Geschenke Geschenke, die Geschichten erzählen

Ein Buch ist zwar nur eine kleine Sache, fühlt sich aber oft gut an - So wie bei der 36-jährigen Emi.

(Foto: Catherina Hess)

Sechs Münchner haben uns vor Weihnachten in ihre Einkaufstüten blicken lassen. Ein Geschenk sagt nämlich im besten Fall nicht nur etwas über den Beschenkten aus, sondern auch über den Schenkenden.

Von Anna Hoben und Pia Ratzesberger

Manche kaufen nichts mehr. Keine Geschenke, also auch kein Gedränge. Keine Dispozinsen. Keine Enttäuschungen. Wer an den Tagen vor Weihnachten durch München geht, trifft einige Menschen, die sich dem Wahn verweigern. Die meisten aber tragen noch immer schwere Tüten über die Straßen, und manchmal kann ein Geschenk auch mehr als ein Geschenk sein. Selbst wenn es kurz vor Heiligabend gekauft wurde, selbst wenn es auf den ersten Blick nicht besonders wirken mag. Geschenke erzählen manchmal Geschichten - von Töchtern, die am Morgen in New York in den Flieger steigen. Von Vätern, die sich von ihren Kindern leiten lassen. Von Traditionen anderer Länder. Die SZ hat in sechs Einkaufstüten geschaut. Nicht alle Besitzer wollten ihren Namen nennen - es soll ja eine Überraschung sein.

Rehe für die Materialschlacht

Drei Rehe liegen im Fahrradkorb. Eines für die Chefin, zwei für die Kolleginnen. Für die anderen Logopädinnen. Die Besitzerin des Fahrrads zündet sich eine Zigarette an, die Stadt liegt schon im Dunkeln, im Laden hinter ihr aber wird es erst jetzt so richtig voll. Es ist einer dieser Läden, die vom Waschlappen bis zum Malbuch alles verkaufen, für ein paar Euro, made in China. In der Arbeit schenken sie sich stets nur Kleinigkeiten, in ihrem Beruf verdiene man schließlich nicht so viel, sagt die Frau. Aber in der Arbeit mit den Patienten bräuchten sie so viele verschiedene Dinge wie möglich, Kuscheltiere und Papier und Bälle. Deshalb die Rehe. "Für die Materialschlacht." Für ein paar Euro.

Ein transatlantisches Fotoalbum

Sie ist erst seit ein paar Stunden wieder in Deutschland, um sieben Uhr am Morgen landete ihr Flieger aus New York. Gerade schleppen zwei Männer eine Tanne durch das Parkhaus und auch Anja Kraus, 50, ist auf dem Weg zum Auto. Drei Tüten in zwei Händen. Sie war schon im Baumarkt, in der Drogerie, sie ist einer der Menschen, für den Weihnachten stets eine lange Reise bedeutet. Einen anderen Kontinent. "I just need a few hours", dann kämen die deutschen Worte wieder, sagt Kraus. Sie lebt seit 20 Jahren in New York und auch in diesem Jahr ist ihr wichtigster Kauf deshalb das Fotoalbum.

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Jeden Oktober fliegt sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach München, in diesem Jahr war die Feier besonders groß. 80. Geburtstag. Sie fotografiert diese Feiern, fliegt für Weihnachten wieder nach Hause und kauft ein neues Fotoalbum. Immer in München, kurz nach der Landung. "Ich packe auch erst am Tag des Flugs." Diesmal hat das Album die gleiche Farbe wie der Pullover, den ihre Mutter immer trägt, die wird das Album an Weihnachten zu den vielen anderen stellen. Fast 20 müssten es sein. So viele Alben wie Jahre fern von zu Hause. Anja Kraus muss jetzt weiter, einkleben.

Der Kimono aus dem Glockenbach-Viertel

"600 Kilometer sind wir gefahren, extra von Berlin nach München", scherzt Fabian, 36, "nur um dieses Teil zu kaufen." Dieses Teil, ja, was ist das eigentlich? In der Einkaufstüte sieht es aus wie eine rote Tagesdecke, beim Herausziehen entpuppt es sich als eine Mischung aus Winterjacke und Kimono. Eine Art Tagesdecke, nur zum Anziehen. Ein Zufallsfund aus einem Second-Hand-Laden im Glockenbachviertel. Eigentlich hatte seine Begleiterin das Stück entdeckt. Dann wollte er es probieren, "und alle wollten mich davon abhalten".

Er setzte sich durch, tja, "und ihm stand es besser", sagt Elisabeth, 35. Der gefütterte Kimono passt auch deshalb zu ihm, weil ihm immer so kalt ist. Also hat er sich mal eben spontan selbst weihnachtlich beschenkt. So wie überhaupt sehr viele Menschen, die an diesem Tag in der Stadt unterwegs sind. "Das ist nur für mich", den Satz hört man ziemlich oft. Der Kimono aber, er ist nicht nur für Fabian, sondern ein bisschen auch für Elisabeth: "Wir können ihn beide tragen."

Eine Glühbirne, so groß wie ein Handball

Die Tüte ist voll. Er ist gerade mit seiner Tochter unterwegs, die hat ihm gezeigt, wo man in diesen Tagen gute Geschenke findet. Und er hat dann einfach mal mitgenommen, was ihm gefallen hat, in einem dieser kleinen Läden an der Hohenzollernstraße. Er lebt ja nicht mehr in München, sondern in Orvieto, zwischen Florenz und Rom. Die Tochter aber wohnt in München, und so zeigt sich in diesem Moment wie in so vielen Familien an Weihnachten, wie sich die Verhältnisse über die Jahre verschieben. Die Tochter erklärt jetzt dem Vater die Stadt. Nicht mehr andersherum.

Er, 67 Jahre, hat Magneten mit Federn dran gekauft, einen Messbecher und eben auch eine Glühbirne, fast so groß wie ein Handball. Wer die bekommen soll, das weiß Anton Baur noch nicht, wie bei all den Dingen in der Tüte. Die Tochter in jedem Fall nicht, die kennt sie ja schon. Seine Partnerin und er schenkten sich stets 20 kleine Päckchen, einzeln eingeschnürt, wie Baur sagt. Vielleicht diesmal eine Glühbirne. Erwartet wohl keiner.

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Ein Buch, das sich gut anfühlt

Also, das war so: Die Freundin einer Freundin hatte ihr den Autor empfohlen, John Strelecky heißt er, ein Amerikaner. Beim Stöbern im Laden hatte sie dann das Buch entdeckt, "Das Café am Rande der Welt". In zwei Stunden hatte sie es gelesen, eines Nachts von elf bis ein Uhr. "Ich war total drin, es hat mich berührt", sagt sie und räumt ein: "Man muss schon für so was empfänglich sein." So was, also: belletristisch verpackte Ratgeberliteratur mit Untertitel, beim "Café"-Buch steht da "Eine Erzählung über den Sinn des Lebens". Bestseller, die im Feuilleton weniger gut ankommen, dafür umso mehr bei Lesern.

Emi, 36 Jahre, hat das Buch jedenfalls gemocht, "es ist eine süße Geschichte", und sie hat etwas ausgelöst: den Gedanken, dass es doch Unsinn ist, immer auf irgendetwas zu warten und nichts dafür zu tun. "Man ist zu selten mutig." Warum zum Beispiel warten, bis jemand anruft, um etwas zu unternehmen? Als sie in der Nacht das Buch gelesen hatte, ging sie am nächsten Morgen gleich ins Haus der Kunst und schaute sich eine Ausstellung an, die sie schon lange sehen wollte. Eine kleine Sache. Aber sie fühlte sich gut an. Sie wusste, dass sie das Buch verschenken will, an zwei Freundinnen. Emi ist Türkin, "eigentlich feiern wir nicht Weihnachten", sagt sie. Aber den Gedanken, sich etwas zu schenken, findet sie schön. Blöderweise hat die eine Freundin sich das Buch jetzt schon selber gekauft. Nun hat Emi noch eines übrig.

Kugeln für den katalanischen Brauch

Emma Espel, 40, hat nur ein paar Schokokugeln gekauft, aber an Weihnachten werden die noch wichtig werden. An Weihnachten wird sie einen Baumstamm aufstellen, eine Decke darüber legen, die Kugeln darunter verstecken. Ihr Sohn, zehn Jahre alt, wird mit einem kleinen Stock auf den Baumstamm schlagen, sie werden Lieder singen, "Caga tió", und die Kugeln werden herausfallen - der Baumstamm also "Geschenke scheißen", auf katalonisch "cagar".

In Espels Heimat Katalonien gehört zu Maria, Josef, Jesu nämlich noch eine Figur in der Krippe, die sich sonst nicht in Krippen findet, der sogenannte "Caganer". Ein kleiner Mann mit heruntergelassener Hose, meist in Tracht gekleidet, der gerade das macht, was sein Name verspricht. Der "kleine Scheißer" gilt den Katalanen seit Jahrhunderten als Glücksbringer, warum, weiß heute niemand mehr so genau. Vielleicht soll er das Düngen des Ackers symbolisieren, vielleicht auch den Widerstand der Katalanen. Die Geschenke gibt es dem katalonischen Brauch nach erst am 6. Januar, wenn die Heiligen Drei Könige kommen. Davor bitten Emma Espel und ihr Sohn den "Tió" um Gaben.

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