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Giesing:Heimspiel-Horror

TSV 1860 München

"Die Heim-Fans sind nicht das Problem, die bleiben sogar an der roten Ampel stehen", bricht Beatrix Zurek, Leiterin des Referats für Bildung und Sport, eine Lanze für die Löwen-Anhänger. Das Grünwalder Stadion wird aus ihrer Sicht immer eine Beeinträchtigung darstellen.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Lärm, Chaos, Wildbiesler - die "Fanmeile" um das Grünwalder Stadion bringt die Anwohner an ihre Grenzen. Ein runder Tisch mit Verantwortlichen der Stadt bringt aber kein greifbares Ergebnis

Nach 111 Minuten, in denen es hitzig hin und her gegangen ist - hier die Anwohner des Grünwalder Stadions, dort die Vertreter der Stadt - lässt Beatrix Zurek einen Satz fallen, der die Hilflosigkeit auf beiden Seiten am besten widerspiegelt. "Das Problem ist immer der Mensch", sagt die Leiterin des Referats für Bildung und Sport im Münchner Rathaus. Konkret ist es hier der Fußballfan, den es zweiwöchentlich ins städtische Stadion an der Grünwalder Straße zieht. Zwölf Heimspiele hat der TSV 1860 München dort in der laufenden Drittliga-Saison bestritten, zwölfmal kamen 15 000 Zuschauer. Und zwölfmal herrschten rund ums Stadion Lärm und Chaos - zumindest aus der Sicht vieler Anwohner.

Sie haben sich deswegen ein ums andere Mal beim Bezirksausschuss Untergiesing-Harlaching (BA) beschwert, weshalb dieser zu einem runden Tisch geladen hat. Genauer gesagt sind es drei lange Tischreihen, an denen Vertreter von Stadt, Polizei, des TSV 1860 München sowie des FC Bayern Platz nehmen - und natürlich die Nachbarn. Man habe bewusst nur "die Sprachrohre der Anwohner" eingeladen, sagt BA-Chef Clemens Baumgärtner (CSU). Ziel sei es, zwischen ihnen und der Stadt "eine Kommunikation auf Augenhöhe" zu schaffen. Und nachdem mehrere Anwohner bereits mit Klagen gedroht haben, "sehe ich den runden Tisch auch als Versuch, diese juristischen Schritte zu vermeiden", sagt Baumgärtner, ehe er den Nachbarn das Wort erteilt - und die Klagen und Vorwürfe niederprasseln.

Er habe Schreiben von 50 Parteien, die zwischen Giesinger Berg und Schön-Klinik wohnen, sagt etwa Christian Freese. Sie alle hätten sich beschwert über die lärmenden Fans, die Wildbiesler und den Verkehr. "Ich möchte klarstellen, dass das nicht nur bei Sechziger-Spielen so laut ist", betont Freese. "Das ist nicht nur alle zwei Wochen, sondern zwei- bis dreimal die Woche." Die acht anwesenden Anwohner betonen allesamt, dass sie weder etwas gegen Fußball noch speziell gegen die Löwen hätten. Vielmehr sehen sie allen voran die Stadt in der Pflicht, wie ein älterer Herr betont, der anonym bleiben will - aus Angst vor militanten Fans, wie er später erklärt. "Die Stadt München soll dafür sorgen, dass die Hausordnung in dem Stadion eingehalten wird", fordert er. Mehrfach habe er sich ans Rathaus gewandt, doch dort fühlten sich die Anwohner "nicht ernst genommen".

Das Hauptproblem sei der Lärm, klagt der ältere Herr. An Spieltagen gehe es um zwölf Uhr los - mit den Trommeln der Fans und Schlagern aus den Lautsprechern. "Das geht durch Mark und Bein, da kann man sich nicht mehr draußen aufhalten." Dazu kämen Schmierereien, "jede Menge Graffiti und Aufkleber", ärgert sich Robert Motschenbach. Und er betont: "Es ist nicht nur der Lärm während des Spiels, sondern auch das, was vorher und nachher passiert." Demnach würden Fans schon um 9 Uhr früh durch die Straßen ziehen; nach dem Schlusspfiff werde mitunter bis Mitternacht gefeiert. Was Motschenbach und die anderen Nachbarn besonders umtreibt, ist die von der Stadt beauftragte Machbarkeitsstudie, die einen Ausbau des Stadions auf bis zu 30 000 Zuschauer prüfen soll. "Da hat man die Anwohner überhaupt nicht gefragt", wettert der ältere Herr.

Darauf entgegnet Beatrix Zurek, dass mit einem etwaigen Ausbau "natürlich immer auch Lärmschutzmaßnahmen einhergehen" würden. Davon abgesehen zeichnen die Vertreter von Stadt und Polizei ein ganz anderes Bild von den Fußballspielen in Giesing. "Die Heim-Fans sind nicht das Problem, die bleiben sogar an der roten Ampel stehen", lobt Zurek die Löwen-Anhänger. Auswärtsfans würden derweil von der Polizei zum Stadion begleitet; dabei habe sich die Verlegung des Parkplatzes für Gästebusse an den Wettersteinplatz bewährt, betont Harald Schertler von der Polizeiinspektion 23 (Giesing). Die Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr beschränkten sich an Spieltagen "auf ein Minimum". Zwar gebe es rund ums Stadion einen erhöhten Parksuchverkehr, "aber dieser Bereich ist auch zu Normalzeiten stark belastet", sagt Schertler.

Nach zwei Stunden intensiver Debatte wird man den Eindruck nicht los, dass am Runden Tisch beide Seiten nicht recht zueinander finden. "Das Stadion wird immer eine Beeinträchtigung darstellen", fasst es Stadtschulrätin Beatrix Zurek zusammen. "Für die einem ist es ein Teil von Giesing, für die anderen ist es das eben nicht." Abschließend kündigt Clemens Baumgärtner an, dass sich der Bezirksausschuss abermals des Themas annehmen und Anträge zu drei Punkten formulieren werde. Erstens solle die Zufahrt von Anwohnern zu ihren Häusern an Spieltagen geregelt werden. Zweitens werde es um das Thema Lärm gehen. Und drittens sei da noch der Ärger über die vielen Wildbiesler. "Vielleicht kann man an Spieltagen zusätzliche Dixi-Klos aufstellen", schlägt Baumgärtner vor. "Oder mobile Toiletten im Container."