Gespräch:Szenen einer Ehe

Wie ist das eigentlich, wenn man sich seit Jugendtagen kennt und seit Jahrzehnten gemeinsam auftritt? Christian Gerhaher und Gerold Huber sprechen übereinander.

Interview von Michael Stallknecht

Wie geht es einem eigentlich miteinander, wenn man seit dreißig Jahren gemeinsam auftritt? Christian Gerhaher und Gerold Huber kennen sich sogar noch länger, seit der gemeinsamen Zeit im Straubinger Schulorchester, wo der Bariton die Bratsche traktierte, sein Pianist den Kontrabass. Seitdem sind die beiden zu einem der international erfolgreichsten Liedduos arriviert, am Dienstag, 27. Juli werden sie bei den Opernfestspielen einen Abend mit Liedern von Franz Schubert gestalten, von denen viele fast nie öffentlich zu hören sind. Wir haben die beiden gebeten, sich nicht abzusprechen und die folgenden Fragen unabhängig voneinander zu beantworten.

Christian Gerhaher

Was tun Sie vor einem Auftritt?

Christian Gerhaher: Kurze Anspielprobe circa zwei Stunden vor Beginn. Während Herr Huber bis Einlass auf der Bühne bleibt, gehe ich in die Garderobe und wiederhole alle Lieder - zuerst die Noten, dann die Texte, eingebettet in eine Reihe unaussprechlich doofer Rituale...

Was schätzen Sie am meisten an Ihrem Pianisten?

Seine Aufrichtigkeit, seine Begeisterungsfähigkeit, seine Bescheidenheit, seine lange Freundschaft, sein untrügliches Künstlertum.

Was nervt Sie am meisten an Ihrem Pianisten?

Nichts. (Seine kommunikationslimitierende Handy-Aversion hat sich mittlerweile gelegt.)

Was war Ihr schönster gemeinsamer Auftritt?

Tatsächlich die meisten.

Was war Ihr schrecklichster gemeinsamer Auftritt?

Zwei Schubert-Abende: einer in Wismar, bei dem ich viel schlechter beieinander war als ohnehin befürchtet, und einer bei der Schubertiade Schwarzenberg-Hohenems, der nun aber schon recht lange her ist.

Christian Gerhaher

Gerhaher und Gerold sind längst international bekannt und geben gefragte Liederabende zusammen, oft auch in der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: Wilfried Hösl)

Sie kennen Ihren Pianisten seit Jugendtagen. Worin ist er seitdem besser geworden?

GH wird seit Jahrzehnten immer besser, das imponiert mir so sehr. Und speziell ist er so fleißig und diszipliniert geworden, das setzt mich aber auch fast ein wenig unter Druck.

Welches der rund 600 Lieder Franz Schuberts würden Sie nie öffentlich singen wollen?

Die Tisch-, Punsch- und Trink-Lieder, "An die Musik".

Worin unterscheidet sich ein Liedduo von einer Ehe?

Bei uns ist es so, dass wir keine Kinder mehr miteinander bekommen werden. Auch werden wir uns nicht gegenseitig mit einer vererbbaren Rente erfreuen.

Gerold Huber

Was tun Sie vor einem Auftritt?

Gerold Huber: Meine Phase der abergläubischen Rituale hab' ich Gott sei Dank überwunden. Von der roten Konzertunterhose bis zu bestimmten Socken war alles dabei. Eigentlich üben und zittern wir beide direkt bis zu Konzertbeginn.

Was schätzen Sie am meisten an Ihrem Sänger?

Ich bewundere seine Bereitschaft, immer hundert Prozent zu geben, egal ob es ein Hauskonzert, eine Generalprobe oder ein wichtiges Konzert ist. Es ist köstlich zu sehen, wie er sich bei jedem noch so kleinem Auftritt völlig aufgelöst im Kämmerlein einsingt.

Was nervt Sie am anderen am meisten?

Sein fachlich alzheimerischer Einschlag. Da denk' ich mir die unglaublichsten Programme aus - intellektuell nicht zu überbieten -, und dann war einen Tag später alles von ihm. Das nennt man, glaub' ich, "geistiger Diebstahl"...

Gespräch: Kennen sich seit Jugendtagen: Der Bariton Christian Gerhaher und der Pianist Gerold Huber stammen beide aus Straubing. Ihr damaliger Musiklehrer Winfried Spranger hat die beiden 17-jährig beim üben fotografiert.

Kennen sich seit Jugendtagen: Der Bariton Christian Gerhaher und der Pianist Gerold Huber stammen beide aus Straubing. Ihr damaliger Musiklehrer Winfried Spranger hat die beiden 17-jährig beim üben fotografiert.

(Foto: privat)

Was war Ihr schönster gemeinsamer Auftritt?

Es gab einen unvergesslichen Schubertschen "Schwanengesang" in Paris mit einer zufälligen Bekanntschaft, einer älteren Dame, bei der wir einen Abend im vielleicht letzten Pariser Musiksalon erleben durften.

Was war Ihr schrecklichster gemeinsamer Auftritt?

Wirklich gruselig - ein Konzert in der Kasseler Aussegnungshalle. Herr Gerhaher fiel aufgrund einer Mageninfektion beim dritten Lied (ich glaube: "Der Tod und das Mädchen") in Ohnmacht und landete in der ersten Zuschauerreihe.

Sie kennen Ihren Sänger seit Jugendtagen. Worin ist er seitdem besser geworden?

Es ist natürlich wunderbar, so ein langes Liedsängerleben mit zu verfolgen und zu sehen, wie sich Diktion, Intonation und ähnliches immer wieder weiter entwickeln. Eine schöne Vorstellung, dass man in der Musik nie am Ende ist mit dem Lernen...

Welches der rund 600 Lieder Franz Schuberts würden Sie nie öffentlich spielen wollen?

Ich bin zwanzig Jahre erfolgreich dem "Erlkönig" aus dem Weg gegangen. Dann musste ich vor fünf Jahren kurzfristig einspringen bei einem Liederabend mit Günther Groissböck. Seitdem hat es seinen Schrecken verloren.

Worin unterscheidet sich ein Liedduo von einer Ehe?

Kann man auf keinen Fall vergleichen: Keine Ehe der Welt würde solche gegenseitige Marotten überleben!

© SZ vom 24.06.2021
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