Sie sind ein Genuss: diese bambusschlanken, langen Sätze, mit denen er Menschen und Landschaften beschreibt. Aus ihnen baut Gert Heidenreich Absatz für Absatz durchscheinende Gerüste, die im Wind der Gedanken schwingen, aber verlässlich halten. In den schönsten Momenten dieses Buches steigt man auf diesen Sätzen sicher empor in Parallelrealitäten, in denen die Gravitation für Momente aufgehoben ist.
In der ersten Erzählung sitzt man auf der Piazza Sordello in Mantua, fühlt das „aprikosenfarbige Licht des späten Nachmittags“ und „rundbuckeliges Sandsteinpflaster“, hat eine Erinnerung an das nicht enden wollende Bilderbuch der Fresken im Palazzo Ducale. Neben dem Ich-Erzähler: sein Hund. Der eine Motte frisst und mit einem Mal zu schweben beginnt und wie ein Luftballon an der Leine zerrt. Der Ich-Erzähler lässt ihn fliegen, fortan besessen von der Idee, seinerseits eine Motte zu verschlucken, die ihn von der Erdenschwere befreit.
„Goethe kam aus dem Regen“ heißt der Band mit Erzählungen, der auch Werke integriert, die schon vor Jahrzehnten erschienen und im prädigitalen Zeitalter verschollen sind. Apropos: Ist es bei Franz Kafka noch die Blackbox der Behördenbürokratie, die das Individuum einsaugt und nicht mehr freilässt, sind es bei Heidenreich die Algorithmen. Josef, Aktionärsberater einer Privatbank, führt eine Existenz vor dem Bildschirm im Homeoffice. Irgendetwas muss schiefgelaufen sein, als ein Kollege ihm digital zum Geburtstag gratuliert. Josef wird sukzessive aus der Firma getilgt, seine Zugänge abgeschaltet. Dann schlägt es durch auf sein Privatleben: Das Grab seiner Mutter wird aufgelöst, ihr Name gelöscht.
Das ist nicht die einzige Begegnung mit Kafkas Welt, die man in Gert Heidenreichs Erzählungen hat. In „Der Beste“ erwacht Georg Darda „eines Morgens aus einem unruhigen Traum“ und ist – kein Käfer, sondern einfach nur bewundernswürdig, unwiderstehlich gut aussehend. Auf fein bösartige Weise sind die Folgen aber auch recht unschön. In „Die Dohle“, das die unangenehme Stimmung eines Bildes von Alfred Kubin durchweht, materialisiert sich Kafkas Vater und darf endlich antworten auf den berühmten Brief des Sohnes, der sein Bild festgoss für alle Zeiten. Heidenreich nutzt Sprache, um sich vor- und vor allem zurückzutasten im Lauf der Welt. Um mit jedem Schritt zu testen, ob unsere Gewissheiten halten. Die Ungewissheiten hebt er dabei wie Schätze.
Heidenreich hat die Fähigkeit, sich einzuschwingen auf Geistesgrößen. Jüngst zu sehen im Kino in „Leipniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, wofür er das Drehbuch schrieb. Nach der Landtagswahl in Thüringen 2024, aus der die AfD als Sieger hervorging, klopft es an des Ich-Erzählers Tür. Lucas Cranach, der Ältere und der Jüngere, stehen Asyl suchend vor ihm. Es kommt zum Massenexodus der Klugen und Kreativen aus Weimar. Im Vorgarten des Ich-Erzählers versammeln sich Goethe, Schiller, Nietzsche, Walter Gropius, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Edvard Munch, Richard Wagner, Franz Liszt und sogar Marlene Dietrich. Wohin? „In ihrem Kopf ist Platz genug“, erklärt Munch dem Ich-Erzähler.

Kino:Männer und ihre Pinsel
Regisseur Edgar Reitz bringt mit 92 noch mal einen Film ins Kino. „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ reicht nicht an seine meisterliche „Heimat“-Saga heran, fügt sich aber trotzdem nahtlos in ein großes Werk ein.
Dem Herrn Geheimrat begegnet man auch in der Titelgeschichte des Bandes. Aus dem Unwetter kommend, sitzt er im Morgenmantel und weißen Hotelschlappen vor dem Kaminfeuer des Erzählers und pichelt dessen Bordeaux, während er sich über den „Faust“ ausfragen lässt. Nun, eine gewisse Koketterie mit einer Prise Eitelkeit schimmert bei der Begegnung mit den Größten auf Augenhöhe schon durch die Zeilen. Den Schiller will ihm Goethe zum Abschied auch gleich vorbeischicken.
Ziel vieler Erzählungen ist es, die Gedanken vibrieren zu lassen, bis sie abheben. Da hilft es, dass Heidenreich sie gerne an Urlaubsorte verlegt, die per se eine dem Alltag enthobene Leichtigkeit in sich tragen. So liest man die Tagebucheinträge eines Malers, der sich in einem Haus an der normannischen Küste inspirieren lassen will. Die unerwartete Gesellschaft zweier junger Damen rüttelt verschüttete Gefühle frei, deren erotischer Unterton aber in einer finalen Plot-Volte ins Unheimliche kippt.
Manchmal ist’s auch nur die Erinnerung, die aufsteigt wie ein Heliumballon. Ein Student kommt nach München. An einem Sommernachmittag 1963. Die Stadt präsentiert sich ihm in sommerlicher „Italianität“. Fliederduft. Aus der Staatsbibliothek sieht er eine junge Frau kommen. Ein Hündchen an der Leine. Er bemerkt „diesen unerklärlichen Übermut in den Locken“. Und er weiß: „Sein Leben war ein offener, soeben erst betretener Raum, der darauf wartete erzählt zu werden.“
Gert Heidenreich: Goethe kam aus dem Regen, Verlag Bibliothek der Provinz, 216 Seiten, 20 Euro, Lesung am Mittwoch, 26. November, 19 Uhr, Literaturhaus München

