Ausstellung:Strahlend über Jahrhunderte

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Ausstellung: Teilvergoldet und verziert mit Edelsteinen: die Reliquienbüste des Heiligen Zeno, um 1451, ist ein zentrales Stück der Ausstellung.

Teilvergoldet und verziert mit Edelsteinen: die Reliquienbüste des Heiligen Zeno, um 1451, ist ein zentrales Stück der Ausstellung.

(Foto: GNM, Dirk Messberger)

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg konzipiert seine Dauerausstellung zum Mittelalter neu. Erste Einblicke lassen Großes ahnen.

Von Florian Welle, Nürnberg

Welchʼ eine Augenweide, die sich dem Besucher gleich am Eingang bietet. Die Büste des Heiligen Zeno wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts aus Silber gegossen, ist teilvergoldet und mit Edelsteinen verziert. In spannungsreichem Kontrast zu der leuchtenden Pracht steht das introvertierte Antlitz des Bischofs von Verona, das eine außerordentliche Ruhe ausstrahlt.

Nur wenige Schritte nach dem verklärten Heiligen steht man wiederum einem Objekt gegenüber, das unmittelbar die Sinne anspricht. Das 1519 im Sächsischen geschnitzte Retabel zeigt vor leuchtend goldenem Hintergrund eine goldgewandete Gottesmutter mit rotbäckigem Jesuskind im Arm. Ihr zur Seite stehen die Heiligen Wenzel, Wolfgang und Wendelin sowie der Erzengel Michael, die Flügel ausgebreitet, das Schwert gezückt. Ihre Kleidung ist ebenfalls von himmlisch güldenem Glanz.

"Einladung ins Mittelalter": Wollte man die sogenannte Preview zur Kunst des 15. Jahrhunderts, die das Germanische Nationalmuseum derzeit als Appetizer für die neu geplante Dauerausstellung ab 2024 zeigt, griffig auf den Punkt bringen, fiele einem der Buchklassiker von Horst Fuhrmann ein. Allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung. Die erlesenen Werke aus der hauseigenen Sammlung dienen den Kuratoren Benno Baumbauer und Markus T. Huber nicht dazu, "das uns Fremde, das Andersartige" des Mittelalters hervorzuheben, wie es einst das Anliegen des großen Historikers gewesen ist.

Das späte Mittelalter ist unserer Gegenwart in vielerlei Hinsicht verblüffend ähnlich

Im Gegenteil "Das Mittelalter. Die Kunst des 15. Jahrhunderts. Preview" öffnet einem die Augen für die Einsicht, dass das späte Mittelalter unserer Gegenwart in vielerlei Hinsicht verblüffend ähnlich ist. An der Schwelle zur Neuzeit entstehen frühkapitalistisch organisierte und arbeitsteilig produzierende Großwerkstätten mit Malern und Bildschnitzern, Schreinern und Vergoldern, die einen unverwechselbaren Stil kreieren und die große Nachfrage vor allem seitens der Kirche bedienen.

Ausstellung: Mit diesem Glas reisten vermutlich Mitarbeiter der Straßburger Werkstattgemeinschaft durch Europa, um neue Kunden zu gewinnen.

Mit diesem Glas reisten vermutlich Mitarbeiter der Straßburger Werkstattgemeinschaft durch Europa, um neue Kunden zu gewinnen.

(Foto: GNM, Georg Janßen)

Die Ausstellung präsentiert hierfür mit Tilman Riemenschneider und seiner in Würzburg ansässigen Werkstatt ein herausragendes Beispiel. Auf innovative Serienfertigung und europaweiten Export setzte auch die "Straßburger Werkstattgemeinschaft", ein Zusammenschluss von fünf Glasmalerbetrieben, die ihre Produkte bis nach Konstanz, Nürnberg und Salzburg lieferten. Einen Eindruck von deren Qualität gewinnt man beim Anblick des um 1480 gefertigten Hüttenglases "Mondsichelmadonna mit zwei Engeln". Das Stück von bestechender Strahlkraft diente dem Unternehmen wohl als Muster zur Akquise neuer Kunden. "Stroßburg finster" war damals eine bekannte Marke, ähnlich dem Gütesiegel "Made in Germany" heute.

Was den Herbst des Mittelalters an unsere Gegenwart heranrückt, ist natürlich vor allem die Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg: Eine Medienrevolution! Fortan mussten Bücher nicht mehr mühsam abgeschrieben, sondern konnten massenhaft vervielfältigt werden.

Die zweibändige Bibel des Nürnberger Druckers und Verlegers Anton Koberger aus dem Jahre 1483 mit einer Auflage von rund 1500 Stück steht beispielhaft für diese Entwicklung, die einer Zeitenwende gleichkam. Dazu passt, was Daniel Hess, der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums, über die Sonderausstellung gesagt hat: "Das Spätmittelalter ist für mich, wie die Gegenwart, eine faszinierende Zeit großer Verunsicherungen, Horizonterweiterungen und Veränderungen. Deshalb ist diese Epoche heute so modern und erhellend für uns."

Ausstellung: Arbeitsteilung: An dieser Flügelretable aus Sachsen von 1519 arbeiten ganz unterschiedliche Gewerke gemeinsam.

Arbeitsteilung: An dieser Flügelretable aus Sachsen von 1519 arbeiten ganz unterschiedliche Gewerke gemeinsam.

(Foto: GNM, Dirk Messberger)

Rund 25 Werke sind in der Preview zu sehen. Die neukonzipierte Dauerausstellung ab 2024 in der dann ertüchtigten "Mittelalterhalle" wird um die 150 Exponate fassen. Die ehemalige Mittelalter-Präsentation des Germanischen Nationalmuseums in dem von Sep Ruf entworfenen Nachkriegsbau war vor allem nach künstlerischen Schulen wie der Ulmer, Kölner und Nürnberger Schule und deren stilistischen Besonderheiten geordnet. Im Fokus der Aufmerksamkeit standen Gemälde und Skulpturen. Vereinfacht ausgedrückt: Malweisen und Faltenwurf.

Die Preview mit der Silberbüste des Heiligen Zeno als Herzstück, die nach sieben Jahrzehnten Abwesenheit als Leihgabe aus dem Bayerischen Nationalmuseum nach Nürnberg zurückgekehrt ist, deutet eindrucksvoll an, worin die neue Dauerausstellung ihre Hauptaufgabe sieht: Dem Besucher über die gezeigten Bildwelten einen Einblick in die faszinierenden Lebenswelten des Spätmittelalters und seiner ständisch strukturierten Gesellschaft zu geben.

Liebevoll bis ins Detail sind die Arbeiten

Ausschlaggebend hierfür sind Fragen nach den Auftraggebern der Kunstwerke; nach der Organisation der Werkstätten als Wirtschaftsbetriebe; nach der Intention und Überzeugungskraft der Malereien, Figuren und Altaraufsätze. So scheute der unbekannte Künstler, der das Relief zu einem Passionsretabel in einer Landshuter Kirche geschaffen hat, keine Mühen, selbst ein Detail wie die Holzstangen, mit denen die hasserfüllten Schergen den Kopf Jesu Christi malträtieren, plastisch so wirklichkeitsgetreu wie möglich nachzubilden. Seine im christlichen Glauben tief verwurzelten Zeitgenossen dürfte das unmittelbar zum Mitleiden angeregt haben.

Hingegen fordert das monumentale Bild der Schutzmantelmadonna, das den Rundgang beschließt, geradezu zu hingebungsvoller Andacht heraus. Das Gemälde ist gleich zwei Mal zu sehen. Gegenüber dem Original hängt seine schwarz-weiße Reproduktion. Sie hat jenen schmucklosen Schattenfugenrahmen im Geschmack der 1950er Jahre, in dem das Werk bislang in der alten Dauerausstellung gezeigt wurde. Das Original hingegen bekam einen neuen, vergoldeten Rahmen, den es so ähnlich wohl auch zur Zeit seiner Entstehung gehabt hatte.

Wie das Museum arbeitet: An Medienstationen erhält man ausführliche Informationen zu laufenden Restaurierungsmaßnahmen. So kann man einer Mitarbeiterin bei der sorgfältigen Rekonstruktion spätmittelalterlicher Verzierungstechniken über die Schulter schauen. Nicht zuletzt ist es diese Liebe zum Detail, die Vorfreude auf die neue Dauerausstellung weckt.

Das Mittelalter. Die Kunst des 15. Jahrhunderts Preview. Germanisches Nationalmuseum, bis 1. Oktober 2023. Di, Do - So 10 - 18 Uhr, Mi 10 - 20.30 Uhr, Mo geschlossen

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