Gestern und heute Stadt, Land - Schluss?

Wie sehr München und sein Umland eins geworden sind, zeigt der Vergleich mit einem Panoramafoto von 1918. Was das für die Identität der Orte und ihre Zukunft bedeutet, beschäftigt Planer und Politiker

Von Bernhard Lohr

Christoph Leicher wohnt in Gräfelfing. Seine Firma hat ihren Sitz in Kirchheim. Doch wenn der Sprecher des IHK-Regionalausschusses bei Geschäftspartnern in China sitzt, dann stellt er sich als Münchner vor und weiß, dass er richtig verstanden wird: Dieser Mann kommt aus der Stadt des Oktoberfests, der Stadt, in der die Weltkonzerne BMW und Siemens zu Hause sind und der FC Bayern München mit seinen Fans seine Meisterschaften feiert. München ist als Marke weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt. Und das Land um München ist von der Stadt wiederum oft kaum zu trennen.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite legen die 29 Kommunen im Landkreis München trotz der engen Verbindungen Wert auf Eigenständigkeit. Das gilt gerade aktuell in Zeiten eines rasanten Bevölkerungswachstums. Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte sowie Einwohner befürchten den Verlust von Identität, wenn ihre Orte wachsen. Die Sorge ist groß, dass ein Siedlungsbrei entsteht. Landrat Christoph Göbel (CSU) sagt ganz im Sinn von Unternehmer Leicher: "München ist ein Lebensgefühl." Es prägt Stadt und Umland gleichermaßen. Doch zu diesem Lebensgefühl gehört für den IHK-Unternehmer auch und gerade das Land um München. Dieses zu erhalten, die Identität des Umlands zu schützen, sei absolut notwendig. Die Orte müssten auch in Zukunft "aus der Vogelperspektive erkennbar sein", pflichtet Landrat Göbel bei.

Wie eigenständig Orte wie Ismaning, Aschheim, Salmdorf oder auch Unterbiberg waren, zeigt ein einzigartiges Panoramabild, das vor genau 100 Jahren - am 18. März 1918 - von einem Fesselballon der bayerischen Armee aus gemacht wurde. Es zeigt die östlichen Stadtrandgebiete. Die Münchner Bebauung reicht kaum über die Isar hinaus. Schwabing, Bogenhausen, Oberföhring und Berg am Laim wurden erst eingemeindet und sind selbst noch als eigenständige Orte erkennbar.

Seit dieser Aufnahme hat sich München radikal gewandelt. Die Bevölkerung im Landkreis München verzehnfachte sich in den 100 Jahren auf 350 000 Menschen. München wuchs von 600 000 Einwohnern auf 1,5 Millionen. Zuzug musste im großen Stil seit Jahrzehnten bewältigt werden. Was sich heute als großes, aktuelles Problem darstellt, erweist sich in der Rückschau als Daueraufgabe.

Die Entwicklung verlief dabei rasant und in Schüben. Und sie folgte unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten. Alain Thierstein, Inhaber des Lehrstuhls für Raumentwicklung an der Technischen Universität München, sticht beim Blick auf die Fotografie aus dem Jahr 1918 sofort ins Auge, wie fünfgeschossige Gebäude direkt am damaligen Stadtrand hochgezogen wurden. Unvermittelt scheinen diese im Raum zu stehen. Es galt seit 1904 eine "Staffelbauordnung", die Baumaße regelte. Dennoch: Die Stadt wuchs im Zuge der Industrialisierung, und sie sollte wachsen. Platz war da. "Das war eine ganz andere Vorstellung von Stadt", sagt Thierstein. Entlang von Verkehrsachsen entstanden in den folgenden Jahrzehnten Wohngebiete, ja ganze Stadtviertel.

Städtebau war angesichts der Industrialisierung und des Zugs der Massen in die Städte ein gesellschaftliches Großthema. Konzepte wurden entwickelt. Die Architektenzunft formulierte 1933 in der Charta von Athen die Idee von der strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die autogerechte Stadt war eine Vision der Zeit, das Leben in Trabantenstädten mit großen Freiflächen wurde propagiert.

In München entwickelten diese Vorstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Wirkmacht, als die Stadt neu aufgebaut werden musste und Wohnraum für Vertriebene benötigt wurde. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden weitreichende Ideen gesponnen. Der nach einem ehemaligen Kultusminister benannte Ruckerplan sah 13 so genannte Satelliten rund um München vor: Bei Ismaning, Pasing, Zorneding, Höhenkirchen, Deisenhofen, Straßlach, Hohenschäftlarn, Starnberg, Weßling, Fürstenfelbruck, Olching, Dachau und Lohhof sollten Wohnungen und Arbeitsplätze für jeweils 40 000 Menschen entstehen. Dazu sollten sich Nebenzentren gesellen. Andere stellten sich vor, die Kreisstädte zu Trabanten auszubauen. In einer Denkschrift der Regierung von Oberbayern aus dem Jahr 1961 wurde die Idee durchgespielt, 100 000 Menschen im Landkreis Ebersberg nördlich und südlich des Forstes anzusiedeln.

Manche Großsiedlung entstand in München etwa mit der Parkstadt Bogenhausen oder in Fürstenried. Unterschleißheim, Taufkirchen oder Haar wuchsen schnell. Doch der Großteil dieser Visionen verpuffte. Radikale Vorstellungen, etwa die Autobahnen bis ins Münchner Zentrum zu führen, hatten Proteste nach sich gezogen. In den Sechzigern und Siebzigern entwickelte sich unter Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel eine Kultur der Stadtplanung. Zwischen der Landeshauptstadt und den Umlandkommunen bildete sich ein partnerschaftlicher Umgang heraus. Eine Regionalplanung nach heutigem Verständnis nahm Gestalt an.

Dabei hatten auf Initiative der Regierung von Oberbayern bereits 1950 die Landeshauptstadt sowie die vier Landkreise Ebersberg, Starnberg, Wolfratshausen und München gemeinsam mit 38 Kommunen den Vorläufer des heutigen Planungsverbands äußerer Wirtschaftsraum (PV) gegründet. Der Planungsverband wurde 1962 kommunalisiert. 1973 entstand der oft bis heute mit dem PV verwechselte Regionale Planungsverband (RPV) als gesetzlich vorgesehener Zusammenschluss der Kommunen in der Planungsregion. Während der PV als Dienstleister und Partner die freiwilligen Mitglieder bei Planungsaufgaben unterstützt, ist die Hauptaufgabe des RPV, den Regionalplan als verbindliche Grundlage der Raumordnung aufzustellen. Diese Woche hat der Planungsausschuss den Entwurf der Gesamtfortschreibung des Masterplans für die Region gebilligt, nachdem Stadt- und Gemeinderäte über die sie betreffenden Punkte diskutiert hatten.

Der Regionalplan beschreibt Siedlungspotenzial an den S-Bahnachsen wie in Unterhaching, Sauerlach oder Höhenkirchen-Siegertsbrunn und legt auch fest, wo der ländliche Raum geschützt werden soll, wie etwa in Aying oder Brunnthal. Der Geschäftsführer von PV und RPV, Christian Breu, sagt: "Die Schönheit unserer Region liegt darin, dass es unterschiedliche Strukturen gibt." Ähnlich formuliert es Landrat Göbel, der wie Breu nachdrücklich den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs propagiert.

Wachstum soll also wieder einmal aktiv gesteuert werden. Doch Göbel und Breu wollen dabei aus der Vergangenheit lernen. Statt zentralistisch alles auf die Landeshauptstadt auszurichten, bevorzugt der Landrat ein polyzentrisches Gebilde. Städte wie Landsberg, Buchloe, Wasserburg oder Traunstein müssten eingebunden werden. Moderne Verkehrssysteme müssten München und den Kern des Großraums auch tangential erschließen und nach außen anbinden. Dann werde es gelingen, Naturräume zu bewahren und etwa der Landwirtschaft in stadtnahen Gebieten eine Zukunft zu bieten. "Das halte ich für sehr wichtig", sagt Göbel, "ansonsten ginge ein wesentlicher Wert verloren."

Lehren lassen sich dabei aus der Erfolgsgeschichte der Münchner S-Bahn ziehen. Das bis heute bestehende Netz wurde in Grundzügen in den Sechzigerjahren konzipiert - ein über den damaligen Bedarf hinausreichendes Verkehrsmittel. Die Folge: Die Stadt München selbst wuchs von 1972 bis 1998 nicht an Einwohnern, auch wenn die Zahl der Wohnungen stieg, weil mehr Singlehaushalte entstanden. Bevölkerungswachstum gab es dafür im Umland. Ein ähnliches Angebot bei den Verkehrsmitteln müsste nach Göbels Überzeugung jetzt gemacht werden, um das radial auf München ausgerichtete System zu ändern. Nur dann werde das zu erwartende Bevölkerungswachstum zu bewältigen sein. Ein attraktives Tarifsystem, am besten für den südbayerischen Raum, gehört für den Landrat dazu.

Wo und mit welchen Verkehrsmitteln sich die Menschen in Zukunft in der Region fortbewegen werden, dazu hat im Auftrag des Landkreises Raumplaner Alain Thierstein Ideen formuliert. Mancher träumt gar von Seilbahnen oder Flugtaxis. Wo wohnen die Menschen, wo arbeiten sie und wie bewegen sie sich fort? Das sind die Themen. Mit dem neuen städtebaulichen Instrument des "Urbanen Gebiets" wird die seit Jahrzehnten propagierte strikte funktionale Trennung von Wohnen und Arbeiten aufgelöst und beides wieder zusammengeführt. Gemeinden wie Kirchheim setzen gezielt auf Gewerbeentwicklung im Innenbereich und Verdichtung. So kann aus Sicht von Thierstein Wachstum verträglich organisiert werden, gerade auch im Landkreis München, der auch aus seiner Sicht bei aller Eigenständigkeit längst ein Teil des innersten Kerns der Metropolregion ist - sprich ein Teil von München.