Gentrifizierung:Ein Paradebeispiel für "Gewaltsanierung"

In einer ehemaligen Metzgerei sitzt inzwischen ein Goldschmied. Bars und Cafés reihen sich aneinander. Man serviert Himbeer-Hugo oder hat entkoffeinierten Soja-Latte-Macchiato und französische Croissants mit hausgemachter Marmelade auf der Karte. Bidjanbeg bedauert, dass Läden des täglichen Bedarfs verschwunden sind - zugunsten von Fachgeschäften, die die Bedürfnisse von wenigen Gutbetuchten bedienen.

So wie an der Baaderstraße 50: Dort residiert im Erdgeschoss eine Werbeagentur. Das Haus sei ein Paradebeispiel für "Gewaltsanierung", wie Bidjanbeg es nennt. Der Altbau wurde generalüberholt, den Wohnungen vom ersten Stock an wurde im Hinterhof ein Balkon angesetzt.

Eine der früheren Bewohnerinnen, die gegen die Sanierung gekämpft hatte, soll eines Abends Beton in der Küche gefunden haben. Er war offenbar durchs offene Fenster gespritzt worden.

Gentrifizierungs-Schwerpunkt, Wandel im Glockenbach-Viertel

Ein Viertel im Wandel das Glockenbach: Blick von der Dachterasse des Hotels Deutsche Eiche.

(Foto: Florian Peljak)

Im Erdgeschoss kann man hinter der Glasfront sterile Präsentationsräume in Schwarz-Weiß sehen. Das sparsame Interieur besteht aus einem Tisch, vier Stühlen und einem überdimensionalem Flachbildfernseher. Die Rückwand ziert eine Comicfigur, vielleicht ein mutiger Schuss Selbstironie: die Zeichnung zeigt einen gierigen Dicken, über der Schulter trägt er einen Sack mit aufgedrucktem Dollarzeichen.

Die Räume der Werbeagentur teilten sich vorher drei Läden: ein Lederwarengeschäft, ein Antiquariat und ein Schneider.

Schräg gegenüber liegt ein kleines griechisches Spezialitätengeschäft, das sich gehalten hat. Ein Herr in Nadelstreifen stürmt hinein, will zwei geschnittene Lilien bezahlen. Der Besitzer ist gerade beschäftigt, deshalb ruft der Mann "Nikos, ich leg dir hier vier Euro hin, okay?" und ist schnell wieder draußen.

Der letzte Krämer

Nikos wird geduzt, von beinahe jedem Kunden, der den Laden betritt. Bidjanbeg sagt, er sei eine Institution im Gärtnerplatzviertel, der letzte seiner Art. Als er vor elf Jahren seinen "Onkel-Nikos-Laden", wie er ihn selbst nennt, eröffnete, habe es noch zehn weitere griechische und türkische Läden in der Gegend gegeben.

Heute, sagt er, sei er der letzte Krämer zwischen Isartor und Schlachthof. Geholfen hat sicherlich der Kompromiss zwischen Tante-Emma-Charme und Hipster-Chic.

Gentrifizierungs-Schwerpunkt, Wandel im Glockenbach-Viertel

Nikos betreibt an der Baaderstraße einen Spezialitätenladen.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Nikos, dem immer lächelnden Griechen, kann man sich die Gentrifizierung mit einer frischen Ingwerschorle schön trinken. Hinter der Kühlschranktür stehen Bio-Joghurts und -Limonaden. Antipasti liegen in der Auslage, im Regal stehen griechischer Wein, Zigaretten und Fairtrade-Kaffee. Bidjanbeg kommt ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Lieblings-Griechen erzählt: "Die Leute kommen vorbei, geben ihren Autoschlüssel ab und sagen 'der Wagen steht dort drüben, meine Frau kommt um vier und holt ihn ab'". Auch "Gentrifizierer" wie der Anzug tragende Lilienfreund freuen sich über Nikos Verbindlichkeit.

Der Wandel hat auch die Hinterhöfe erfasst

Jene, die so zahlreich ins Viertel drängen, beschleunigen dessen Wandel. Der hat auch die Hinterhöfe erfasst. Wo bis vor wenigen Jahren noch ein Schlosser mit eigener Esse seinem Beruf nachging, stehen heute Loftwohnungen. Das Handwerk im Hinterhaus war früher typisch für das Gärtnerplatzviertel, davon ist wenig übrig. Auch bei Schwersenz im Hof: Außen an der Fassade erzählt ein verblassender Schriftzug von den früher hier ansässigen Geschäftsleuten: "Schmidt & Söhne" - ein Druckhaus.

Heute ist der Hof mit englischem Rasen ausgelegt, der aussieht, als sei hier noch nie ein Grillfest gefeiert worden. Zwischen den Rückgebäuden fällt eine riesige, in den Boden eingelassene Glasdecke auf, umrundet von niedrigen Hecken. Darunter sind die Ränder eines Pools zu erkennen, aber die Treppe am Beckenrand führt ins Leere.

Gentrifizierungs-Schwerpunkt, Wandel im Glockenbach-Viertel

Handwerker gibt es hier nicht mehr, jedoch schicke Eigentumswohnungen, auch schon mal mit einem Pool mit Glasdach.

(Foto: Florian Peljak)

Das Schwimmbad ist trocken gelegt, die Lokalpolitikerin Bidjanbeg muss grinsen. Sie sei schon ein bisschen schadenfroh, wenn Luxus auch mal misslinge, gibt sie zu.

Doch wer zahlt, schafft an: Zwei Wochen später ist der Pool wieder gefüllt. Ausschussvorsitzender Miklosy kann dem Geldfluss jedoch auch durchaus Positives abgewinnen. Die Erhaltung des Altbaubestandes im Viertel sei ein Verdienst der hohen Investitionen, die durch die Aufwertung angezogen wurden, sagt er.

Kapital bewirke zunächst einmal die Verbesserung von Wohnqualität. Es schade allerdings, wenn es über das Ziel hinausschieße. Dieser Punkt sei im Gärtnerplatzviertel längst überschritten. Im Bezirksausschuss setzt sich Miklosy nun mit seiner Kollegin Bidjanbeg dafür ein, die Gentrifizierung zu stoppen. Bezahlbarer Wohnraum, sagt er, sei wichtig für die Lebendigkeit eines Viertels. Sein Stadtteil dürfe auf keinen Fall "zum Museum werden".

Andreas Schwersenz sieht das genauso. Seit gut fünf Jahren lebt er nun hier, und seitdem komme er kaum noch aus dem Viertel heraus, erzählt er. Schon über ein Treffen am Sendlinger Tor denke er zweimal nach: "Es gibt hier alles, was ich brauche." Im Gärtnerplatzviertel lebt man rundum sorglos - zumindest, wenn man es sich leisten kann.

© SZ vom 30.06.2015/doen
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