vielfalt der Glasarbeiten in Form, Technik und Inhalt, die die Alexander-Tutsek-Stiftung sammelt und hier zeigt, ist beeindruckend. Längst hat Glaskunst die Kategorien Handwerk und Kunsthandwerk hinter sich gelassen. Die Studio-Glas-Bewegung hat da in den 1970er-Jahren viel angestoßen und in Bewegung gebracht. Inzwischen arbeiten viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler nicht ausschließlich, aber wie selbstverständlich auch in Glas. Nicht notwendigerweise, indem sie die Materialität selbst beherrschen. Aber für die Stiftung zählen solche Kategorien ohnehin nicht.

Auch weil Eva-Maria Fahrner-Tutsek, die die Stiftung zusammen mit ihrem Mann Alexander vor 25 Jahren gegründet hat und kürzlich vom bayerischen Kunstministerium mit der Auszeichnung „Pro meritis scientiae et litterarum“ geehrt wurde, von Anfang an nach dem Besonderen gesucht hat. „Wir waren nie Sammler“, erzählte sie vor einigen Jahren in einem Gespräch mit der SZ, „aber wir waren offen für Bereiche, die gerne mal übersehen werden“. Glaskunst – sofern man nicht an Kunsthandwerk dachte – gehörte lange in diese „übersehene“ Kategorie.
Wie auch die anderen Bereiche, die die Stiftung fördert und längst auch systematisch sammelt. Dazu gehört die Fotografie. Einer Leidenschaft, der Eva-Maria Fahrner-Tutsek auch ganz persönlich frönt, über Einzelprojekte und Ankäufe in Münchner Museen fördert und über die die Stiftung 2016 zum Hauptsponsor vom Haus der Kunst wurde.
Das zweite Standbein der Stiftung ist der Wissenschaftsbereich, wo Forschung und Lehre an Fachschulen und Universitäten und ganz besonders der Nachwuchs mithilfe von Stipendien gefördert werden. Denn Wissenschaft und Glas gehören originär zu den Stiftern, die auch Eigentümer von Refra-Technik sind, einem Unternehmen für feuerfeste Stoffe wie Glas, Keramik, Steine und Erden.

Seit Sommer 2024 befinden sich der Hauptsitz des Unternehmens und der Sitz der Stiftung nicht mehr in einer alten Jugendstilvilla in Schwabing, sondern in einem Neubau in der Parkstadt Schwabing. Früher musste man treppauf-treppab durch die vorderen und hinteren, die unteren und oberen oft kleinen Räumlichkeiten der alten Villa steigen. Solitären Präsentationen kam das entgegen; um Korrespondenzen zwischen Werken zu schaffen, war es eher hinderlich.
Wie sehr die Ausstellungsmöglichkeiten der Alexander-Tutsek-Stiftung gewonnen haben, seit sie in den neuen Räumen des Unternehmens, der Black Box, das Erdgeschoss und seit Kurzem auch einen weiteren Raum im ersten Stock zur Verfügung haben, wird mit jeder Ausstellung deutlicher. Mit einem immer breiteren Rahmenprogramm mit Führungen und Lunch-Breaks öffnen sich die Stiftung und die Sammlung immer mehr. Aus Anlass des 25. Bestehens ist bei Hirmer ein Bestandskatalog „About Glass“ erschienen.
Bei dieser Ausstellung setzt man im Erdgeschoss in der Farbgebung auf elegantes Silber und Schwarz. Außerdem hat das Berliner Architekturbüro Bruzkus Greenberg zahlreiche verspiegelte Wandeinbauten vorgenommen, die die Objekte wunderschön in Szene setzen. Im oberen Stock durchzieht ein pinkfarbenes Podest die Länge des schmalen Raumes. Und auch wenn da zunächst ein Wow-Effekt dominiert, je länger man hinschaut, desto nerviger wird der pinkfarbene Lack, der den Objekten einfach zu viel wegnimmt. Weshalb manche der Werke, die an den weißen Wänden hängen, hier besser wegkommen: etwa die spielerische, technisch hochinteressante Arbeit der jungen litauischen, in München lebenden Künstlerin Neringa Vasiliauskaitė.
Kunst aus Glas, so viel steht fest, hat in München eine ganz besondere Heimat gefunden. Und Eva-Maria Fahrner-Tutsek, die noch immer fasziniert davon ist, hat diesem „Vernachlässigten und Unterschätzten“ einen stetig wachsenden Resonanzraum gegeben.
Future Horizons, Alexander-Tutsek-Stiftung München, bis 28. Mai 2026

