Geflügelhaltung in München:Stadteier

Geflügelhaltung in München: Silke Jenny pürierte anfangs die Essensreste für die Hühner, doch inzwischen speisen die drei Wyandotten etwas weniger luxuriös.

Silke Jenny pürierte anfangs die Essensreste für die Hühner, doch inzwischen speisen die drei Wyandotten etwas weniger luxuriös.

(Foto: Catherina Hess)
  • 188 Geflügelhalter gibt es in München. Wer Hühner oder andere Geflügelarten in seinem Garten halten möchte, muss sie dem Veterinäramt melden.
  • Auch in einem Stadtgarten muss die Haltung artgerecht sein: mit großer Lauffläche, Artgenossen und einem Stall, in dem die Hühner Schutz suchen können.
  • Der Tierschutzverein befreit regelmäßig Geflügel aus Betrieben und Privatleute warten schon, die Tiere bei sich aufzunehmen.

Von Wiebke Harms

Dieses Jahr fährt Familie Jenny mit drei Wyandotten in den Urlaub. Für die zweistündige Fahrt ins Allgäu kommen Molly, Olga und Gerti nicht auf den Rücksitz, nein, in Transportboxen, denn es handelt sich bei den Dreien um Hühner. Neben der Ferienhütte im Allgäu will ihnen Silke Jenny ein fuchssicheres Gehege bauen. Wohnhaft sind sie aber eigentlich in Großhadern, unter einem Baumhaus im Garten der Familie.

Silke Jenny hält seit etwa einem Jahr Hühner - mitten in München. So wie es nach Angaben des Veterinäramts weitere 188 Geflügelhalter machen. Wer Hühner oder andere Geflügelarten in seinem Garten halten möchte, muss sie der Stadt melden. "Die meisten Tierhalter haben zum Spaß ein paar Tiere", sagt Peter Jaksch, Leiter des Veterinäramts.

Zum Spaß? Der vergeht Tierschützern, wenn die Hühner im Garten nicht artgerecht leben. "Wir erwarten eine große Lauffläche, Artgenossen und einen Stall, in dem die Hühner Schutz suchen können", sagt Judith Brettmeister vom Tierschutzverein. Das Münchner Tierheim vermittelt regelmäßig Hennen aus Legebetrieben, die sonst geschlachtet würden. 600 Hühner haben die Münchner kürzlich mit dem Verein "Rettet das Huhn" aus einem Betrieb in der Umgebung geholt. Sie sind allesamt vermittelt. "Die Leute fragen, wann die nächsten kommen", sagt Brettmeister.

"Jeder Bauer würde mich für verrückt erklären"

Silke Jenny hat ihre Wyandotten beim Züchter gekauft. Eine befreundete Familie brachte sie auf die Idee. "Die Kinder fanden das ganz toll", sagt die Yogalehrerin. Die Begeisterung der Kinder habe zwar inzwischen abgenommen und auch befreundete Hühnerhalter hätten ihre Tiere wieder abgegeben. Aber Jenny sorgt noch immer gern für die Wyandotten.

"Ich schaue jeden Tag im Stall nach, ob Eier da sind. Wenn ja, freue ich mich!" Ein bis drei Eier findet sie täglich im Stall. Deren Dotter sei von besonders kräftiger Farbe. Sie füttert ihre Hühner mit Bio-Kraftfutter, das ihr ein Demeter-Hof zuschickt, mit Salat und manchmal mit Essensresten. Anfangs habe sie die Küchenabfälle noch püriert, inzwischen ist sie mutiger. Aber alle Reste gibt sie ihren Haustieren nicht. "Ich übertreibe sicherlich. Jeder Bauer würde mich für verrückt erklären", sagt Jenny. Auf 40 bis 50 Euro schätzt sie die monatlichen Kosten für ihre Haustiere - günstiger als im Laden sind die Eier aus dem Garten sicher nicht.

Gegacker nach dem Eierlegen

Jenny bewohnt mit ihrer Familie eine Doppelhaushälfte, die Nachbarn stören sich aber nicht an den Hühnern. Der direkte Nachbar hatte sogar selbst mal welche und freut sich nun über die Gartenbewohner. Die Hühner machen nicht viel Krach, nur morgens: "Ein Huhn benimmt sich wie ein Hahn und kräht morgens", sagt Jenny. Ansonsten gackern sie, nachdem sie ein Ei gelegt haben - "weil sie stolz sind."

Geflügelhaltung in München: Ein Huhn kräht morgens wie ein Hahn. Sonst machen die Tiere kaum Krach.

Ein Huhn kräht morgens wie ein Hahn. Sonst machen die Tiere kaum Krach.

(Foto: Catherina Hess)

Im etwa 200 Quadratmeter großen Garten ist genug Platz für den Hühnerstall mit Auslauf. Anfangs durften Molly, Olga und Gerti im ganzen Garten herumlaufen. Aber die Hühner haben lange Krallen und scharren fleißig, entsprechend sah darum auch bald der Rasen aus. Familie Jenny passte deshalb einen fertigen Stall an ein Baumhaus ihrer Kinder an. Der Schlafplatz für die Hühner liegt unterhalb des eigentlichen Baumhauses und geht in ein offenes Gehege über. Im Baumhaus darüber liegen Matratzen für die Kinder.

Fertige Hühnerställe gibt es in den verschiedensten Ausführungen. Manche Hersteller verkaufen sogar kleine Modelle für den Balkon - der Markt dafür ist offenbar vorhanden. Auf Blogs und in Internetforen tauschen sich Besitzer über ihre Balkon-Hühner aus.

"Auf dem Balkon geht gar nicht"

Aber sollte man Hühner auf dem Balkon halten? "Das ist aus unserer Sicht nicht zu empfehlen", sagt Veterinäramtsleiter Peter Jaksch. Die meisten Balkone seien zu klein - die Hühner würden auch nicht besser leben als in einer Legebatterie. "Auf dem Balkon geht gar nicht. Wir würden das nicht vermitteln", stimmt Judith Brettmeister vom Tierschutzbund zu.

Ihre Hühner, sagt Jenny, machten nicht viel Arbeit, nur etwa zehn Minuten dauere es, Kothaufen einzusammeln, neues Stroh zu verteilen, zu füttern und die Eier zu suchen. Das aber jeden Tag - ein spontaner Urlaub ist da nicht mehr möglich. Die Familie fährt deshalb in eine Selbstversorgerhütte im Allgäu mit viel Platz drumherum, so dass Molly, Olga und Gerti mitfahren können und sich dort wohl fühlen. "Dann muss sich Opa nicht wieder kümmern", sagt Silke Jenny.

© SZ vom 04.04.2015/angu
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