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Gesundheitspolitik:Auf dem Prüfstand

Neubau Schwabinger Krankenhaus

Der Neubau in Schwabing ist schon weit fortgeschritten, das Klinikkonzept steht noch in der Diskussion.

(Foto: Florian Peljak)

Wegen der Corona-Krise könnte das Sanierungskonzept für die städtischen Krankenhäuser nachgebessert werden

Die Bettenzahl im Schwabinger Krankenhaus herunterfahren? Für Senioren wichtige Abteilungen an andere Standorte verlagern? Für Ingrid Seyfarth-Metzger ist das Sanierungskonzept, das der Stadtrat für die München Klinik beschlossen hat, unzureichend. Seit fünf Jahren kämpft die Seniorenbeirätin und Vorsitzende des Vereins "Bums" (Bürger für unser Münchner Stadtklinikum) nun schon gegen das Programm, das den städtischen Betrieb vor der 2015 drohenden Insolvenz bewahren sollte und das seitdem Schritt für Schritt umgesetzt wird. Nun steht eine neue Runde an, auch wenn sich der Finanzausschuss des Stadtrats in seiner Sitzung Mitte Juni gar nicht mit dem Sanierungskonzept an sich beschäftigt.

Auf Antrag der SPD-Fraktion hat die Kämmerei alle Angebote, die die München Klinik an ihren vier Standorten für Senioren und Seniorinnen bereithält, also die Altersmedizin, die Notfallversorgung und die Palliativversorgung zusammengestellt. Die München Klinik sichert in der Stadtratsvorlage zu, dass die Altersmedizin ein elementarer Bestandteil des Medizinkonzept sei und im Leistungsspektrum "in besonderem Maße auch in Zukunft berücksichtigt" werde. Und doch hat Ingrid Seyfarth-Metzger ihre Zweifel. Denn die Vorlage führt aus ihrer Sicht erneut vor Augen, dass der geplante Bettenabbau in Schwabing und die Verlegung von Stationen an andere Standorte die Versorgung der Münchner Senioren gefährde.

Um ihre Kritik nachvollziehen zu können, ist es nötig, ins Jahr 2015 zurückzublicken. Da standen die städtischen Krankenhäuser kurz vor der Insolvenz. Umsatzdefizite und ein Investitionsstau verursachten eine Krise, der die Stadt mit einem gewaltigen Zukunftspaket begegnete. Seitdem arbeitet die Klinik ein Sanierungskonzept ab. Aus dem kommunalen Großversorger soll ein "moderner, wettbewerbsfähiger Klinikverbund" werden, wie es auch jetzt wieder in einer Beschlussvorlage heißt. Die Landeshauptstadt München und der Freistaat investieren mehr als 750 Millionen Euro, es wird neu gebaut und saniert - und auch eingespart. An manchen Standorten sollen Kapazitäten wegfallen und woanders gebündelt werden.

In Zeiten von Corona könnte dieses Paket allerdings wieder aufgeschnürt werden, zumindest wenn es nach der Fraktion von Linken und "Die Partei" geht. "Ich bin der Auffassung, dass das Sanierungskonzept dringend auf den Prüfstand gestellt werden muss", sagt deren Fraktionschef Stefan Jagel. Kürzungen von Betten sowie die Zurückstufungen der Notfallversorgung seien besonders im Hinblick auf die neu entstehenden Wohngebiete im Norden der Stadt und auch wegen der Erfahrungen mit der Corona-Pandemie nicht vertretbar. Der Stadtrat solle über eine Neukonzeption entscheiden, erklärt Jagel.

Florian Roth, Vorsitzender der Stadtrats-Grünen und Mitglied im Aufsichtsrat der München Klinik, schließt eine Nachjustierung wegen Corona nicht aus. "Die Krise hat uns gezeigt, dass die Tendenz zur Ökonomisierung des Gesundheitssystems problematisch ist", sagt Roth. "Man sollte kritisch überprüfen, was notwendig ist." Allerdings sei es dafür jetzt noch zu früh.

Auch Klinikchef Fischer warnt vor voreiligen Schlüssen. Schließlich stecke man noch mitten in der Pandemie. Vor kurzem wurde ein ganzes Gebäude, das Haus 3, in Schwabing zum Covid-19-Zentrum umgewidmet. "Die Frage, ob wir das Haus inklusive Intensivbetten dauerhaft vorhalten, müssen wir uns stellen und mit der Politik diskutieren", sagt Fischer. Der Fahrplan für die Neuausrichtung und vor allem für den beinahe fertig gestellten Neubau in Schwabing hingegen stehe aber schon fest. Er halte ihn "im Groben für das Richtige", sagt Fischer. Das Konzept sei aber flexibel für nötige Nachjustierungen.

Auch der Seniorenbeirat erneuert seine Kritik an den Kürzungen, die gerade in der jetzigen Corona-Situation unverständlich seien. Ihm sind vor allem die Vorgänge in Schwabing wichtig. Dort müssten, anders als es bisher Beschlusslage ist, die Kardiologie und die Endokrinologie erhalten bleiben. Auch dürfe die Notfallbehandlung nicht auf eine Basisversorgung zurückgefahren werden.

Im Schwabinger Krankenhaus solle die insgesamt zur Verfügung stehende Bettenzahl - von heute etwa 650 Planbetten auf etwa 415 Betten ab 2022 verringert werden. Außerdem sollen Intensivbetten, 30 im konservativen und 14 im operativen Bereich, gestrichen werden. Stattdessen werden fünf Betten ins sogenannte lokale Notfallzentrum integriert. Zusätzlich ist geplant, zehn sogenannte IMC-Betten, die Abkürzung steht für "Intermediate Care", zur engmaschigen Überwachung von Patienten bereit zu stellen.

Fischer räumt ein, dass rein "isoliert betrachtet" eine Reduktion in Schwabing geplant sei. Münchenweit aber sei das nicht der Fall. Die Patienten könnten genauso gut an einen der anderen vier Standorte gebracht werden; auch in Bogenhausen und Harlaching finden zurzeit weitreichende Umwandlungen statt oder stehen noch an. An allen Klinik- Standorten eine erweiterte Notfallversorgung aufrecht zu erhalten, sei nicht notwendig, sagt Fischer. Insgesamt werde es nach dem Abschluss des Transformationsprozesses sogar mehr Intensiv- und Überwachungsbetten geben. Die Fixierung auf eine festgelegte Bettenzahl hält er für falsch. Vielmehr gehe es darum, diese Betten auch zu betreiben. Dafür aber brauche man ausreichend Personal, und schon aktuell könnten wegen des Fachkräftemangels nicht alle Betten belegt werden.

© SZ vom 23.05.2020

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