Gedenkaktion "Er hatte ein Recht auf Leben"

Nah genug an der Mauer und damit nicht auf öffentlichem Grund: An der Franziskanerstraße verlegt Gunter Demnig den Gedenkstein für Anton Braun.

(Foto: Florian Peljak)

Auch an Anton Braun, ein Mordopfer der Nazis, erinnert nun ein Stolperstein. Mittlerweile sind es 90 an 29 Orten in München

Von Martin Bernstein

"Er arbeitet nicht", lautet der letzte Eintrag in Anton Brauns Krankenakte. Der Vermerk vom September 1940 ist das Todesurteil für den damals 30 Jahre alten promovierten Chemiker. Am 24. Oktober 1940 wird der Münchner weggeschafft - aus der Kreis-Heil- und Pflegeanstalt in Haar ins oberösterreichische Schloss Hartheim bei Linz. Dort wird er noch am selben Tag in einer Gaskammer ermordet. Einer von etwa 2000 geistig, seelisch oder körperlich behinderten Münchnern, die die Nationalsozialisten ermorden lassen: von 1940 bis 1941 in der Krankenmord-Aktion "T4" in Hartheim, danach in der Anstalt Haar-Eglfing selbst, wie Michael von Cranach berichtet. Der frühere ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren engagiert sich seit Jahren bei der Aufklärung der NS-Krankenmorde. Anton Brauns mutmaßlicher Mörder - ein Arzt - wird trotz Anklage nie verurteilt und stirbt im Alter von 90 Jahren. Das Verfahren gegen ihn wurde 1975 eingestellt. Wegen Krankheit.

Seit Montagmorgen erinnert ein Gedenkstein vor dem Haus Franziskanerstraße 41 an Anton Braun. Ein Stolperstein, verlegt so nahe an dem Haus, dass er bereits auf Privatgrund des Bauvereins Haidhausen liegt. Denn auf öffentlichem Grund dürfen in München keine Stolpersteine verlegt werden. Die Verfechter eines Bürgerbegehrens um den ehemaligen FDP-Stadtrat Hildebrecht Braun kritisieren das: "Die Opfer der Nazis auf Privatgrund zu verdrängen, ist nicht hinnehmbar", lässt Braun via Presseerklärung wissen. Während er das schreibt, verlegt der Künstler Gunter Demnig weitere 31 Gedenk-Platten - in der Mariahilfstraße, der Zeppelin-, Ickstatt-, Walther-, Elisen-, See-, Leopold-, Keuslin- und Türkenstraße. Insgesamt 90 Stolpersteine liegen am Ende des Tages an nun 29 Orten in München. Und Monika Offenberger von der Initiative Stolpersteine für München widerspricht Braun: Alle Steine für Opfer der Nazi-Herrschaft seien öffentlich sichtbar. Das sei Demnigs Anliegen - in Hinterhöfen würden keine Steine verlegt. Offenberger dankt den beteiligten Hausbesitzern für deren Aufgeschlossenheit. Und den Angehörigen der Opfer.

Margareta Flygt aus Malmö ist eine von ihnen. Anton Braun war der Cousin ihrer Mutter. Während Demnig den Stolperstein ins Pflaster einsetzt, erzählt Flygt, was sie über ihren Verwandten weiß: dass er 1933 erstmals wegen angeblicher "Schizophrenie" in eine Anstalt eingewiesen wurde, dass er 1936 zwangssterilisiert wurde und im selben Jahr im Fach Chemie promovierte, dass er 1938 für immer weggesperrt wurde. Und dass er möglicherweise selbst nationalistisch gesinnt war. Seine Briefe habe er "mit deutschem Gruß" unterschrieben. "Ich weiß nicht, ob ich ihn gemocht hätte", sagt Margareta Flygt. Aber Opfer seien nicht dafür da, Heilige zu sein. "So oder so", sagt sie, "er hatte ein Recht auf Leben".