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Gefahren für die Gesundheit:Pollen und Panikattacken

Kinderarzt Stephan Böse-O'Reilly leitet die Arbeitsgruppe Globale Umweltmedizin des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des Klinikums der LMU.

(Foto: Bert Woodward/Klinikum der LMU)

Arzt Stephan Böse-O'Reilly erklärt die Folgen des Klimawandels

Drei Jahre haben sich Münchner Wissenschaftler mit den Gesundheitsgefahren des Klimawandels beschäftigt. Zum Abschluss des Projekts stellt an diesem Montag die Arbeitsgruppe des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin des Klinikums der LMU ihre Ergebnisse vor. Stephan Böse-O'Reilly, Leiter des Projekts, berichtet über den Klimawandel aus pädiatrischer Sicht.

SZ: Sie sind Kinderarzt und Umweltmediziner. Wie verlief dieser Sommer für Sie?

Stephan Böse-O'Reilly: Als Mediziner muss ich sagen: Er war erneut zu heiß und in manchen Teilen Deutschlands zu trocken. Eine Folge davon ist, dass selbst jetzt im Spätsommer noch vermehrt Patienten mit Allergien in die Praxen kommen.

Was haben diese Fälle mit dem Klimawandel zu tun?

Die Reaktionen auf Ambrosiapollen nehmen zu. Die Pflanze kommt ursprünglich aus Amerika und gedeiht sehr gut unter den klimatischen Bedingungen, wie wir sie mittlerweile in Süddeutschland haben. Sie wächst bevorzugt an Autobahnen oder auf Brachflächen. Ambrosia bringt besonders viele und aggressive Pollen hervor. Aber auch andere Baumpollen nehmen zu.

Warum ist das so?

Die von uns Menschen verursachte Zunahme von CO₂ in der Luft führt zur weltweiten Erwärmung und begünstigt das Pflanzenwachstum. Das CO₂ wirkt wie ein Dünger, somit ist letztlich auch der Pollenflug intensiver - etwa von Birken. Die Ausbreitung der Ambrosiapflanze und die Zunahme der Birkenpollen gefährden gerade allergisch veranlagte Kinder, die mit Asthmabeschwerden reagieren können.

Mit der Hitze kommt auch die Ozonbelastung. Wie gefährlich ist Ozon?

Das ist ein großes Thema. Gerade bei Kindern kann Ozon Asthma und Bronchitis auslösen. Ozon entsteht aus Abgasen unter Sonneneinwirkung. Der geruchslose, unsichtbare Stoff kommt bereits jetzt im Sommer in gesundheitsschädlicher Konzentration vor und wird durch den Klimawandel voraussichtlich weiter zunehmen. Um diese Abgase in unserer Luft zu reduzieren, müssen wir dringend umdenken. Die Luftqualität kann nur durch politische Vorgaben und eigenes Verhalten verbessert werden: weniger Auto, mehr Fahrrad, was auch der eigenen Gesundheit nutzt.

Was haben Sie in den warmen Sommern der letzten Jahre noch festgestellt?

Die Hitze ist grundsätzlich ein Problem für Kleinkinder sowie natürlich auch für ältere Menschen. Bei Kindern haben wir glücklicherweise in Deutschland noch keine Todesfälle nachweisen können. Wir wissen aber, dass alleine der Hitzesommer 2003 in Deutschland 7000 Menschen das Leben gekostet hat, durch Austrocknung, Hitzeschlag und Folgen wie Herz- und Kreislauferkrankungen. Senioren, vor allem die, die sich nicht mehr selbst versorgen können, trinken immer wieder zu wenig, ziehen sich oft zu warm an und lüften nicht. Zur optimalen Versorgung wäre es wichtig, dass es auch in Bayern einen Hitzeschutzaktionsplan gibt, wie etwa in England. Dort gibt es klare Handlungsanweisungen für Ärzte und Pflegepersonal, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Was beinhaltet der Plan dort?

Dass senile oder demente Menschen bei einer drohenden Hitzewelle, und die kann man ja vorhersehen, verstärkt medizinisch und pflegerisch betreut werden. Dazu muss man natürlich wissen, wo diese Menschen leben: zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung.

Aber wie erreicht man die Menschen, die alleine wohnen?

Da die meisten einen Hausarzt haben, könnte dieser die Schnittstelle zu einer besseren Versorgung sein. Er könnte etwa Ehrenamtliche verständigen, die sich kümmern, oder Pflegedienste, die öfter vorbeischauen als sonst. Auch in Hessen gibt es seit Jahren so einen Aktionsplan.

Und in Bayern?

Einen Musteraktionsplan der Bund-Länder-Kommission gäbe es bereits. Schon bis zum nächsten Sommer könnten diese Handlungsempfehlungen auch bayernweit umgesetzt werden, wenn das Gesundheitsministerium eine Kabinettsvorlage erstellen würde.

Und was kann man selbst im kleineren Rahmen umsetzen?

Die Sonneneinstrahlung ist viel intensiver als früher, auch hier in Bayern: Also an Sonnencreme und Kopfbedeckung denken, Freiflächen etwa durch Sonnensegel beschirmen, auch auf Pausenhöfen in Schulen für Schatten sorgen. Dort sollte man überdenken, ob man Sportveranstaltungen, die ja bei uns immer Ende Juli stattfinden, auch durchzieht, wenn es 30 Grad und mehr hat. Ein besonderer Punkt, der zu wenig beachtet wird, sind die Extremwetterereignisse, die zunehmen werden.

Wird es auch hier Hurrikans geben?

Vielleicht nicht ganz so stark wie jetzt auf den Bahamas, aber Windgeschwindigkeiten und Regenmengen, die wir bisher nicht kannten, werden wohl immer wahrscheinlicher. Durch Gewitterzellen wird es auch in Regionen Überschwemmungen geben, die bislang verschont waren. In München könnte die Kanalisation bei einem Starkregen mit den Wassermassen im Extremfall nicht mehr fertig werden. Wenn ein Haus oder eine Straße überschwemmt werden, dann sind vor allem die Menschen gefährdet, die sich nicht selber helfen können. Also kleine Kinder und ältere Menschen. Und man wird hinsehen müssen, wie es den Menschen geht, die Werte und Erinnerungen verloren haben. Sie sind womöglich traumatisiert. Während die Eltern mit den Schäden beschäftigt sind, kümmert sich niemand um die seelische Gesundheit der Kinder. Die spüren die Sorgen ihrer Eltern, entwickeln Ängste. Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder nach Extremwetterereignissen vermehrt mit depressiven Symptomen, Panikattacken und Schlafstörungen reagieren. Dasselbe gilt natürlich auch bei Stürmen oder massivem Schneefall.

Das heißt, wir müssen Hilfsdienste und psychologische Betreuung verstärken?

Ja, wir müssen uns an die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels anpassen, und das bedeutet auch strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen. Dazu müssen wir das Wissen über diese Folgen verbreiten, wie wir das mit der Veranstaltung heute Abend tun wollen. Bereits jetzt zwingt uns die "Fridays for Future"-Bewegung ja, die eigenen Versäumnisse und Fehler zu erkennen. Und wir müssen bereit sein, unser eigenes Verhalten zu ändern: weniger Fleisch konsumieren, weniger fliegen, die Wege kurz halten und vieles mehr. Unser eigenes Verhalten in Frage zu stellen, hilft hoffentlich, unseren Kindern eine halbwegs lebenswerte und gesunde Welt zu hinterlassen.

"Gesundheit im Klimawandel", Vorträge am 16. September von 18 bis 21.15 Uhr, Großer Hörsaal der Haunerschen Kinderklinik, Lindwurmstraße 4