Gedenkvorlesung an der LMU Im Sinne der Weißen Rose

LMU-Präsident Bernd Huber und Ludwig Spaenle (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Ludwig Spaenle plädiert für eine Kultur des Hinschauens

Von Sabine Buchwald

Vielleicht wäre es tatsächlich eine gute Idee in diesen wieder rauer werdenden Zeiten, die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) nach Sophie und Hans Scholl zu benennen. Der Akt der Namensänderung wäre ein Zeichen weit über München, Bayern, Deutschland hinaus. Die Idee ist nicht neu. Ludwig Spaenle griff sie in seiner Gedenkvorlesung am vergangenen Donnerstag im gut besuchten Audimax der LMU auch nicht auf. Aber in seiner Funktion als Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung plädierte er leidenschaftlich für Zivilcourage sowie eine Kultur des Hinschauens und erklärte die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose "nach allen gängigen Maßstäben" zu Vorbildern. Als besonders bemerkenswert erscheine ihm, dass sie frühzeitig auf die Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen hingewiesen haben, sagte Spaenle.

Am 22. Februar 1943 wurden die Geschwister sowie deren Freund Christoph Probst für ihr Engagement gegen das Naziregime verurteilt und wenige Stunden später in Stadelheim hingerichtet. 76 Jahre sind seitdem vergangen. Eine jährliche Gedenkstunde erinnert an ihren Tod und Widerstand. Zum Zeremoniell gehört ein gemeinschaftliches Teetrinken mit Hinterbliebenen etwa der Mitstreiter Alexander Schmorell und Kurt Huber. Auch Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, und LMU-Präsident Bernd Huber waren dabei. In seinem Namen steht ein mit weißen Rosen gebundener Kranz vor der Gedenktafel im Treppenfoyer des Hauptgebäudes. Vor ihm beugten Huber und Spaenle kurz vor 17 Uhr ihre Köpfe. Diese Geste wirkte wie ein Luftholen des Antisemitismusbeauftragten für seine folgende emotionale Rede.

"Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen" - mit diesem Zitat, das Dietrich Bonhoeffer zugeschrieben wird, hatte Spaenle bereits im Oktober einen Vortrag in der Schwabinger Erlöserkirche überschrieben. Damals hatte er auf Ereignisse in den USA hingewiesen, wo elf Menschen jüdischen Glaubens ermordet worden waren. Diesmal betonte er die Friedhofsschändung im Elsass und die Beleidigungen gegen den Philosophen Alain Finkielkraut in Paris, richtete dann aber seinen Blick nach Deutschland: 1646 antisemitistisch motivierte Taten seien im vergangenen Jahr bundesweit polizeilich registriert worden, zehn Prozent mehr als 2017. Die Zahl der Gewalttaten gegen Juden sei von 37 auf 62 gestiegen, so Spaenle. Angesichts solcher Zahlen rief er auf, den gesellschaftlichen Konsens des "Nie wieder" nicht infrage zu stellen und sich im Sinne Bonhoeffers dagegen zu stemmen. "Wir sind gefordert, uns an die Seite von Jüdinnen und Juden zu stellen."