Häusliche Gewalt Aus Angst vor Wohnungslosigkeit: Frauen ertragen oft jahrelang Demütigung und Schläge

Knapp 3000 Fälle häuslicher Gewalt, in denen die Polizei gerufen wurde, verzeichnet die Statistik für das Jahr 2017 in München (Symbolbild).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Und die wenigen Plätze in den Münchner Frauenhäusern sind fast immer belegt.

Von Sven Loerzer

Gewalt in der Partnerschaft trifft vor allem Frauen: Mehr als 80 Prozent aller Tatverdächtigen sind Männer, wie der Sicherheitsreport des Polizeipräsidiums München ausweist. Knapp 3000 Fälle häuslicher Gewalt, in denen die Polizei gerufen wurde, verzeichnet die Statistik für das Jahr 2017 in München. In fast 1850 Fällen handelte es sich um Körperverletzung, in mehr als 400 Fällen gar um gefährliche Körperverletzung. In 37 Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt waren Kinder zur Tatzeit anwesend, insgesamt waren 1762 Kinder betroffen.

Meist ertragen die Frauen jahrelang Kränkungen, Demütigungen, Schläge und Verletzungen, bevor sie Zuflucht suchen in einem Frauenhaus. Caroline Beekmann, stellvertretende Leiterin der Frauenhilfe, die eines von drei Frauenhäusern in München betreibt, nennt erschütternde Zahlen: 45 Prozent der aufgenommenen Frauen litten über einen Zeitraum von ein bis fünf Jahren unter Gewalt, 28 Prozent sogar länger als fünf Jahre. "Viele Frauen bleiben in der Wohnung trotz der Gewaltsituation - aus Angst vor drohender Wohnungslosigkeit", sagt Caroline Beekmann.

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Die stadtweit insgesamt 78 Plätze sind seit Jahren fast immer belegt. Im Frauenhaus der Frauenhilfe, das 45 Plätze bietet, kamen im vergangenen Jahr 134 Frauen unter, im Schnitt blieben sie vier Monate. "Es gibt kleine Schwankungen, aber wir arbeiten an der Auslastungsgrenze", sagt Beekmann, wie auch die anderen beiden Häuser. "Frauen im Frauenhaus haben große Schwierigkeiten, auf dem nahezu geschlossenen Münchner Wohnungsmarkt bezahlbaren Wohnraum zu finden." Auch deshalb müssen die Frauenhäuser immer wieder Frauen an eigentlich nicht zuständige Einrichtungen verweisen, weil kein Platz frei ist.

Ganz besonders schwierig sieht die Situation für geflüchtete Frauen aus, weil da nur in Ausnahmefällen die Kosten für den Aufenthalt im Frauenhaus übernommen würden. Plätze fehlen vor allem aber auch für Frauen, die nicht nur von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind, sondern auch psychisch krank oder drogenabhängig sind. "Da braucht es einen anderen Betreuungsschlüssel", sagt Beekmann. Für einen Ausbau des Angebots hat sich schon 2016 die Gleichstellungskommission des Stadtrats eingesetzt.

Sozialreferentin Dorothee Schiwy hat deshalb im Jahr 2017 die Zustimmung des Stadtrats zur Erweiterung des Angebots um 24 Plätze eingeholt, zumal es besonders problematisch sei, "wenn in akuten Notfällen keine Plätze zur Verfügung gestellt werden können". Denn das Ausweichen auf andere Akutunterbringungseinrichtungen sei in Gefährdungsfällen wegen der nirgendwo erfüllten Schutzfunktion nicht möglich. Eine referatsübergreifende Arbeitsgruppe erarbeite derzeit ein Rahmenkonzept für eine Spezialeinrichtung. Der Aufwand dafür sei enorm, erklärt Sozialreferatssprecherin Hedwig Thomalla: "Es gibt bundesweit keine Vorbildeinrichtung." In Studien werde das Problem zwar benannt, aber ohne Lösungsvorschläge zu bieten.

Die Münchner Frauenhilfe arbeitet an der "Auslastungsgrenze", sagt Caroline Beekmann.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zwar hat Sozialministerin Kerstin Schreyer nun einen qualitativen und quantitativen Ausbau der Frauenhäuser in Bayern angekündigt, für dessen Förderung im laufenden Doppelhaushalt 24 Millionen Euro vorgesehen sind - eine im Auftrag ihres Ministeriums erstellte Studie hatte ergeben, dass der Bedarf etwa doppelt so hoch sein dürfte, wie die tatsächlich vorhandene Zahl von Plätzen in bayerischen Frauenhäusern. Aber ob und in welcher Höhe tatsächlich Geld fließt, sei von der Änderung der Förderrichtlinien abhängig, die noch nicht erfolgt sei, erklärt Thomalla. Die derzeit diskutierte Änderung der Bedarfsbemessung für die Zahl der benötigten Plätze werde München nichts bringen, da die Zahl der verfügbaren Plätze bereits höher ist, als nach dem verbesserten Schlüssel. Um die Frauenhäuser zu entlasten, baut die Stadt gezielt Einrichtungen für wohnungslose Frauen aus. So beginnt in diesem Jahr der Bau eines neuen Hauses für wohnungslose alleinstehende Frauen und Frauen mit mehreren Kindern mit 53 Wohnungen, zudem wird eine Mutter-Kind-Einrichtung um 64 Apartments erweitert.

Die Angst vor drohender Wohnungslosigkeit spielt oft eine Rolle, wenn Frauen in die gewaltgeprägte Lebenssituation zurückkehren. Ein knappes Viertel der Frauen aus dem Frauenhaus ging diesen Weg. Auch wenn die Täter oft beteuern, sie würden nie wieder zuschlagen, "bleibt Gewalt ganz selten einmalig", fasst Beekmann die langjährigen Erfahrungen zusammen. "Nur der gute Vorsatz allein reicht nicht aus. Wir wissen, dass sich in aller Regel die Situation nur ändert, wenn der Partner sich Hilfe sucht und Unterstützung auch annimmt."

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