Die Hommage hat der Welt schon so einige Sternstunden beschert. Von Picassos Serie „Las Melinas“, die ein Gemälde von Diego Velázquez vielfach reinterpretierte, über Woody Allens filmische Liebeserklärung „Manhattan“ an seine Geburtsstadt New York bis zu den Beatles, die mit „Abbey Road“ sogar ihrem Tonstudio ein Denkmal setzten.
Mit dem oberbayerischen Techno-Grandseigneur DJ Hell und dem notorisch provokationsfreudigen Künstlerradikalinski Jonathan Meese haben sich wiederum zwei gefunden, die das Ganze noch mal ein wenig weiterspinnen: als eine Art Hommage-Projekt. War bereits ihr erstes Album „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ eine abgründig ins Technoide gedrehte Verbeugung vor den Düsseldorfer Proto-Electropunks Deutsch Amerikanische Freundschaft, so nehmen sie sich nun auch noch die geheiligte Elektro-Pop-Überband Kraftwerk vor.
Man kann speziell von Meese und seiner (Umdeutungs-)Lust an Hitler-Grüßen und sonstigen Grenzüberschreitungen wie dem Ausruf der „Diktatur der Kunst“ natürlich halten, was man mag. Auf dieser Platte mit dem Titel „Gesamtklärwerk Deutschland“ gelingt ihm als robotisch-neurotischer Sprechsänger zu Hells kraftstrotzender Fortentwicklung des Kraftwerk-Sounds jedoch das Kunststück, den latenten Hang zum Nörgeln und die sich wieder ausbreitende braune Suppe in Deutschland durch eine Art satirischen Reinigungsprozess mit dystopischer Note zu schicken.
Herauskommen dabei dann Tracks wie „Dr. Deutschland“, in dem Meese als solcher einen Masterplan verkündet, der einen auch an die Eskapaden des Wirtschaftsgenies im Weißen Haus erinnert: „Mach Deutschland klein / Und mach es wieder groß / Mach Deutschland ganz klein / Und mach’s wieder groß […] Das ist die Zukunft / Und das muss es sein.“
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Gut also, dass bei so viel medizinischem Fachverstand mit Meeses Mutter Brigitte noch eine Instanz an Bord ist, die hier als „Lady Toleranz“ eine Art Kontrapunkt der Vernunft bildet. „Ich liebe das Leben, und ich möchte, dass das Leben schön ist“, erklärt die 95-Jährige im Track „Apokalyptiker“, um sich dann als „das Gute im Menschen“ einen mütterlichen Nein-doch-nein-doch-Schlagabtausch mit dem apokalyptisch geneigten Sohn zu liefern. Engelchen und Teufelchen im Zwiegespräch, wenn man so will.
Im Bergson werden Hell und Meese nun nach einer Listening Session auch Auskunft über Entstehung und Hintergründe der Platte geben. Ehrensache, dass die beiden danach im Atrium noch einen gemeinsamen Auftritt hinlegen, um die reinigende Wirkung von „Gesamtklärwerk Deutschland“ auch live im Kunstkraftwerk Bergson zur Entfaltung zu bringen.
Meese x Hell, Donnerstag, 24. April, 19 Uhr, Bergson, Am Bergson Kunstkraftwerk 2

