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Häusliche Gewalt:Frauen werden über Jahre von ihren Partnern erniedrigt

Hier kümmert sich die Polizei selbst um die Beratung und Betreuung der Opfer. Denn diese Taten wiegen zu schwer, um die Opfer an private Organisationen verweisen zu können, außerdem will die Polizei in intensiven Gesprächen mögliche weitere Verbrechen aufdecken. Bei 3200 Fällen häuslicher Gewalt kam so im vergangenen Jahr 1857 Mal eine MUM-Beratung infrage, in 445 Fällen wurde sie von den Opfern auch wahrgenommen. Dabei rufen die Berater kurz nach der Tat beim Opfer an und bieten ihre Hilfe an; die MUM-Verantwortlichen nennen das einen "proaktiven Beratungsansatz".

Auch Sabrina Lauer bekam am Tag nach dem Polizeieinsatz in ihrer Wohnung einen Anruf. Am Hörer war Melanie Bräu, die bei der Münchner Frauenhilfe arbeitet. "In diesem ersten kurzen Gespräch habe ich ihr signalisiert: Wir sind da, wir helfen", erinnert sich Bräu. Vier Tage nach der Tat kam Sabrina Lauer in die offene Sprechstunde der Frauenhilfe.

Dort erklärte ihr Bräu, wie sie weiter vorgehen sollte. "Sie musste zum Amtsgericht, um ein längeres Kontaktverbot für ihren Partner zu erwirken - auch zu den Kindern", sagt Bräu. Denn da gibt es Sonderregelungen, die das Verfahren oft verkomplizieren. Sabrina Lauer hatte insofern Glück, als sie mit ihrem Lebensgefährten nicht verheiratet war und er nie das Sorgerecht beantragt hatte; Anspruch auf Umgang mit den Kindern hatte er also zunächst nicht.

Durch die ausführliche Beratung seitens der Frauenhilfe lief zunächst alles reibungslos, Lauer trennte sich von dem Mann. Erst als das Kontaktverbot um sechs Monate verlängert wurde, stellte er seiner Ex-Freundin nach. Sie rief erneut die Polizei, wie Melanie Bräu sagt. Der Mann akzeptierte schließlich die Trennung. Er nahm auch am sogenannten "Partnerschaftsgewaltprogramm" teil, einer Art Anti-Aggressions-Training.

Doch für Sabrina Lauer ist das Trauma noch lang nicht überwunden. "Während unserer Gespräche stellte sich heraus, dass sie schon vier Jahre lang unter der Gewalt ihres Ex-Partners gelitten hat", erzählt Melanie Bräu. Mit Beginn der ersten Schwangerschaft habe er angefangen, sie zu beleidigen und ihr einzureden, dass sie vollkommen abhängig von ihm sei. Irgendwann fing er an, Lauer zu schubsen und zu schlagen - einmal sogar krankenhausreif. Über Jahre ging das so, ehe sich die Frau der Polizei anvertraute.

Den Schock muss jede Frau selbst verarbeiten

Kein Einzelfall: "Oft sind die Opfer sehr zögerlich, weil sie von ihrem Partner psychisch fertig gemacht werden. Sie haben Angst davor, was er ihnen antun könnte, wenn sie die Polizei rufen", sagt Beraterin Bräu. Außerdem erleben viele Opfer kurz nach der Tat einen sogenannten "Honeymoon" und verzeihen ihrem Partner, sobald er sich entschuldigt. "Oft bilden sich die Frauen ein, dass ihr Partner trotz allem noch zu ihnen passt", sagt Sibylle Stotz.

So hilft das MUM-Projekt den Opfern zwar, alles Nötige nach der Anzeige zu regeln und den Schock zu verarbeiten - weniger Fälle häuslicher Gewalt gibt es deshalb trotzdem nicht. So sagt Stotz: "Der gefährlichste Mensch für eine Frau ist und bleibt leider oft der eigene Mann."

© SZ vom 18.11.2016/vewo
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