Gillian Anderson hat es eilig. Der große internationale Star des Filmfests, auf den die Fans an diesem heißen Dienstagnachmittag lange warten mussten, steht auf und schreitet in Richtung Bühnenaufgang. Dabei haben Christoph Gröner und Julia Weigl, die Filmfest-Chefs, eben erst begonnen mit ihrer Laudatio auf die US-Schauspielerin, die sie eine „Kultur-Ikone“ nennen. Anderson, elegant im weißen Kleid und auf High Heels, nimmt wieder Platz in der ersten Reihe. Sie muss sich gedulden.
Der Eindruck, dass die 56-Jährige die Preisverleihung im Rampenlicht womöglich schnell hinter sich bringen möchte, bestätigt sich, als Anderson nach weiteren Lobeshymnen („inspirierendes Vorbild“, „komplexe Charaktere“) schließlich doch auf die Bühne im ausverkauften Deutschen Theater gebeten wird – und etwas unsicher wirkt. „Ich bin so überwältigt“, sagt sie auf Englisch und fügt an: „Ich fühle mich unglaublich geehrt.“ Sie nimmt die „CineWave“-Trophäe in Empfang, als Symbol für den größten Preis des Filmfests, den undotierten „CineMerit“-Award für Verdienste um die Filmkunst.

Eröffnungsfeier zum 42. Filmfest München:Wer rückt nach, wenn der größte Star nicht kommt?
Das Filmfest München 2025 startet ohne Carey Mulligan, die aus privaten Gründen absagt. Stattdessen feiern Stars wie Vicky Krieps und Helena Zengel mit – und für Emotionen sorgen an diesem Abend zwei Politiker.
Und dann sagt die Film- und Theater-Schauspielerin überraschende Sätze über sich selbst. Unsicher. Langsam. Halt suchend am Rednerpult. „Ich bin ein bisschen Eremitin. Ich weiß schon, das wirkt nicht so, aber es ist wahr.“ Preise wie dieser seien irgendwie schockierend, sagte Anderson. Sie mache doch nur ihr Ding. „Manchmal vergesse ich, dass die Menschen auf mich achten.“
„We love you“, schallt es spontan aus dem Publikum. Die der Frau des Abends entgegengebrachte Liebe scheint grenzenlos zu sein. Anderson gilt als Heldin des Feminismus, der Queer- und Sci-Fi-Szene. Sie engagiert sich als Autorin und Herausgeberin („Want“), setzt sich für wohltätige Zwecke ein. Die Erwartungen sind groß.
Laut bejubelt wird zu Beginn ein kurzes Video mit Filmausschnitten ihrer größten und bedeutendsten Rollen: Sie war FBI-Agentin Dana Scully in der Kultserie „Akte X“, Ermittlerin Stella Gibson in „The Fall“, sie war Sexualtherapeutin Jean Milburn in „Sex Education“ und Margaret Thatcher in „The Crown“. Um nur einige zu nennen. Der Clip führt allen im Saal Andersons Facettenreichtum vor Augen, ihr großes Spiel in Großaufnahme.
Auch im neuen Spielfilm der Golden-Globe- und Emmy-Gewinnerin kann sie ihre Kunst beweisen: „Der Salzpfad“ (Regie: Marianne Elliott, Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz) hat in München Deutschlandpremiere, er wird während der Gala gezeigt. Das bildgewaltige Drama ist ein fordernder und emotionaler Film, er tut weh und macht Mut.
„Der Salzpfad“ basiert auf dem außergewöhnlichen autobiografischen Reisebericht der Britin Raynor Winn. Sie und ihr Mann haben 2012 alles verloren: ihr Haus, ihr Erspartes, ihre Jobs. Obwohl Moth, so heißt der Mann, an einer seltenen Nervenkrankheit leidet und sich nur eingeschränkt bewegen kann, brechen sie zu einer mehr als 1000 Kilometer langen Wanderung an der Südwestküste Englands auf. Eine irre Geschichte. Die Tour de force der Obdachlosen ist gefährlich und beglückend, niederschmetternd und lebensverändernd. Anderson spielt Ray, ihr englischer Kollege Jason Isaacs („The White Lotus“) spielt Moth. Beide überzeugen.

Im anschließenden Bühnengespräch mit BR-Moderatorin Christina Wolf betont Gillian Anderson, dass ihr relevante Filmthemen wie Obdachlosigkeit, Krankheit und Lebensträume immer mehr am Herzen liegen. „Je älter man wird, desto wertvoller ist Zeit.“ Und desto bedeutungsvoller seien Beziehungen. Ihre Engagements wähle sie dementsprechend aus. „Ist es das Projekt wert, eine Weile von den Menschen, die ich liebe, getrennt zu sein?“
Das Interview ist knapp und sprunghaft. Viele Themen werden nur angeschnitten und leider nicht vertieft: das Kennenlernen mit den echten Protagonisten, die Dreharbeiten in Cornwall, die Rolle der Scully, der Blick zurück aufs eigene Frühwerk, die Verantwortung damals, die Queer-Community heute, die Arbeit als Schauspielerin im Unterschied zur Arbeit als Autorin. Ein Ritt ohne Erkenntnisse. Klare Statements oder Botschaften gibt es nicht. Alles wirkt ein bisschen zerfranst, ein bisschen konfus. Fragen aus dem Publikum werden nicht ermöglicht.
Woran auch immer es gelegen hat, Nervosität, eremitisches Unbehagen oder andere Gründe, aber ein überzeugender, gut vorbereiteter Auftritt sieht anders aus. Man denke da an die Gala an selber Stelle vor einem Jahr, mit Andersons „CineMerit“-Vorgängerin Kate Winslet. Die britische Oscar-Gewinnerin hatte die Bühne für große Worte genutzt und unter anderem betont, wie schwierig und wichtig es sei, als Frauen Filme über Frauen zu machen. Winslet hatte Esprit und Schwung, sie war mitreißend. Zu den Frauen im Saal sagte sie: „Verschwendet keine Energie mehr, euch für euren Körper zu schämen. Ihr seid phänomenal, sagt euch das selbst!“ Mit David Kross hatten die Filmfest-Gastgeber eine zusätzliche Stimme für eine weitere Laudatio gefunden, der Schauspieler hatte mit Winslet „Der Vorleser“ gedreht.

Derartige Überraschungen gibt es bei Anderson nicht. Eine verpasste Chance ist denn auch, Raynor Winn nicht auf die Bühne gebeten zu haben. Die Autorin der Buchvorlage war nämlich ebenfalls im Saal. Sie wurde begrüßt, aber in den Gesprächen nicht weiter erwähnt. Womöglich wollte sie nicht ins große Rampenlicht, aber man hätte sie mehr einbinden können oder sich zumindest deutlicher bei ihr bedanken. Ihre Geschichten hätte man gerne gehört an diesem leider etwas uninspirierten frühen Abend.
Gillian Anderson hat es eilig. Im freundlichen Schlussapplaus, noch bevor ihr Julia Weigl den obligatorischen Blumenstrauß überreichen kann, zieht es die US-Amerikanerin zu den Treppen neben der Bühne. Zu früh, wie zu Beginn. Kurz hält sie inne, nimmt die Blumen. Dann darf sie gehen.
Auf Instagram postet sie noch in der Nacht: „Thanks for the love Munich!“ Sie hat den Text auf das Foto eines Geschenks getippt, das sie bekommen hat. Das Foto zeigt einen Penis-Lolli.

