Giesing/Haidhausen Aus dem Gleichgewicht

Augenfälliger Einschnitt: Die Sprengung des alten Agfa-Hochhauses vor zehn Jahren stand nicht nur sinnbildlich für die Umstrukturierung des Viertels.

(Foto: Claus Schunk)

Die Umgestaltung des Agfa-Areals gilt als gelungen, wie eine filmische Langzeitbeobachtung bestätigt. Doch macht die Preisexplosion bei Grundstücken das Schaffen lebendiger, sozial ausgewogener Viertel immer schwieriger

Von Alfred Dürr, Giesing/Haidhausen

Es ist eine Entwicklung, die München nachhaltig verändert: Aus ehemaligen Industriegebieten oder früheren Militäranlagen entstehen Stadtquartiere mit Wohnungen und Büros. In jüngster Zeit stehen dafür bekannte Namen wie Agfa, Osram, Paulaner oder die Bayernkaserne. Für gewachsene Viertel und ihre alten und neuen Bewohner bedeutet der Wandel von Strukturen große Herausforderungen. Kann so etwas wie eine neue Stadtteil-Identität entstehen, die zudem noch bezahlbar ist?

Am letzten Tag des Münchner Dokumentarfilmfestivals fand am Sonntagnachmittag der Film "Zeitenwende in Giesing" im überfüllten Carl-Amery-Saal des Gasteig-Kulturzentrums starke Beachtung. Im Rahmen einer Langzeitbeobachtung dokumentiert die Regisseurin Morgane Remter am Beispiel des Agfa-Geländes die vielen Facetten von Veränderungen im Viertel. Mitarbeiter der Film- und Kamerafirma kommen zu Wort, Bewohner des Neubaugebiets und "alte Giesinger", Investoren sowie Vertreter der Stadt. Der Film lässt die Betrachter nicht nur am Prozess der Veränderung teilhaben, er bot danach auch Anknüpfungspunkte für eine übergeordnete Diskussion. Der Moderator Tom Soyer von der Süddeutschen Zeitung stellte zwei Fragen in den Mittelpunkt: Welche Lehren kann man aus dem neuen Agfa-Gelände ziehen? Worauf muss die Stadt bei der Umstrukturierung von früheren Gewerbe- oder Militärarealen achten?

Stadtdirektorin Ulrike Klar betonte das "soziale Gleichgewicht" eines neuen Viertels. Wichtig sei die Mischung aus Jung und Alt, aus verschiedenen Einkommensschichten und Kulturen. Von zentraler Bedeutung sei auch, dem Neubaugebiet eine besondere Prägung zu geben - beim Agfa-Gelände ist das zum Beispiel das neue Hochhaus an der Tegernseer Landstraße. Es erinnert in seinen Dimensionen an den Vorgängerbau, der 2008 gesprengt wurde. Im Werksviertel beim Ostbahnhof reiße man nicht alles ab, sondern erhalte manche alte Gebäude. Nicht zuletzt spiele die Bürgerbeteiligung eine große Rolle bei der Entwicklung von Neubaugebieten.

In diesem Zusammenhang müsse auch der Bezirksausschuss (BA) immer frühzeitig in die Planungen einbezogen werden, sagte Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne), die Vorsitzende des Bürgergremiums von Obergiesing-Fasangarten. Bei Agfa spricht sie von einem "sehr gelungenen Projekt". Das neue Quartier, das der Investor als "Parkviertel Giesing" bezeichnet, würden alle im Viertel in Erinnerung an alte Zeiten "Agfa-Park" nennen. Zu bedauern sei, dass in den Neubaugebieten meist der Investor "den Hut auf hat" und die Richtung der Entwicklung bestimme, sagte Bernadette Felsch vom Verein Münchner Forum.

Dieser "Agfa-Park" habe eben viele Facetten, meinte Anna Canins, die Stadtteilmanagerin des Projekts Soziale Stadt Giesing der städtischen Gesellschaft für Stadterneuerung (MGS). Zentrale Aufgabe sei es, das alte und das neue Giesing miteinander zu verbinden und "Leben in das neue Quartier zu bringen". Dafür brauche man Räume für Begegnungen und für kulturelle Aktivitäten", forderte Regisseurin Morgane Remter: "Sonst verschwindet das Kreativpotenzial sehr schnell."

Doch Wohnungen und Räume in Neubauvierteln sind inzwischen kaum mehr erschwinglich. Das machten die Redebeiträge aus dem Publikum deutlich. Christiane Thalgott, die ehemalige Münchner Stadtbaurätin, forderte mit Nachdruck eine Reform des Bodenrechts. Die Preisexplosion bei Grundstücken müsse von der Politik eingedämmt werden. Die Menschen müssten Druck ausüben: "Wenn das nicht geschieht, schlafen die Parteien weiter."