Geburtstag:Ganz genau hinsehen

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Rainer Zimnik in seiner Atelierwohnung in München, 2019

Reiner Zimnik, hier noch in seiner alten Wohnung in der Veterinärstraße, die er letzten Herbst nach 60 Jahren verlassen musste.

(Foto: Catherina Hess)

Reiner Zimnik hat als Autor, Zeichner und Maler den grantelnden Sebastian Gsangl erfunden und Kinder mit dem Buch "Bills Ballonfahrt" träumen lassen. Am 13. Dezember wird er 90

Von Sabine Reithmaier

Ein alter Grantler hat Reiner Zimnik schlagartig berühmt gemacht. 1961 entwickelte der Künstler für eine BR-Fernsehserie die Figur des Sebastian Gsangl, nicht ahnend, dass er mit ihm 24 Jahre lang das Münchner Zeitgeschehen kommentieren würde, den U-Bahn-Bau, die Olympischen Spiele oder einen Wetterumschwung. Lieber als den Stammtischbruder im schlecht sitzenden Trachtenanzug oder dessen Fernseh-Vorgänger, den schmalbrüstigen Dienstmann "Lektro", zeichnet Reiner Zimnik Flugzeuge, Frauen oder Winterlandschaften. An diesem Sonntag feiert der Autor, Zeichner und Maler seinen 90. Geburtstag.

Zimnik wird am 13. Dezember 1930 in Oberschlesien geboren. Vierzehnjährig flieht er mit Mutter und vier Geschwistern vor der sowjetischen Armee aus Beuthen. Jahre später, zwischen 1971 und 1975, hält er in seinen fein gestrichelten Winterzeichnungen Erinnerungen an die Flucht fest, vermummte Soldatenhorden, die sich in verschneiten Landschaften nackten Frauen bedrohlich nähern. Doch erst macht er in Niederbayern eine Schreinerlehre, bevor er an der Münchner Kunstakademie Malerei und Grafik studiert. Zeichnen lernt er dort bei Josef Oberberger, einem Meisterschüler Olaf Gulbranssons. Ähnlich wie Letzterer ist Zimnik ein grandioser Zeichner und scharfer Beobachter, zudem aber auch noch ein wunderbar poetischer Geschichtenerfinder.

Noch während der Studienzeit bringt er 1954 seine ersten Bücher heraus: "Jonas der Angler", die Geschichte eines Weltreisenden, oder "Der Bär und die Leute", eine Begegnung zwischen Mensch und Tier. Zimnik bleibt in München, macht sich schnell einen Namen als Buchillustrator, bald auch als Autor. Neben den eigenen Büchern für Kinder und Erwachsene - besonders beliebt das Bilderbuch "Bills Ballonfahrt" (1970) - illustriert er auch Werke von Wolfdietrich Schnurre, Gerhard Polt und anderen.

In den Achtzigerjahren porträtiert er - ebenfalls fürs Fernsehen - zwölf frei stehende Bäume und entwickelte dazu Geschichten, die im Schatten der alten Riesen spielen. Die "Biergarten-Kastanie im Hirschgarten" etwa, die er in 17 Bildern mit der Lebensgeschichte eines Mannes verknüpft, der eigentlich am liebsten unter diesem Baum sitzt und sein Bier trinkt. Eine bitterböse Geschichte, die den Biergartenbesucher in den Krieg, ins Gefangenenlager, in Demütigung und Zorn begleitet. Als Maler arbeitet er bevorzugt in Zyklen, beschäftigt sich über Jahre hinweg mit einem Sujet. Zu seinen Lieblingsmotiven zählen Frauen. Die "Venen von Willendorf", mal vier, mal fünf Frauen, die seit 1994 entstehen, haben riesige Hängebrüste, Speckfalten im Rücken und eigenartige, an Bienenkörbe erinnernde Kopfbedeckungen. Archaische, lebensfrohe Urmütter. Andere Frauenakte tragen Blumenhüte oder Flügelhauben und auffällige, hochhackige Schuhe.

Aber der vielseitige Zimnik, ausgezeichnet mit einer Fülle von Preisen, reagiert mit seinem Stift auch auf den Krieg in Bosnien und Herzegowina, lässt in der "Ethnischen Säuberung" eine lange Flüchtlingskarawane durchs Bild ziehen, bewacht von einem grässlich grinsenden Maschinengewehr-Soldaten. Mit dem Militär hat er so seine Probleme, Soldaten malt er mit Pappnasen als "Tanzende Clowns".

Bitter war es, als er im Herbst vergangenen Jahres nach fast 60 Jahren aus seiner Wohnung in der Veterinärstraße ausziehen musste. Der Eigentümer hatte wegen Eigenbedarfs die Zwangsräumung durchgesetzt. Doch auch das hat Zimnik überstanden. Selbstmitleid liegt eben weder ihm noch seinen Figuren.

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