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Geplante Kundgebung:Bärendienst für Kulturschaffende

"Aufstehen für Kultur" vertritt ein berechtigtes Anliegen, aber mit einer fragwürdigen Rednerin

Abgesagte Konzerte, ausgefallene Gagen, mangelhafte Hilfen vom Staat - besonders Freischaffende sind von den Folgen der Corona-Pandemie nicht nur in ihrer künstlerischen Entfaltung, sondern existenziell bedroht. Proteste, bei denen die kulturellen, sozialen und ökonomischen Verwerfungen in den Fokus genommen werden, die als Kollateralschaden der Krisenbewältigung von den Regierenden eher hingenommen als bekämpft werden, sind daher an sich begrüßenswert ("Aufstehen für Kultur", 17. September). Die Rednerliste der geplanten Kundgebung am 24. Oktober auf dem Münchner Odeonsplatz "Aufstehen für Kultur" macht jedoch fassungslos und erweist dem Anliegen der Kulturschaffenden einen Bärendienst. Dass vorrangig drei Ex-Minister (Nida-Rümelin, Heubisch, Maier) stellvertretend für Kulturschaffende sprechen sollen, während eine Beteiligung von Künstler-Berufsverbänden und Gewerkschaften ausbleibt, mag verwundern. Dass jedoch die Widerstand2020-Mitbegründerin Kirsten König, eine Kernaktivistin des verschwörungsgeneigten Milieus um Querdenken- und Corona-Rebellen, als Rednerin eingeladen wurde, ist an Absurdität nicht zu überbieten und diskreditiert den eigentlich legitimen Protest.

Künstler, die von der Politik Lösungen für ihre schwierige Lage einfordern und dabei im gesellschaftlichen Diskurs ernstgenommen werden wollen, sollten daher um diese Kundgebung einen großen Bogen machen und ihrer Unzufriedenheit auf anderem Wege Luft machen. Denn die größte Gefahr für eine freie Kultur und eine freie Gesellschaft geht von denjenigen aus, von denen sich die Bewegung um Kirsten König partout nicht abgrenzen will: Neofaschisten, Antisemiten, Reichsbürger und andere rechte Verschwörungsanhänger.

Johannes König, freischaffender Cellist in München

© SZ vom 30.09.2020
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