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Giesing:Mahnmal außerhalb der Mauern

Späte Erinnerung: Drei Tafeln erinnern vor der JVA Stadelheim an das Schicksal der Menschen, die während der NS-Zeit dort inhaftiert waren. Die meisten wurden ermordet, der Vater von Heidi Delbeck überlebte.

(Foto: Claus Schunk)

Drei Tafeln erinnern an 1188 Menschen, die von den Nazis in Stadelheim getötet wurden

Von Susi Wimmer, Giesing

Die Stimme von Heidi Delbeck bricht, als sie von ihrem Vater erzählt, der vor 75 Jahren in den Todeszellen des Gefängnisses in Stadelheim saß und auf seine Hinrichtung wartete. An diesem Ort, den die 72-Jährige "nie betreten wollte", hält sie nun eine kurze Rede. Anschließend enthüllt sie zusammen mit Justizminister Georg Eisenreich und Gefängnis-Leiter Michael Stumpf drei Gedenktafeln. Sie sollen an die 1188 Menschen erinnern, die zwischen 1934 und 1945 hinter den Gefängnismauern hingerichtet wurden.

Seit 1974 existiert in der Justizvollzugsanstalt (JVA) bereits eine Gedenkstätte. Die Stadt München regte an, auch außerhalb der Mauern für die Bevölkerung ein Mahnmal zu schaffen. "Stadelheim war eine der zentralen Hinrichtungsstätten des Deutschen Reiches", sagt JVA-Leiter Michael Stumpf. Hier wurden politische Gegner inhaftiert, aber auch Zwangsarbeiter, Homosexuelle oder "Rassenschänder", das heißt Partner von Menschen jüdischen Glaubens. Die "Volksschädlingsverordnung" erlaubte dann ab 1939, dass Menschen wegen Bagatelldelikten hingerichtet werden konnten.

Über Jahre hatte die JVA unter fachlicher Begleitung Informationen zusammengetragen und recherchiert. Denn die Gedenkstätte sollte nicht nur "prominenten Opfern" wie den Mitgliedern der Widerstandsbewegung Weiße Rose gelten, sondern allen. Die Tafeln wurde in den Werkstätten der JVA gefertigt.

Die Erinnerung sei ein wesentlicher Teil, sagte Minister Eisenreich, aber man müsse auch Lehren für die Zukunft ziehen. Im aktuellen Klima von Hass und Hetze könne jeder Einzelne seinen Beitrag leisten, indem er am Stammtisch oder in der Familie bei rassistischen, extremistischen oder antisemitischen Aussagen Widerspruch leiste. Der Vater von Heidi Delbeck hat den Naziterror übrigens überlebt. Dem Anstaltsgeistlichen und dem Rechtsanwalt Franz Pfister gelang es, mehrere Menschen zu retten. Erst kurz vor seinem Tod erfuhr Heidi Delbeck vom Schicksal ihres Vaters.

© SZ vom 25.07.2020

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