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Geburtstag:Das pralle Leben

Der Bildhauer Martin Mayer wird 90

Von Evelyn Vogel

Er weiß, beliebte Fotomotive sind so eine Sache. Schließlich fotografiert Martin Mayer selbst seit Jahrzehnten und kennt die Macht der Bilder. Dass also sein sitzender Keiler vor dem Jagd- und Fischereimuseum in München auch deshalb zu seinen bekanntesten Werken zählt, weil diese Bronzeskulptur unzählige Male von Passanten fotografiert wurde und es bis in die sozialen Medien hinein zu einiger Berühmtheit gebracht hat, kann ihn nicht weiter verwundern. Aber stören tut es ihn schon ein wenig.

Weshalb der Bildhauer, der an diesem Samstag seinen 90. Geburtstag begeht, das auch noch einmal betont. Das Gespräch findet coronabedingt telefonisch statt. Aber die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt so kraftvoll und frisch, dass man am liebsten mit Martin Mayer durch München streifen und sich zu jeder einzelnen seiner Plastiken die Geschichte erzählen lassen würde.

Obwohl viele von ihnen weithin bekannt sind. Vor allem die des Keilers. Bernhard Borst hatte sich für seine Borstei eine Eins-zu-eins-Kopie der Fontana del Porcellino in Florenz gewünscht und den jungen Bildhauer Mayer extra dafür nach Italien geschickt. Als Kopist wollte Mayer jedoch nicht in die Geschichte eingehen. Und so wurde aus dem häuslichen Florentiner Eber ein wilder Münchner Keiler, der 1960 wie vorgesehen in der Borstei in Moosach, wo Mayer Wohnung und Atelier hat, seinen Platz fand. Die Version in der Innenstadt ist ein Guss von 1976, den das Museum selbst später in Auftrag gegeben hatte.

Der Viecher sei es hier aber nun genug. Denn zwar gibt es noch den Kranich am ehemaligen Riemer Flughafen, Mayers Schwerpunkt als Bildhauer lag aber immer auf der menschlichen Gestalt. Die hatte bei ihm bevorzugt pralle weibliche Rundungen, die manch einen spontan an Botero-Frauen erinnern mag, obwohl Mayer als Vertreter der klassisch-modernen Skulptur in der Tradition von Auguste Rodin, Aristide Maillol, Marino Marini und Henry Moore gilt. Doch keiner von ihnen, so sagt er, sei je sein Vorbild gewesen. "Mein Vorbild war immer die Natur."

Zu Mayers bekanntesten Frauengestalten zählt die "Olympia Triumphans", die seit den Siebzigerjahren im Olympiapark auf Händen steht. Auch die "Bukolika", die in der Münchner Au an der Ludwigsbrücke sitzt, kennen viele. Der Franziskus am St.-Anna-Platz im Lehel stammt ebenso aus Mayers Werkstatt wie die Luther-Statue im bayerischen Weißenburg.

Dort wie im pfälzischen Kaiserslautern ist der in Berlin geborene Mayer aufgewachsen. Weißenburg hat ihm 2019 eine große Ausstellung gewidmet. Und in der Südpfalz stehen in mehreren Städten auf öffentlichen Plätzen lebensgroße Skulpturen des Bildhauers, der mit 15 Jahren Privatschüler von Theodor Georgii, dem Schüler und Schwiegersohn Adolf von Hildebrands, in München wurde und später bei ihm an der Münchner Kunstakademie studierte. Auch in Stein hat Mayer gearbeitet, und er hat Bronzebüsten geschaffen, unter anderem von dem Komponisten Mark Lothar, dem Philosophen Ernst Bloch und dem Architekten Borst, der für die Keilerei verantwortlich war.

Gesundheitlich gehe es ihm gut, erzählt Mayer noch am Telefon, und weil er Geburtstage sowieso nie groß gefeiert habe, sei es auch kein Problem, den 90. im kleinen Kreis zu begehen. Im Bildhaueratelier sei er in den vergangenen Jahren weniger zu finden, dafür fotografiere er noch mehr als früher. Zum Beispiel den sitzenden Keiler.

© SZ vom 16.01.2021
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