Gewerbeflächen:Firmen fürchten um ihre Zukunft

Der IHK-Regionalausschuss warnt vor einer Deckelung beim Flächenverbrauch und beklagt fehlende Angebote im Landkreis München. Dieser sei ohnehin schon grün, weil 80 Prozent der Flächen Natur oder Felder sind

Von Sophie Kobel

Es wird eng im Landkreis. Und die Unternehmer schlagen Alarm. Sie befürchten falsche Weichenstellungen angesichts der aktuellen Debatte über Flächenfraß und des von Naturschützern und Grünen erfolgreich betriebenen Volksbegehrens "Betonflut eindämmen - damit Bayern Heimat bleibt". Der Sprecher des IHK-Regionalausschusses, Christoph Leicher, warnte am Dienstag in einer Presserunde in Kirchheim vor den Folgen einer Deckelung beim Flächenverbrauch. Schon jetzt sei die Lage schwierig für Betriebe.

Leicher beklagt gerade im boomenden Landkreis München einen verzerrten Blick auf die Wirklichkeit. In seinen Augen gibt es mehr als Autobahnen, Bundesstraßen, verdichtete Wohngebiete und Gewerbeflächen. "Unser Landkreis ist grün", sagt Leicher und verweist auf Zahlen des Statistischen Landesamts. Demnach seien knapp 80 Prozent der Flächen entweder Natur oder würden landwirtschaftlich genutzt, sagte er. Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen beanspruchten Ende 2016 zusammen 2,3 Prozent. Von einem "Flächenfraß" könne nicht die Rede sein, sagte er. Die Unternehmen gingen sorgsam mit Flächen um. Die Produktivität je Hektar sei sogar gestiegen, sagte Leicher.

Längst ist mit dem Mangel an Fachkräften die knappe Ressource freier Flächen für Unternehmen zu einem Wachstumshemmnis geworden. Im Landkreis München gehen langsam die Flächen aus, auf denen Kommunen in ihrer Bauleitplanung Gewerbegebiete vorsehen. Zwischen 2011 und 2016 ist laut IHK das sofortige Ansiedlungspotenzial - also Erwerb und Baurecht binnen einen Jahres - um 28,6 Prozent gesunken. Aktuell seien in Gemeinden nur noch sechs nicht bebaute, allenfalls teilerschlossene Gewerbegebiete vorhanden. Leicher warnte davor, die Bedürfnisse von Wohnen, Gewerbe, Verkehr und Freizeit gegeneinander in Konkurrenz zu bringen. Flächen dürften nicht künstlich verknappt werden. Leicher nannte als Beispiel die Gemeinde Aying, ohne näher darauf einzugehen. Dort wehrt sich im Ortsteil Großhelfendorf eine Bürgerinitiative dagegen, dass ein Mischgebiet ausgewiesen wird, in dem sich Betriebe ansiedeln.

Aus Leichers Sicht ist genug Platz für alle, wenn verantwortlich mit Flächen umgegangen werde. Die Unternehmer seien da ein gutes Beispiel, sagte er. "Denn obwohl die Wirtschaftsleistung und die Zahl der Beschäftigten konstant zugenommen haben, hat sich der Anteil von Gewerbe und Industrieflächen an der Gebietsfläche zwischen 2011 und 2015 sogar leicht verringert." Als vorbildlich bezeichnete Leicher die Bemühungen der Gemeinde Kirchheim, die seit 2014 den Leerstand in Gewerbebauten um 40 000 Quadratmeter reduziert habe. Leicht gestiegen ist zwischen 2011 und 2015 der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche (von 19,7 auf 20,3 Prozent) - weil nicht zuletzt Gemeinden wie Gräfelfing am Rande Münchens ähnlich verdichtet und städtisch geprägt sind.

Gewerbeflächen: Noch ist es Ackerland: Doch bald soll die Gräfelfinger Fläche an der Heitmeier-Siedlung zwischen Pasing und der Autobahn bebaut werden. Die Anwohner wehren sich - sie wollen, dass es dort grün bleibt.

Noch ist es Ackerland: Doch bald soll die Gräfelfinger Fläche an der Heitmeier-Siedlung zwischen Pasing und der Autobahn bebaut werden. Die Anwohner wehren sich - sie wollen, dass es dort grün bleibt.

(Foto: Catherina Hess)

Vorrangig fordert die IHK, aktives Flächenmanagement in den Rathäusern zu etablieren. Das leisteten sich jedoch kleine Kommunen kaum, bedauerte Leicher. Dabei sei es so wichtig, flächeneffizient zu arbeiten und sich dabei sowohl am Angebot als auch am voraussichtlichen Bedarf zu orientieren. Flächenmanagement, das bedeutet für die IHK, vor allem auch innerorts die Möglichkeiten auszuschöpfen. Beispielsweise sollte man schauen, wo Gebäude anders genutzt werden könnten. Baulücken sollten geschlossen werden und brach liegende Flächen belebt werden. Zudem sprach sich der Vertreter der Unternehmer im Landkreis dafür aus, bei vorhandenen oder geplanten Bebauungsplänen das Baurecht zu erhöhen. So könnten zusätzliche Geschosse eingeplant werden. Die Abschaffung von Mindestgrößen für Grundstücke in Wohngebieten würde zu einer höheren Bewohnerdichte führen. Außerdem forderte Leicher Schritte gegen den Hang von Grundstückseigentümern, Flächen in spekulativer Absicht zurückzuhalten. Das Instrument des "Baugebots" müsse stärker eingesetzt werden.

Die IHK setzt Hoffnung in die Planungshoheit der Rathäuser. Eine gute Sache wären "interkommunale Kooperationen", sagte Leicher. "Kommunen dürfen sich nicht länger als ,Inseln' betrachten, sondern müssen gemeinsam mit den Nachbargemeinden in Funktionsräumen denken. Kirchturmdenken hilft niemandem." So könnten "gemeinsame Flächennutzungspläne" entwickelt werden. Ein regional abgestimmtes Infrastruktur- und Standortmanagement und Verbundlösungen bei der Suche nach Ausgleichsflächen könnten helfen. Unternehmen abwandern zu lassen, ist für die IHK keine Option. "80 Prozent der Betriebe auf Suche nach neuen Standorten sind bestehende, lokale Unternehmen, die wachsen möchten."

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