Gedenken Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte diese Stolpersteine in Chemnitz.

(Foto: dpa)

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus - etwas anderes wäre viel wichtiger.

Kommentar von Martin Bernstein

Stolpersteine sind eine gute Sache, weil sie Menschen in ihrem Alltag dazu bringen, innezuhalten, zu gedenken, vielleicht sogar etwas zu lernen. Und Bürgerbeteiligung in Form direkter Demokratie ist auch etwas Gutes. Da muss ein Bürgerbegehren zur Frage, ob in München künftig Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegt werden dürfen, doch erst recht gut sein.

Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Das jetzt angekündigte Bürgerbegehren erweist der Erinnerungskultur in München einen schlechten Dienst. Und beweist wieder einmal die gar nicht so neue Erkenntnis, dass gut gemeint oft das genaue Gegenteil von gut ist.

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Es stimmt ja nicht, was der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete Hildebrecht Braun und seine Mitstreiter behaupten: dass es in München keine angemessene Form des Gedenkens an die Opfer der Nazi-Zeit gebe. Es gibt das von Braun mit angestoßene NS-Dokumentationszentrum. Es gibt die Gruppe der Stolperstein-Befürworter, die seit Jahren auf Überzeugungsarbeit setzt, zunächst bei der Stadt, jetzt bei Hausbesitzern.

Und die so schon viele Erinnerungsorte auf privatem Grund geschaffen hat. Es gibt die städtischen Stelen und Gedenktafeln, deren erste im Juli öffentlich eingeweiht wurden. Beide Initiativen werden von ausführlichen Dokumentationen im Internet begleitet. Die Initiatoren des geplanten Bürgerbegehrens gehen also von falschen Voraussetzungen aus.

Schlimmer sind aber die möglichen Folgen. Braun behauptet, 35 000 Unterschriften könnten den Stadtrat zum Umdenken bewegen, der sich "massivem Druck" ausgesetzt sehe. Da kann Braun noch so sehr beteuern, das Begehren richte sich nicht gegen die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde - wenn er gleich im nächsten Satz genau das andeutet, dann betreibt er ungewollt ein gefährliches Spiel.

Antisemiten und rechte Verschwörungstheoretiker würden das gerne in ihrem Sinn verwenden. Juden selbst wären dann ja schuld, dass ihrer ermordeten Angehörigen nicht so gedacht werden kann, wie es eine Mehrheit angeblich will. Perfider ginge es nicht.

Nein, München braucht keinen an Infoständen ausgetragenen Streit von Demokraten über die richtige Form des Gedenkens. Es braucht Demokraten, die Tag für Tag die richtigen Lehren aus diesem Gedenken ziehen: Nie wieder!

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