Prozess am Landgericht MünchenDas Gesicht des Opfers musste mit 200 Stichen genäht werden

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Luca B. und die zwei Mitangeklagten, Kevin und Kristi G., müssen sich vor der 10. Strafkammer am Landgericht München I wegen schwerer Körperverletzung verantworten.
Luca B. und die zwei Mitangeklagten, Kevin und Kristi G., müssen sich vor der 10. Strafkammer am Landgericht München I wegen schwerer Körperverletzung verantworten. Sven Hoppe/dpa

Drei junge Männer sollen ein Paar, das sich auf dem Nachhauseweg befand, mit unfassbarer Brutalität attackiert haben. Die beiden leiden auch zwei Jahre nach der mutmaßlichen Tat noch an den Folgen. Der Anlass war nichtig.

Von Andreas Salch

Dass in einer Anklage der Staatsanwaltschaft die Folgen für die Opfer einer mutmaßlichen Gewalttat ausführlicher geschildert werden als die Tat, um die es geht, ist ungewöhnlich. Doch im Prozess gegen Luca B. und die zwei Mitangeklagten, Kevin und Kristi G., die sich seit diesem Mittwoch vor der 10. Strafkammer am Landgericht München I wegen schwerer Körperverletzung verantworten müssen, ist dies der Fall. Zwischen den drei jungen Männern und dem inzwischen 58-jährigen Dirk W. sowie dessen Lebensgefährtin Sabine L. (Namen geändert) soll es am 3. Mai 2024 nachts in der Maxvorstadt zu einem zunächst verbal geführten Streit gekommen sein. Doch dabei blieb es nicht. Für die beiden mutmaßlichen Opfer hatte die Auseinandersetzung derart gravierende Folgen, dass sie seither arbeitsunfähig sind.

Es war kurz vor Mitternacht an jenem 3. Mai, als Dirk W. seine Lebensgefährtin zu ihrer Wohnung in einer Wohnanlage in der Gabelsbergerstraße begleitete. Zur gleichen Zeit sollen sich Luca B. sowie Kevin und Kristi G. im Eingangsbereich des Anwesens aufgehalten und dort verschiedene Getränke, auch alkoholische, konsumiert haben. Als Sabine L. und ihr Lebensgefährte sahen, dass Kristi G. neben einer der Mülltonnen urinierte, sollen sie ihn aufgefordert haben, den Eingangsbereich zu verlassen. Darüber kam es zum Streit. Laut Anklage sollen die drei jungen Männer im Alter zwischen 25 und 28 Jahren eine „körperliche Auseinandersetzung“ gesucht haben. Doch es kam zu einem Gewaltexzess.

Luca B. sowie die beiden Mitangeklagten sollen Dirk W. und seine Lebensgefährtin nach dem Wortwechsel unvermittelt attackiert haben. Sabine L. soll von den Angeklagten zu Boden gestoßen worden sein. Ebenso Dirk W. Als dieser bereits am Boden lag, sollen die drei jungen Männer ihn mit Fäusten und Tritten unter anderem auch gegen den Kopf traktiert haben. Anschließend habe Luca B. den 93 Kilogramm schweren Dirk W. gepackt und mit dem Kopf voraus gegen die Scheibe eines Geschäfts geworfen. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass das Sicherheitsglas, das viel härter ist als normales, brach und Dirk W. durch die Scherben rutschte.

Dirk W. erlitt dadurch nicht nur zwei Schnitte an der Schädeldecke des Hinterkopfs sowie zahlreiche Riss- und Quetschwunden im Gesicht. Außerdem wurden seine Nase und die Oberlippe nahezu vollständig abgetrennt. Ärzte mussten sein Gesicht laut Anklage „mit circa 200 Stichen“ nähen. Die teilamputierte Nase habe wieder angenäht werden können. Sein Geruchssinn sei jedoch bislang nicht wieder zurückgekehrt. Der 58-Jährige leide aktuell an einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie unter anderem „an Panikreaktionen, Zukunftsängsten und zunehmender Resignation“ und habe das Geschehen jener Nacht noch immer nicht verarbeiten können.

Auch Sabine L. ist seit der mutmaßlichen Tat offenbar nicht mehr der Mensch, der sie einmal war. Ihren Beruf als Coach könne sie infolge des Angriffs nicht mehr ausführen, so die Staatsanwaltschaft. Die 51-Jährige sei seither äußerst schreckhaft, ihr Selbstbild sei gestört und geprägt von „tiefen Selbstzweifeln“.

Nachdem die Vertreterin der Staatsanwaltschaft dies alles vorgetragen hatte, bat die Verteidigerin von Kristi G. die Vorsitzende Richterin als Erstes, die Anklagevertreterin dazu anzuhalten, doch sachlich zu bleiben. Die „Intonation“ der Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklage sei „unwürdig“ und „wie in einem Theaterstück“, rügte die Verteidigerin. Luca B. und die Mitangeklagten Kevin und Kristi G. machten zum Auftakt des Prozesses keine Angaben zu den Vorwürfen aus der Anklage. Ein Urteil in dem Prozess wird für Mitte April erwartet.

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