Gentrifizierung Wie das Gärtnerplatzviertel unbezahlbar wurde

Schöne neue Welt hinter Gittern: Der Wandel hat auch die Hinterhöfe erfasst.

(Foto: Florian Peljak)

Es ist das Paradebeispiel für die Gentrifizierung in dieser Stadt: Erst wurden im Gärtnerplatzviertel ganze Straßenzüge saniert, dann mussten alle wegziehen, die sich die Luxuswohnungen nicht mehr leisten konnten. Handwerker gibt es nicht mehr, dafür aber Soja-Latte-Macchiato.

Von Jakob Pontius

Andreas Schwersenz wird von einer Maklerin in den Hinterhof an der Klenzestraße 42 geführt - das Flair gefällt ihm auf Anhieb: Eine alte Couch lädt zum Verweilen ein, daneben stöbern Studenten in der Auslage eines Plattenladens, eine kleine Weinhandlung wirbt mit Livemusik.

Der junge Softwareentwickler saugt die Stimmung ein, er weiß, dass er die Szenerie nie mehr so erleben wird. Heute, acht Jahre später, steht an gleicher Stelle ein Neubau mit vielen teuren Eigentumswohnungen, Schwersenz lebt im ersten Stock. Er habe bedauert, dass dafür ein Kleinod weichen musste, sagt er. Aber er lebe auch ohne das Sofa im Hof gerne hier.

Das Gärtnerplatzviertel ist ein Paradebeispiel für fortgeschrittene Gentrifizierung. In den vergangenen 20 Jahren ist eine Investitions- und Sanierungswelle durch die Straßen zwischen der Isar und der Blumenstraße gefegt. Inzwischen wohnen die meisten Bürger hier in Eigentumswohnungen, erzählt Alexander Miklosy (Rosa Liste), der Vorsitzende des Bezirksausschusses.

Er selbst gehört auch dazu: Vor 25 Jahren kaufte er eine Wohnung an der Baaderstraße, gemeinsam mit seinem Partner. Gerade noch rechtzeitig, so Miklosy. "Heute könnte man das als Normalverdiener auch zu zweit nicht mehr bezahlen."

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Miklosy beschreibt die typischen neuen Anwohner denn auch als "besserverdienende Doppelverdiener ohne Kinder". Die alteingesessenen Bewohner würden verdrängt, selbst Angehörige der Mittelschicht haben es schwer. Schwersenz kann den Teuerungstrend bestätigen: Seine Wohnung sei in den wenigen Jahren seit seinem Einzug schon um 30 Prozent im Wert gestiegen.

Die Handwerker im Hinterhof verschwinden

Beate Bidjanbeg hat 30 Jahre hier gelebt. 2012 ist sie dann doch in den Süden der Isarvorstadt ausgewichen. Beate Bidjanbeg ist Kollegin von Miklosy im Bezirksausschuss, die Veränderungen am Gärtnerplatz hat sie als Bürgerin und SPD-Stadtteilpolitikerin miterlebt. Besonders vom Strukturwandel im lokalen Gewerbe kann sie viele Geschichten erzählen.

Von 1978 an lebte sie mit ihrem Mann an der Baaderstraße 17. Ihr Mann ist Bildhauer und hatte im Erdgeschoss eine kleine Galerie. Heute hängen Brautkleider im Schaufenster. Gleich nebenan betreute lange Zeit Friseuse "Fräulein Helga" ihre Stammkunden. Als sie ihr Geschäft schloss, zog ein neuer Friseur ein, nein: ein Hairstylist, mit dem trendigen Namen "Coco".

Zwei Originale: Beate Bidjanbeg wohnte über 30 Jahre im Gärtnerplatzviertel. Bis heute geht sie gern zu ihrem Lieblingsgriechen.

(Foto: Florian Peljak)

Inzwischen, erzählt Bidjanbeg, schießen die Friseursalons nur so aus dem Boden, "aber unter 80 Euro kommt man da nicht wieder raus". Nur noch wenige Geschäfte im Viertel seien älter als ein paar Jahre, die Liste der Beispiele ist lang: Die alte Gassenschänke an der Klenzestraße ist heute eine Spezialitätenrösterei. Wo früher der "Holzwurm" Trödelwaren verkaufte, geht man heute zum "Fuß Spa & Waxing".