Gemütliche Flecken auf der Wiesn Der sanfte Ritt auf dem Weißbierkarussell

Nicht jedermann schätzt es, bei ohrenbetäubender Musik Maßkrüge zu stemmen. Wer auf der Suche nach einer etwas ruhigeren Alternative ist, dem sind die gemütlichen Karusselbars zu empfehlen.

Von Claudia Wessel

Wir treffen Landon Weiß, 26, in einem historischen Moment. Es ist 12.30 Uhr und er ist vor wenigen Minuten auf dem Oktoberfest angekommen. Der Kanadier trägt eine fesche blau-weiß-rote Kappe mit der Aufschrift "Canada Drinking Team" und nippt in diesem Moment an seinem allerersten Bier auf der Wiesn.

Bildstrecke

Zurück ins 19. Jahrhundert

Noch nie war er auf dem größten Volksfest der Welt, und das, obwohl er seit zwei Jahren in Hamburg Deutsch und Logistik studiert. Und wie der Zufall es will, ist sein allererstes Wiesnbier ein Weißbier. Denn am Eingang St. Paulskirche traf die Gruppe aus Kanada als erstes auf "Zierers Karussellbar", eines von vier Weißbierkarussells auf der Wiesn.

Auf dieser eleganten Erfindung, die seit zwölf Jahren auf dem Oktoberfest steht, wird der sanfte Rausch sozusagen von zwei Seiten produziert. Einmal durch das obergärige Franziskaner-Bier, zum anderen durch die sanfte Drehung mit der "Geschwindigkeit einer Rolltreppe", so Inhaberin Christine Zierer. Das hat zum einen den Effekt, dass man sich leicht gewiegt fühlt, zum anderen bekommt man ein Potpourri aus Geräuschen gratis zur sich von Runde zu Runde verändernden Wahrnehmung hinzu.

So dringen beim ersten Schluck die Schussgeräusche des "Euroball" ans Ohr, beim zweiten die verzerrten Ansagen des "Star Flyer", beim dritten das Kreischen aus dem "Free Style", beim vierten wieder die Schüsse. "Um diese Uhrzeit mag das mit dem Drehen noch gehen", findet Landons Freund Nathan Thompson, 29, der seit zwei Jahren in Plattling wohnt und übrigens bei den "Plattling Blackhawks" als Quarterback American Football spielt.

Später allerdings, wenn noch ein paar Maß Wiesnbier dazugekommen seien - er schätzt "vielleicht drei oder vier", Landon meint "eher sieben" - werde er diese Reizüberflutung wohl nicht mehr ertragen können. Doch dafür, dass die Jungs es nicht allzu schlimm treiben, wird die aus Kanada angereiste Mama Arlene Jackson sorgen. Sie trinkt keinen einzigen Schluck Alkohol und wird Landon, seinen Bruder Kyler und dessen norwegische Freundin Kiri-Ann am Abend wieder sicher nach Plattling kutschieren.

Wer beim Weißbiertrinken zwar gerne Karussell fährt, dabei aber lieber sitzt, braucht nur wenige Schritte weiter in Richtung Fischer Vroni zu gehen. Hier steht das "Oktoberfest-Spectaculum" aus dem Jahre 1879, wie in blumiger Schrift angeschrieben steht, Hofreiters "Carousel Schänke" . Etwas kleiner als Zierers und mit Barhockern und gemütlichen kleinen Tischen versehen, ist es noch etwas kommunikativer als das Stehkarussell. Denn wer gemeinsam am Tisch sitzt, der ist sofort per Du.

Wie am Montagnachmittag ein junges Paar, das sich bestens mit den Jungs einer Studentenverbindung versteht. Oder mit Manfred Maur. Der Rentner ist bekennender Stammgast bei Hofreiters, das Karussell traditionell der Ort, an dem er seine Frau nach dem Wiesnbummel schon mal vorschickt mit den Worten "Ich komm gleich nach." Dass er dann durchaus mal ein paar Stunden hier hocken bleiben kann, weiß die Gattin inzwischen.

Vielleicht sollte sie ihren Mann beim nächsten Wiesnbummel lieber auf die Café-Dreh-Bar "Guglhupf" entführen. Zwischen Löwenbräuzelt und Bräurosl gelegen, gibt es hier garantiert auch etwas für sie. Mohn- oder Marmor-, Eierlikör- oder Zwetschgenguglhupf, aber auch herzhafte Varianten als Hendl-Ersatz: Tomate-Olive-Guglhupf auf Thymian-Tomate-Balsamicosauce oder Lachsguglhupf auf Senf-Dillsauce.

Auch damenhaften Alkohol kann man hier erstehen, was auch Michaela Sladek, 30, und Stephanie Fischer, 23, zu schätzen wissen. "Wir trinken lieber Prosecco als Bier", sagen sie. "Und wir haben heute nach dem Biergarten ein schattiges Plätzchen gesucht."

In den nächsten Tagen könnte es eher sein, dass man ein warmes Plätzchen auf der Wiesn sucht. Auch das findet man im "Guglhupf". Die (durchsichtigen) Wände werden heruntergelassen, Heizstrahler angestellt und ein Marillenschnaps serviert. Und dann wird man schön gemütlich im Kreis gedreht.