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Giesing:Immer der Nase nach

Tausende besuchen am Samstag das Stadtteilfest "Ois Giasing" mit seinen vielen Spielstätten. Wer das Programm nicht zur Hand hat, kann sich an Gerüchen und Geräuschen orientieren. Und politisch wird es natürlich auch

Die Realität war zum Glück besser als die Prognose, und so konnten die Tausenden Besucher des großen Stadtteilfests "Ois Giasing" am Samstag die Regenschirme im Rucksack lassen und ganz entspannt die Tegernseer Landstraße rauf und runter spazieren. Es war kühl, aber nicht kalt, sodass man sich beim Flanieren von einem Programmpunkt zum anderen durchaus mit einem Wegbier erfrischen konnte. Und wer das Programm gerade nicht zur Hand hatte, konnte sich mit dem Gehör- oder dem Geruchssinn behelfen, denn rechts und links von der Tela, Giesings Hauptachse, tönte und duftete es in höchst unterschiedlichen Variationen.

Politisch war es natürlich auch, denn den Giesingern ist klar, dass sie ihr Viertel, so wie es ihnen ans Herz gewachsen ist, verteidigen müssen gegen all die Spekulanten, die den noch vergleichbar günstigen Wohnraum aufwerten und luxussanieren wollen - was ihn für die meisten hier unbezahlbar machen würde. Und wo könnte sich dieser Protest besser artikulieren als am Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße 1, das am 1. September 2017 illegal abgerissen wurde, um Platz zu schaffen für einen gewinnträchtigen Neubau.

Vor der Lücke, die in dieses Giesinger Idyll geschlagen wurde, haben sich auch an diesem Samstagnachmittag viele Menschen eingefunden. Angelika Luible, die mit ihren Mitstreitern von "Heimat Giesing" den Protest organisiert und regelmäßig zu Mahnwachen und Aktionen aufruft, erinnert in ihren Ansprachen immer wieder an das hier begangene Unrecht. Sie fordert, dass die Stadt bei Verstößen gegen den Denkmalschutz scharf durchgreift, damit ein Abriss wie beim Uhrmacherhäusl verhindert werden kann.

Ähnlich argumentiert Christian Hierneis, von Luible vor allem in seiner Funktion als Vorsitzender der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe München und Landkreis vorgestellt. Dass er im vergangenen Jahr für die Grünen in den Landtag gewählt wurde und sich dabei gegen den ehemaligen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) durchsetzte, fällt unter den Tisch. Aber es soll hier auch nicht um Parteipolitik gehen, sondern darum, gemeinsam über die Parteigrenzen hinweg dafür zu kämpfen, dass Wachstum wieder verträglich gestaltet wird "und nicht mehr kapitalgetrieben bleibt", wie Hierneis sagt, dem man anhört, dass er gebürtiger Münchner ist.

Rainer Berauer ist es nicht, der Liedermacher stammt aus Fischbachau und heizt mit seiner Frau Doro, die am Kontrabass den Rhythmus vorgibt, musikalisch ein. Die beiden sind "Die Isarschiffer" und werden am Bauzaun, der absperrt, was vom Uhrmacherhäusl geblieben ist, mit viel Applaus belohnt.

Den haben sich auch die Musiker vom "Café Unterzucker" redlich verdient, denen derweil am Alpenplatz drei Dutzend Kinder lauschen, die den Platz vor der Bühne okkupiert haben. Sie werden von den Erwachsenen dort oben aufgefordert, sich ein "schlimmes Wort mit Sch..." auszudenken und bekommen dabei Schützenhilfe: "Schule und Scheuer" zum Beispiel. Auf dem Alpenplatz ist kaum ein Durchkommen, man muss schon einigen Kinderwägen ausweichen, um zu bewundern, was die Kunsthandwerker so alles feilbieten.

Wer so von einem Standort zum nächsten spaziert, hört schon aus der Ferne die vielen Stimmen des "Bud Spenzer Heart Chors", zum Beispiel an der Wendelsteinstraße. Und während sie (Motto: "Schöne Töne außer Rand und Band") die Zuhörer begeistern, reißt der Himmel etwas auf und nimmt die Farben der Löwen an, die in Giesing zuhause sind: Weiß-Blau. Wie sich deren Wappen darstellen lässt, üben die Kleinen dann am Grünspitz, unter Anleitung der "Löwen gegen Rechts", während Amanda Marie den Soundcheck für ihr Konzert absolviert. Bei so vielen Attraktionen ist es sehr schade, dass man nicht an mindestens zwei Orten zugleich sein kann. Wer zu spät kommt, kriegt in der Heilig-Kreuz-Kirche nur noch den Applaus mit, mit dem sich das Publikum für das Orgelkonzert von Christoph Koscielny bedankt. Das ist schade - aber das nächste "Ois Giasing" kommt hoffentlich bestimmt.