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Gilching:"Ich habe das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht bekommen"

Annette Reindel leitet das Archäologie-Museum „Schichtwerk“.

(Foto: Arlet Ulfers)

Museumsleiterin Annette Reindel freut sich über mehr Besucher, neue Mitglieder und bessere Förderchancen

Interview von Patrizia Steipe, Gilching

Vor drei Jahren wurde der Gilchinger Verein "Zeitreise" mit dem Tassilo-Förderpreis ausgezeichnet. Der Verein hatte das Kunststück geschafft, innerhalb von fünf Jahren ein kleines Museum aus dem Boden zu stampfen. Die Initialzündung für das Projekt war der Fund dreier Skelette mit Grabbeigaben aus der Bajuwarenzeit, genannt "Kiltis", an einer Baustelle in Gilching. Nach viel Engagement und Beharrlichkeit wurde das Museum 2017 eröffnet. Leiterin Annette Reindel berichtet, wie es seit der Preisverleihung weiterging.

SZ: Was bedeutet Ihnen der Preis?

Annette Reindel: Für uns war er eine schöne Würdigung unseres ehrenamtlichen Engagements, eine Bestätigung unserer Arbeit. Auch nach außen hin. Bei Bewerbungen um Förderungen für Projekte legen wir eine Kopie des Preises den Unterlagen bei. Das hat schon Gewicht. So eine Anerkennung beflügelt ungemein, also ich habe damals das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht bekommen.

Hatte der Tassilo-Förderpreis Auswirkungen auf Ihren Verein?

Auf alle Fälle ist unser Bekanntheitsgrad gestiegen. Nachdem wir den Preis über unsere Kanäle verbreitet hatten, waren wir sehr überrascht, wer uns alles gratuliert hat, nicht nur aus der Umgebung, sondern von überall her. So ein aktives Feedback bekommt man nicht alle Tage. Auch sind in der Folge mehr Besucher in das Museum gekommen, manche sogar mit dem ausgeschnittenen Zeitungsartikel. Wir sind außerdem gewachsen. Derzeit hat der Verein 124 Mitglieder, davon sind zehn bis 20 aktiv tätig.

Wie fanden Sie die Preisverleihung?

An die richtig coole Party mit 300 Gästen im Technikum im Münchner Werksviertel erinnere ich mich sehr gerne. Es war spannend, all die tollen Menschen und ihre Ideen kennenzulernen. Besonders gefallen hat mir der Auftritt der Bigband Dachau. Ich bin später sogar extra auf ein Konzert von ihnen gefahren. Und Leslie Mandoki aus Tutzing war da. Das hat mich total begeistert, weil ich ein großer Fan der Popgruppe Dschinghis Khan war. Es werden sicher noch gemeinsame Aktionen entstehen. Ich habe auf alle Fälle einige Namen auf meiner Liste.

Was ist seitdem im "Zeitreise"-Verein passiert?

Wir haben nach der Sonderausstellung zur Geschichte des Werson-Hauses und seines Namengebers, dem Künstler Jules Werson, eine zum Bierbrauen und den Brauereien in Gilching gemacht. Derzeit läuft "Luftkrieg im Sommer 1944: Schauplatz Gilching". Dabei geht es um den Absturz eines amerikanischen Bombers am Ölberg mit vielen Originalexponaten und Zeitzeugenberichten. Die Ausstellung soll wegen der Corona-Einschränkungen verlängert werden. Außerdem haben wir ein Denkmal am Absturzort des Bombers aufgestellt. Ein großes Projekt war der "Zeitreise-Tunnel" an der Westumfahrung, den die Streetart-Künstler Loomit und Lando mit Szenen aus der Vergangenheit Gilchings besprüht haben,und wir haben die Replik eines römischen Meilensteins hinter dem Museum wieder aufgestellt.

Womit sind Sie derzeit beschäftigt?

Nach einem Wasserschaden und der Renovierung muss das Römerzimmer in der "Schichtwerk"-Dauerausstellung wieder aufgebaut werden. Auch unsere drei Routen der "Via Zeitreise", die rund um Gilching zu geologisch, geschichtlich und archäologisch interessanten Plätzen führen, müssen überarbeitet werden. Das sind mehr als 70 Tafeln und dann sollen eine weitere "Via Zeitreise" und eine App entstehen. Für dieses Projekt wurden wir vom Deutschen Verband für Archäologie ausgewählt und gehören zu einem der 80 Projekte für zukunftsfeste regionale Museen und Bodendenkmäler im ländlichen Raum. Gefördert wird dies von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen des "Soforthilfeprogramms Heimatmuseen".

Was lief während der Corona-Krise?

Wir haben auf unserer Homepage Angebote für "Zeitreisen dahoam". Aktuell gibt es ein Rezept für einen römischen Brotaufstrich oder Motive aus der Geschichte Gilchings, mit denen man Ostereier verzieren kann. Unsere Stammtische finden virtuell statt.

Haben Sie neue Erkenntnisse über die "Kiltis"?

Wir hoffen, dass wir bald das Geheimnis lüften können, wie unser Kilti einmal aussah. Wir haben nämlich Untersuchungen der bajuwarischen Skelette in Auftrag gegeben, gefördert vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Zum Beispiel eine Gesichtsrekonstruktion bei einer Anthropologin in Weimar. In dem Institut in Bozen, in dem Ötzi erforscht wurde, wird die alte DNA untersucht. Die Grabbeigaben werden in Köln weiter unter die Lupe genommen. An ihnen wurden mineralische Anhaftungen gefunden, das sind die Überbleibsel des ehemaligen Stoffs. Mit den Ergebnissen wollen wir eine interaktive Mitmachstation im Bajuwarenzimmer aufbauen, an der man unter anderem Methoden kennenlernen kann, die interdisziplinär zu einem Lebensbild der Kiltis führen sollen.

© SZ vom 03.04.2021
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