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Giesing:Bis es klick macht

Künstler Alexander Steig.  Er hat in Giesing an der Weißenseestraße 7 das Gedenkkunstprojekt Kamera geschaffen. Dort befanden sich früher die Agfa-Werke, während des Zweiten Weltkrieges waren dort rund 550 Zwangsarbeiter interniert.

Momentaufnahme: Bis 22. Oktober will Alexander Steig an der Weißenseestraße 7 mit seinem Objekt einstiger Agfa-Zwangsarbeiterinnen gedenken.

(Foto: Florian Peljak)

Kunst ohne Aufklärungs-Impetus: Alexander Steig erinnert mit einer Kamera an Zwangsarbeiterinnen bei den Agfa-Werken

Alexander Steig steht in diesen Tagen viel vor der Kamera: Der Künstler verschränkt dann gerne die Arme, und das tut er nicht nur der Geste wegen, wenn er zum Beispiel selbst von der Presse fotografiert wird. Er nimmt diese Haltung auch ein, wenn er zu dem großen schwarzen Kasten vor dem olivgrünen Haus an der Weißenseestraße 7 hinaufblickt, zu seiner eigenen "Kamera". Einem Kunstprojekt.

Mit dieser Kamera will Steig der etwa 550 Zwangsarbeiterinnen gedenken, die in den Jahren 1944 und 1945 in eben diesem olivgrünen Häuserkomplex interniert waren. Und die jeden Tag einige hundert Meter die Straße hinab, bei den Münchner Werken der Firma Agfa, im Zweiten Weltkrieg eine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau, Zwangsarbeit verrichteten. Dort wurden allerdings nicht die Fotofilme oder Laborausrüstungen hergestellt, für die man das Unternehmen auf der ganzen Welt kennt. Sondern wohl Zeitzünder für Granaten.

Steig lockert die Körperhaltung, tritt einen Schritt nach vorne, und zieht mit dem rechten Arm einen Kreis. "Hier verlief die Umzäunung", sagt er und deutet auf die äußere Linie des Grünstreifens, auf dem der Baukörper aus Siebdruckplatten steht. Auch vier Wachposten hätten sich hier befunden, das belegten die Luftaufnahmen der Alliierten, die er sich angesehen hat. Im Oktober 2016 hat Steig mit der Recherche zu seinem Kamera-Projekt begonnen, im Stadtarchiv, bei der KZ-Gedenkstätte in Dachau, auch Nachfahren von Zwangsarbeitern hat er befragt. Denn einfach nur eine Skulptur aufzustellen, das wäre dem Münchner zu wenig, begleitend fand deshalb in dieser Woche eine mehrtägige Veranstaltungsreihe im Giesinger Bahnhof statt, mit Vorträgen, Lesungen und einer Podiumsdiskussion. Alexander Steig, grauer Pferdeschwanz, Turnschuhe, weißes Hemd unter der Lederjacke, hat freie Kunst in Hannover und Kulturwissenschaften in Hildesheim studiert, in den Neunzigerjahren wendet er sich den Neuen Medien zu.

Ein zentrales Thema seiner Arbeit ist der Verlust von Intimität und Kontrolle, ein schönes Beispiel für diesen Kontrollverlust ist eine Installation aus dem Jahr 2011. Ein Mann sitzt an einem Tisch und starrt auf einen Bildschirm, und der zeigt, nun ja, den Mann vor einem Tisch mit Bildschirm, nur dass nun niemand mehr auf dem Stuhl sitzt. Irritation? Gelungen. Aber auch den Bezug zu Orten sucht Steig gerne, und grundsätzlich habe auch jeder Ort das Potenzial zur Kunst. "In der größten Ereignislosigkeit kann sich irgendwann ein Spannungsmoment entwickeln", sagt er. Zumindest, wenn der Betrachter bereit ist, sich darauf einzulassen. In München hat Steig sich bereits der Glocken der Erlöserkirche in Schwabing angenommen, in der Nähe von Bremen ließ er eines grauen Winters über drei Wochen hinweg jede Nacht in einem leer stehenden Haus Fernsehapparate flackern. An einem sonnigen Giesinger Herbsttag zeigt er gerade noch einmal Bilder von diesem "Haunted House". Unheimlich, da kann es einem schon anders werden, beim Anblick eines solchen Gruselhauses. Aber vielleicht ist genau das der große Vorteil von Kunst im öffentlichen Raum, die in den Parks und auf den Plätzen einer Stadt stattfindet: Dass man sich nicht wie bei einem Museumsbesuch gedanklich auf den Konsum von Kultur einstellen kann, sondern ihr zufällig begegnet. Weil man halt gerade durch diese oder jene Straße geht. Und dann ganz baff ist, plötzlich vor einer überdimensionierten Kamera zu stehen.

Diese Skulptur - Steig selbst nennt sie "einen Dummy" - ähnelt dem Piktogramm einer Kamera, der Künstler verzichtet komplett auf Details, da ist keine Linse und kein Auslöser, selbst das Objektiv der Kamera ist mit einem kreisrunden Aufsatz nur angedeutet. Und so bleibt der Betrachter sich erst einmal allein überlassen mit der Frage, was es denn mit diesem wuchtigen Kasten an der idyllischen Weißenseestraße auf sich hat. Sagen wir mal so: Um das Wesen dieser besonderen Arbeit zu erfassen, reicht ein Blick nicht.

Da braucht es einen zweiten, oder sogar dritten Blick - es sei denn, man schnappt sich vorschnell eines der Infoblätter, die das Kulturreferat in einer Box an der olivgrünen Häuserwand bereitstellt. Dann bringt man sich aber um einen wertvollen Moment der Reflexion, die Erfahrung, von ganz alleine auf den Sinn zu kommen. Und genau so ist das Ganze wohl auch gedacht: Denn Steig möchte nun einmal keine vorgefertigten Antworten geben, "keine Aufklärungskunst" betreiben, wie er sagt, und das ist im Übrigen auch der Grund, weshalb die Namen der Zwangsarbeiterinnen, die mehrheitlich politische Gefangene aus den Niederlanden und aus Polen waren, nirgends zu lesen sind. Denn solche Auflistungen erzeugten "Opferhierarchien", und das wolle er bei einem derart sensiblen Thema vermeiden. Mit seiner Kamera will er nämlich nicht nur aller gedenken. Er will auch alle erreichen. Als er jetzt in Giesing seine Skulptur aufgebaut hat, kam er mehrmals mit Anwohnern ins Gespräch. Manche wollten einfach nur wissen, wie teuer eine solche Skulptur denn sei, sagt er, andere waren verdutzt zu hören, dass sich hier während des Zweiten Weltkrieges ein Lager für Zwangsarbeiter befand. Am 22. Oktober wird die Kamera wieder abgebaut. "Was bleibt, ist der Moment der Erinnerung."

© SZ vom 29.09.2017
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