Gedenkfeier "Leb' wohl, lieber Max"

"Unzähligen Menschen vermittelte er die Einsicht, dass jeder Einzelne für die Bewahrung der Demokratie mitverantwortlich ist", sagt Hans-Jochen Vogel.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Bei der Gedenkfeier der Israelitischen Kultusgemeinde für Max Mannheimer würdigen die Redner die Verdienste des Verstorbenen als Erinnerer, Warner und Aufklärer.

Von Thomas Schmidt

An Typhus erkrankt und bis auf die Knochen abgemagert wiegt Max Mannheimer gerade noch 37 Kilo, als ihn US-Soldaten im April 1945 aus dem KZ-Außenkommando Mühldorf befreien. Nur mit Glück überlebt er die Barbarei, seine Eltern, seine Ehefrau und zwei seiner Geschwister werden von Nationalsozialisten ermordet. Doch nicht der Hass auf das Unrecht, das ihm und Millionen anderen Juden angetan wurde, prägt fortan sein Streben, sondern die Suche nach Versöhnung. Vor einem Monat, am 23. September, ist Max Mannheimer mit 96 Jahren gestorben. Nun, am vergangenen Sonntag, nahm die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern Abschied.

Die Zahl von sechs Millionen vernichteten Juden im Zweiten Weltkrieg ist zu abstrakt, um sie emotional zu fassen. Erst die Begegnung mit Holocaust-Überlebenden wie Max Mannheimer macht das Leid erfahrbar. 30 Jahre erzählte er seine Geschichte, an Schulen, Universitäten, bei Führungen durch Gedenkstätten - auch um damit "nach und nach die ihn heimsuchenden Dämonen in den Griff zu bekommen", berichtet Mannheimers Sohn Ernst bei der Gedenkfeier im Jüdischen Gemeindezentrum am Sankt-Jakobs-Platz.

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Auch Ministerpräsident Horst Seehofer ist gekommen. Nationalsozialisten - Deutsche - hätten Mannheimer ausgebeutet, gedemütigt und gequält. Er musste "in die Abgründe von Hass, Gewalt und Menschenverachtung blicken" und hätte "allen Grund gehabt zur Verbitterung, zu Abscheu und Feindseligkeit". Stattdessen habe er die Herzen vor allem vieler junger Menschen geöffnet, berührt. "Ich kann nicht hassen", zitiert Seehofer die Worte Mannheimers. Dann spricht der Ministerpräsident noch zwei weitere Sätze des Gestorbenen aus, die so zentral sind für dessen Wirken: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Die Erinnerung an Mannheimer muss auch ein Blick in die Gegenwart sein. "Wir werden ihn vermissen", hebt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, an. Doch dann fährt sie fort: "Max Mannheimer soll weiter leben - sein viertes Leben." Sein viertes Leben, das seien die vielen Menschen, die im Gespräch mit ihm verstanden hätten, "welche Verantwortung ihnen im Hier und Heute und Morgen zukommt". Die Gesellschaft dürfe nicht zulassen, "dass er Teil der Vergangenheit wird". Seehofer betont: "Das Echo seiner Worte wird nicht verhallen."

Kein anderer Überlebender der Shoah habe die Münchner Erinnerungspolitik so geprägt wie er, betont Oberbürgermeister Dieter Reiter. Als Zeitzeuge habe er nicht nur "gegen das eigene Trauma angeschrieben", sondern auch einen gesellschaftlichen Prozess in Gang gesetzt. Bis weit in die Achtzigerjahre hinein habe sich die Stadt München schwer getan, sich ihrer besonderen Verantwortung für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu stellen. Dabei sei München "Keimzelle, Brutkasten und Motor des NS-Terrors" gewesen. Die Schaffung des NS-Dokumentationszentrums an der Brienner Straße sei Mannheimer ein "Herzensanliegen" gewesen. Fast möchte man in dem Erinnerungsort sein Vermächtnis sehen, so Reiter. Mannheimer sei ein "wahrhaft besessener Aufklärer" gewesen, der ohne jede Verbitterung dem Leid mit "einer fast schon unheimlichen Menschlichkeit entgegengetreten ist".

"Ich verneige mich vor dir"

Als sich nach dem OB dann Kultusminister Ludwig Spaenle hinter das Rednerpult stellt, donnern seine ersten vier Worte beinahe furchterregend durch den Saal: "Auschwitz. Warschauer Ghetto. Dachau." Ohne auf ein Manuskript hinunterzublicken, schaut Spaenle fest auf die Trauergemeinschaft vor ihm. "Aus dem Mund Max Mannheimers klingen diese Worte plötzlich ganz persönlich", fährt er fort. Mannheimer habe die Gabe besessen, "Erfahrungen plastisch wiederzugeben". Er "überragt jene Epoche der Zivilisationsbrüche, die ihn selbst zerstören wollte". Spaenle nennt Mannheimer nicht weniger als einen "Jahrhundertmann", der eine "unglaublich lange Wegstrecke" zurückgelegt und "tiefe Spuren hinterlassen" habe.

Bei aller Traurigkeit erinnert Mannheimers Sohn Ernst vor allem an den Humor und die Lebensfreude seines Vaters, auch wenn dessen alte Dämonen allzu oft präsent gewesen seien. So erzählt Ernst Mannheimer die Geschichte, wie sein Vater den Rang als Chevalier der französischen Ehrenlegion erhielt. Max Mannheimer habe damals gesagt, es sei ihm eine große Ehre, den Napoleonischen Stern zu tragen. "Es ist der zweite Stern. Den ersten musste ich seit dem 1. September 1941 auf der Kleidung tragen, wenn ich das Haus verließ", habe sein Vater angefügt. Und weiter: "Alle sonstigen Auszeichnungen waren Kreuze - für einen Hebräer nicht gerade passend."

Max Mannheimer war ein ironischer, humorvoller Mensch, und so passt es dann auch, dass seine Ehrengäste zum Abschied immer wieder fröhlich lachen, während sie sich in Trauer seiner erinnern. Bewegend wird es dann wieder, als Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel Abschied nimmt von einem Mann, den er als Freund bezeichnet. "Leb' wohl, lieber Max", spricht Vogel mit fester Stimme. "Du bist zwar gestorben, aber in meinem Herzen wirst du weiterleben als einer der Großen der letzten hundert Jahre." Für einen kurzen Moment hält Vogel inne, dann spricht er seine letzten Worte, bevor er die Bühne verlässt: "Ich verneige mich vor dir."

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