Münchner Gitarrist Geoff GoodmanAus dem schwarzen Schaf wurde ein heimlicher Star

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Unermüdlicher Klangforscher und Soundsammler an der Gitarre: Geoff Goodman.
Unermüdlicher Klangforscher und Soundsammler an der Gitarre: Geoff Goodman. Lisa Freudenberger/Picasa

Er ist ein Fixstern der Münchner Jazz-Szene: Der amerikanische Gitarrist Geoff Goodman wird 70 und feiert in der Unterfahrt.

Von Oliver Hochkeppel

Vor genau 70 Jahren am 14. Februar wurde der Gitarrist Geoff Goodman in New York geboren. Er wuchs im Vorort Harrison auf, sozusagen im Martin-Scorsese-Land: „Viele Italiener und Juden“, wie er sagt. Und man hört seine Herkunft immer noch sehr gut heraus, aus seinem Denglish, bei dem er im Gespräch stets zwischen Deutsch und Englisch hin- und herwechselt. Obwohl er jetzt schon fast zwei Drittel seines Lebens in München verbracht hat: 1986, also vor genau 40 Jahren, wurde er hier heimisch. In dieser Zeit wurde er zu einer zwar eigenwilligen, aber nicht wegzudenkenden Figur, zu einem heimlichen Star der hiesigen Jazz-Szene.

Streng genommen war es Zufall, dass er in München landete. Goodman stammt aus einer musikalischen Familie, in der er aber „das schwarze Schaf war“, wie er erzählt. Sein älterer Bruder ist klassischer Pianist, auch seine Großmutter war klassische Musikerin, er aber war mehr von Folk, Bluegrass und Jazz fasziniert und wollte schon immer Gitarre spielen. Nicht zuletzt war er politisiert: „Der Kampf gegen den Vietnam-Krieg und gegen alles Reaktionäre spielte damals eine große Rolle.“ Er studierte dann – vielleicht auch ein Kompromiss mit den Eltern – in Boston und Amherst Komposition, hatte aber auch Unterricht bei den Jazzern John Abercrombie und Archie Shepp. Noch prägender als Lehrer war der „Ethnomusikologe“ David Reck. Mit „Americana“ kann man Goodmans damaliges musikalisches Programm vielleicht am besten beschreiben – in starken Anteilen bis heute. Was ihn mit dem Saxofonisten und Flötisten Chris Hirson verband, den er im Studium kennengelernt und mit dem er ein Duo gegründet hatte.

Sie spielten oft in einem kleinen Club in Portland, und dort erzählte man ihnen von der angeblich aufstrebenden und aufregenden Jazz-Szene in Europa. Weil die Zeiten für junge Jazzer in den USA Anfang der Achtzigerjahre hart wurden, folgten sie dem Ruf: „Wir verkauften unsere Autos, trennten uns von unseren Freundinnen, packten unsere Instrumente ein und kauften uns Flugtickets“, erzählt Goodman. Sie zogen herum, durch Italien und Frankreich, bis sie in Freiburg landeten. Wo sie Mitte der Achtzigerjahre der Ruf Münchens erreichte, der viele Amerikaner hierhergezogen hatte, von Mal Waldron und Charlie Mariano bis Larry Porter, Bill Elgart und Marty Cook – mit allen Genannten hat Goodman zeitweise zusammengearbeitet. „Es war unglaublich viel los damals in München.“

Auch das Duo Geoff Goodman/Chris Hirson fasste hier Fuß, fünf Alben entstanden bis 1992. Doch der stets neugierige Goodman wollte mehr und wurde bald zum den Jazz mit archaischen Stilen aller Art verschmelzenden Klang-Alchimisten – lange bevor die Ethnowelle zu rollen begann. Er spielte unter anderem bei Embryo, vor allem aber kreierte er mit diversen eigenen Projekten einen für ihn typischen Sound, in dem mal französische (Le Petit Chien), mal griechische (Misery Loves Company), mal indische (Tabla & Strings), mal japanische („Jazz + Haiku“ mit Curiosities of Nature) Einflüsse, dann wieder der US-Folk (Rosebud Trio) seine Kompositionen durchdrangen. Was auch immer Goodman spielt, es ist für die Zuhörer ein Roadtrip: „Ich will die Leute immer auf eine Reise mitnehmen. Ihre Fantasie anregen. Sie sollen erfüllt heimgehen“, sagt er.

Auf seinem bisher letzten Album verbeugt er sich vor Thelonious Monk

Musikalisch blieb Goodman dabei immer „open-minded“. Instrumental, indem er sein Spektrum an den Saiten nach Bedarf auch um Banjo, Mandoline oder Mandocello erweiterte. Mit dem „Instrumentenerfinder“ Ardhi Engl und dem gemeinsamen, seit 2011 bestehenden Projekt Metal, Wood & Wire hat er diese Suche nach Klangmöglichkeiten bis in unerreichte Höhen getrieben. Und kompositorisch, indem er neben den vielen weltmusikalischen – freilich immer auch improvisatorischen – Experimenten auch immer wieder zum „reinen“ Jazz zurückkehrte.

So ist das bislang letzte der mehr als 20 eigenen Alben als Bandleader und Komponist nach dem dafür gegründeten Trio Mostly Monk benannt, und gespielt werden fast ausschließlich Kompositionen und Adaptionen des genialen Thelonious Monk. Nicht zuletzt, um zu beweisen, dass dessen Werk zwar komplex, aber weit weniger sperrig ist als sein Ruf. „Ich habe immer Monk gehört, bewundert und früher auch schon mal zwei allerdings unveröffentlichte, nur live gespielte Monk-Projekte gemacht. Seine Musik ist unendlich inspirierend und spielt sich fantastisch an der Gitarre.“

So flexibel Goodman also inhaltlich ist, so sehr liebt er dabei feste Partnerschaften, die seine Projekte stets zu „working bands“ machen. Viele Granden der Münchner Szene wie Henning Sieverts, Till Martin, Andreas Kurz, Bastian Jütte oder Matthieu Bordenave gehören zu diesem engen, in vielen seiner Projekte immer wiederkehrenden Zirkel, einst auch Beate Sampson, bevor sich die Sängerin ganz auf ihren leitenden Posten beim Bayerischen Rundfunk konzentrierte.

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Auch die Sängerin Fjoralba Turku würde wohl noch dazugehören, wäre sie nicht vor ein paar Jahren nach England gegangen und aus der Musik ausgestiegen. Das preisgekrönte gemeinsame Projekt Katie Cruel gehört zum Besten und Erfolgreichsten, was Geoff Goodman gemacht hat. An Bord geblieben ist der in Berlin lebende Bassklarinettist Rudi Mahall, den Goodman vor vielen Jahren für ein Projekt einfach angerufen und eingeladen hatte, und der seither in vielen von Goodmans Bands dabei ist.

Auch im aktuellen, das bewährte Criss Cross Trio erweiternden Quintett (mit Bordenave, Kurz und Jütte), dem Goodman aktuell seine größte Aufmerksamkeit schenkt. Und mit dem er nun seinen runden Geburtstag am 14. Februar auf der Bühne der Unterfahrt begeht. Mit einem Querschnitt durch sein jüngeres Werk und Gästen wie dem Free-Posaunisten Sebi Tramontana. „Ich will mich damit vor allem bei all denen bedanken, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Bei den Veranstaltern, den Journalisten, dem Publikum, aber vor allem den Musikern“, sagt Goodman. Freilich ist das Konzert, wie es sich für diesen Anlass gehört, bereits ausverkauft. Vielleicht gibt es tags darauf bei der Wiederholung des Geburtstagskonzerts im Rosenheimer Le Pirate noch ein Plätzchen. In jedem Fall kann man Goodman am 26. Februar hören. Entweder bei der „Jazztime“ auf BR Klassik von 22 bis 23 Uhr. Oder live ab 19.30 im Münchner Ars Musica, wo er im Trio mit dem Gitarristen Bernd Hess und der Perkussionistin Marika Falk spielt.

Geoff Goodman wird 70, Samstag, 14. Februar, 20.30 Uhr, Unterfahrt; Sonntag, 15. Februar, 20 Uhr, Le Pirate Rosenheim

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