Karl Heinrich Ulrichs Urvater der Schwulen-Bewegung

Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" wurde dieses Porträt von Karl Heinrich Ulrichs veröffentlicht. Repro: SZ

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Bereits vor 150 Jahren trat der Jurist Karl Heinrich Ulrichs in München für die Straffreiheit der "mannmännlichen Liebe" ein.

Von Constanze Radnoti

Es ist ein unscheinbarer Platz, den die Stadt München Karl Heinrich Ulrichs im Glockenbachviertel gewidmet hat. Nur ein kleines Schild weist auf die Errungenschaften des Juristen hin: "Mit seinem öffentlichen Eintreten für die reichseinheitliche Straffreiheit gleichgeschlechtlicher Beziehungen beim Deutschen Juristentag 1867 in München trug er wesentlich zur rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung Homosexueller bei", heißt es da.

Ulrichs gilt heute als Vorreiter der Schwulenbewegung. Zu seinen Ehren veranstaltete das Forum Homosexualität am Samstag, 26. August, um 19 Uhr einen Festakt im Vortragssaal des NS-Dokumentationszentrums.

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Ulrichs konnte die Früchte seiner Arbeit allerdings selbst nicht ernten - denn vier Jahre nach seiner revolutionären Rede begann für Homosexuelle in Deutschland ein dunkles Kapitel.

Ulrichs schrieb den Vortrag, der ihn berühmt gemacht hat, für den Deutschen Juristentag am 29. August 1867 im Münchner Odeon, heute Sitz des bayerischen Innenministeriums. Der Juristentag war sieben Jahre zuvor gegründet worden, um die Rechtseinheit in den deutschen Staaten zu fördern. "Deutschland war damals ein Flickenteppich", sagt der Historiker Wolfram Setz. Das spiegelte sich auch in der Rechtsprechung wieder.

"In Bayern war Homosexualität straffrei, in Preußen dagegen verboten." Ulrichs fuhr also mit der Absicht nach München, über diese unterschiedlichen Auffassungen zu sprechen und eine gesetzliche Regelung nach bayerischem Vorbild zu empfehlen. Er schlug vor, "dass angeborene Liebe zu Personen männlichen Geschlechts nur unter denselben Voraussetzungen zu strafen sei, unter welchen Liebe zu Personen des weiblichen gestraft wird", also straflos bleibe, solange die Rechte von niemandem verletzt würden und auch kein öffentliches Ärgernis erregt würde.

Sein Antrag schaffte es jedoch nicht einmal auf die Tagesordnung, weil allein seine Verlesung "die tiefste Indignation bei allen Anwesenden erregen müsste", wie es im Protokoll der Sitzung heißt. Ulrichs durfte vor der Versammlung seine Einwände gegen diese "Unterdrückung" vortragen - bis auch diese durch Zwischenrufe der anwesenden Juristen unterbrochen wurden.

Trotz des Misserfolgs gab Ulrichs seinen Kampf nicht auf. Er veröffentlichte seine Rede gemeinsam mit einem Bericht über den Juristentag in München in seiner zwölfbändigen Reihe "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe", und ein Jahr später forderte er den Juristentag - erneut vergeblich - dazu auf, das Thema zu diskutieren.

Stattdessen wurde 1871 Homosexualität im ganzen Kaiserreich unter Strafe gestellt. "Der 'Preußische Paragraf' dehnte sich aus, und Paragraf 175 wurde verabschiedet", sagt Wolfram Setz. Sexuelle Handlungen zwischen Männern waren fortan verboten, es drohte Gefängnis oder Zuchthaus.

Abgeschafft wurde der Paragraf erst 127 Jahre nach der Rede

Ulrichs zog 1880 nach Italien, wo er die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachte und eine Zeitschrift zur Förderung der lateinischen Sprache herausbrachte. Der Paragraf 175 jedoch blieb. Die Nationalsozialisten verschärften das Verbot später und verurteilten knapp 50 000 homosexuelle Männer, 5000 bis 6000 von ihnen wurden in Konzentrationslager gebracht. Die Bundesrepublik hielt auch nach Ende des Dritten Reichs an der verschärften Fassung des Paragrafen 175 fest, erst 1969 wurde er reformiert. Es dauerte danach aber noch einmal 25 Jahre, bis der Paragraf abgeschafft wurde - 127 Jahre nach Ulrichs' Rede vor dem Juristentag.

1898 prophezeite der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, dass Karl Heinrich Ulrichs in die Geschichte eingehen werde als "einer der ersten und edelsten, die in diesem Felde der Wahrheit und Nächstenliebe zu ihrem Recht zu verhelfen, mit Mut und Kraft bemüht gewesen sind". Hirschfeld sollte Recht behalten: Obwohl Ulrichs' Kampf für Gleichberechtigung mehr als 100 Jahre weitestgehend vergessen war, wird er heute als "Urvater" der Homosexuellenbewegung gefeiert.

So nun auch am Samstag: Beim Festakt des Forums Homosexualität spielte eine Theatergruppe seinen Vortrag nach, anschließend würdigte Wolfram Setz Ulrichs in einer kurzen Rede. Der Historiker Andreas Pretzel sprach zudem über die Entwicklung des Paragrafen 175, zum Abschluss der Veranstaltung kommen Menschen, die selbst von dem Gesetz betroffen waren, zu Wort. Noch vor Beginn des Festakts, um 15.30 Uhr, fand ein Stadtspaziergang auf den Spuren Karl Heinrich Ulrichs' statt. Treffpunkt war der unscheinbare Platz am Glockenbach.

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