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Gewissensfragen:"Liebe tötet nicht!"

Hospiz St. Martin Sitzwache

Loswerden oder erlösen - wie ist Ihre Meinung zum beschriebenen Fall?

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Darf man Sterbehilfe leisten? Wann ist Zivilcourage unabdingbar? Und ist Gewalt in bestimmten Fällen legitim? SZ-Leser antworten auf heikle Gewissensfragen.

In den vergangenen Wochen haben unsere Autoren Ihnen mehrere Gewissensfragen zu ganz alltäglichen und auch sehr extremen Situationen gestellt - auf SZ.de und im "Wohnzimmer der Demokratie" auf dem Tollwood in München. Seitdem haben uns Dutzende Zuschriften mit Antworten erreicht. Eine Auswahl zu den Fragen, die unsere Leser am meisten bewegt haben, lesen Sie im Folgenden. Und noch diese und kommende Woche treffen Sie auf dem Tollwood jeden Mittwoch, Donnerstag und Freitag SZ-Autoren, die sich auf den Austauch mit Ihnen freuen (mehr dazu am Ende dieses Artikels und hier).

Eine alte Frau wartet auf den Tod, ihr Mann drückt ihr ein Kissen aufs Gesicht. Darf er das? Ist es gar ein Akt der Nächstenliebe? (zur Gewissensfrage)

Pro: Sterbehilfe statt Mord

"Ich habe meinen Vater sterben sehen (Krebs), meinen Bruder (Unfall und Krankheit mit Hirnschädigung) und meine Mutter (Demenz). Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass sie in Würde gehen können, ohne Siechtum, ohne das Dahinvegetieren, mit keiner erkennbaren Hirntätigkeit mehr. Ich würde mich überaus glücklich schätzen, wenn mir jemand (später) hilft, in Würde zu sterben."

"Ich hätte vermutlich nicht den Mut, würde aber tendenziell so handeln wie der Ehemann. Nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch aus Liebe zu sich selbst und dem noch bevorstehenden Leben. Schöner fände ich es, wenn der Mann dafür keinen Mord begehen müsste, sondern eine Sterbehilfe für solche Fälle möglich wäre."

"Den Mann, der aus Liebe und Verzweiflung ein Kissen auf das Gesicht seiner einst geliebten dementen Frau drückt, kann ich sehr gut verstehen. Bis zum bitteren Ende ausharren ist keine Lösung, die Frau wäre in ihren besseren Tagen entsetzt über ihr Verhalten gewesen. Man wünscht sich selbst die Möglichkeit eines einigermaßen würdevollen Abtretens. Mein Vater hatte es mit dem Gürtel seines Bademantels vergeblich versucht, dann hat er einfach nichts mehr gegessen und getrunken. Es sollte möglich sein, ein nicht mehr lebenswertes Leben zu beenden, der Grat zwischen Erlösung und 'Loswerden' ist allerdings tatsächlich ein schmaler. Mir (59 Jahre und gesund) würde das Altwerden leichter fallen, wenn ich wüsste, dass ich (oder jemand anders) es schmerzfrei und straffrei beenden könnte."

Demokratie Tod durch Liebe?
Würde, Solidarität, Toleranz

Tod durch Liebe?

Eine alte Frau wartet auf den Tod, ihr Mann drückt ihr ein Kissen aufs Gesicht. Darf er das? Ist es gar ein Akt der Nächstenliebe? Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesen und weiteren Gewissensfragen.   Von SZ-Autoren

Contra: Wer bin ich zu urteilen...

"Tod durch Liebe? Nein! Niemals! Liebe tötet nicht!"

"Der Mann bereitet damit wohl eher seinem Leid ein Ende. Dass seine Lebensgefährtin leidet, ist nur eine Vermutung. Vermutlich fügt er sich aber selbst damit sogar größeres Leid zu, er muss nun mit der Schuld der Tötung der Lebensgefährtin weiterleben. Bei der Krankheits- und oder Sterbebegleitung eines alten schwerkranken Menschen hat man diesem die Situation zu erleichtern, nicht das Sterben zu beschleunigen oder gar selbst den Tod herbeizuführen."

"Für mich ein klassisches Beispiel christlicher Ethik mit den Polen 'Du sollst nicht töten' auf der einen Seite und 'Barmherzigkeit' auf der anderen Seite. Das Verbot zu töten gilt auch hier absolut. Den geliebten Partner umzubringen, ist also auch in dieser Extremsituation keinesfalls denkbar. Wichtig ist dieses absolute Verbot auch deshalb, um den hilflosen Menschen vor dem Willen eines Stärkeren zu schützen. Wer bin ich zu urteilen, ob das Leben eines Anderen noch lebenswert ist. Der Mensch, der getötet hat, eventuell am Ende seiner Kräfte war, verdient dennoch unser Verständnis und Mitleid. Barmherzig auf die Tat zu schauen und auf die Situation des Täters kann dazu führen, dass man zwar die Tat als solche weiterhin ablehnt, dem Täter aber aufgrund der Umstände verzeiht und ihm Verständnis entgegenbringt. Deshalb muss für mich folgen: Jeder Einzelfall wird vor Gericht verfolgt, jeder Einzelfall ist anders und es braucht einen großen Spielraum für die Gerichte, der erlaubt, die Not des Täters zu beurteilen. Im Extremfall mit Schuldspruch ohne Strafe."

"Beim Sterben helfen - aber keine Sterbehilfe."

Jugendliche legen in der S-Bahn die nassen Schuhe auf den Sitz - soll man sie zurechtweisen oder lohnt das Fehlverhalten keinen Konflikt? (zur Gewissensfrage)

"Interessanterweise mache ich hier Unterschiede, wo ich mich gerade befinde. Ich wohne auf dem Land, im Nordwesten Niedersachsens. Hier gibt es eine Regionalbahn, die NordWestBahn. In dem Zug würde ich Personen durchaus darauf hinweisen, die Füße von den Sitzen zu nehmen (was in der Vergangenheit auch schon mit Erfolg passiert ist). Je weiter ich von zu Hause weg bin, je weniger interessiert mich allerdings das Verhalten anderer. In München oder Berlin käme ich nicht so schnell auf den Gedanken, andere auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Vielleicht sehe ich mich dort zu sehr als Gast und überlasse lieber anderen das Feld."

"Die Beantwortung dieser Frage ist viel einfacher, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Sie lautet: Wenn man es kann. Kann man seine Interessen so vertreten, dass für alle Beteiligten die Situation stabil und sogar angenehm bleibt? Oder mache ich in meiner Kommunikation etwas so grundsätzlich verkehrt, dass ich Schwierigkeiten befürchten muss? Wenn das der Fall ist: Hände weg. Wer sich aber in der Lage fühlt, sein Gegenüber erstens richtig einzuschätzen und zweitens die richtigen Signale zu senden, der soll es machen. Ansonsten geht's nur über den Konflikt. Der ist oft unberechenbar und schwer wieder einzufangen. Wenn man Glück hat, ist er nur peinlich. Wenn nicht, hat man entweder später ein schlechtes Gewissen, weil man jemandem das Eigene aufgezwungen hat, oder ein blaues Auge, weil derjenige sich gewehrt hat. Zivilcourage hat mit persönlichen Fähigkeiten zu tun, nicht mit Mut. Wer Mut braucht, sollte die Finger davon lassen. Außer natürlich es besteht eine konkrete Gefahr, aber dann muss man eben entscheiden, ob man Hilfe holt oder selbst dazwischen geht."

"Wer hat ihnen denn Anstand und Benimm beigebracht? Eltern? Schule? Netzwerk? Internet? Ich sage: Niemand (mehr). Besonders die Schule versagt signifikant. Fahren Sie mal am Schuljahres-Ende mit der S-Bahn, wenn ganze Schulklassen die Plätze beanspruchen. Die Lehrer kümmern sich nicht darum, daß alte Menschen stehen müssen, während 8-, 9-Jährige lautstark auf den Sitzen lümmeln. Weder sorgen sie für angemessene Lautstärke, noch bringen sie ihnen Höflichkeit und Anstand bei."

Flexbox Wohnzimmer der Demokratie

Die SZ auf dem Tollwood, jeweils von 19 bis 21 Uhr:

Mittwoch, 13.12.: Wählen - Recht oder Pflicht? (Jana Anzlinger und Lilith Volkert, Politik-Redakteurinnen SZ.de)

Donnerstag, 14.12.: So lebt ihr hier also: Geflüchtete Journalisten erzählen von ihrer Sicht auf München und Deutschland (Kolumnisten der Serie "Neue Heimat")

Freitag, 15.12.: Ist die deutsche Leitkultur bedroht? (Sonja Zekri, Feuilleton-Ressortleiterin SZ)

Mittwoch, 20.12.: Chancengerechtigkeit für Kinder - was Staat und Stadt tun müssen (Ann-Kathrin Eckardt, Buch-2-Redakteurin SZ)

Donnerstag: 21.12.: Wann einschalten, wann raushalten - wo beginnt Zivilcourage? (Oliver Das Gupta, Politik-Redakteur SZ.de)

Freitag: 22.12.: Mathe, Englisch, Fakenews - Medienkompetenz als Voraussetzung für Demokratie (Lena Jakat, Newsdesk-Chefin SZ.de)

Weitere Termine und mehr zum Wohnzimmer der Demokratie lesen Sie hier.